In diesem Turm kann die Winterzeit was erleben
Morgen wird die Uhr zurückgestellt. Bei Pfarrer Mairitsch in der Klagenfurter Stadthauptpfarrkirche ist alles etwas aufregender.
Einszweidrei im Sauseschritt läuft die Zeit, wir laufen mit? Bei Wilhelm Busch vielleicht, aber nicht an der Klagenfurter Stadthauptpfarrkirche St. Egid. Da stolpert die Zeit, da wird sie von Blitzen lahmgelegt und keucht anschließend der Echtzeit hinterher, da lässt sich eine verborgene Turmuhr von 1780 von einer Atomuhr anfunken und übt jede Stunde Selbstkritik. Doch trotz diesem charmanten Chaos geht die Uhr auf Klagenfurts höchstem Kirchturm (fast) immer genau. Und wenn Monsignore Markus Mairitsch - wie bei der Zeitumstellung heute Abend - an der Uhr dreht, stellt er tiefsinnige Überlegungen an wie: "Der moderne Mensch hat für nichts Zeit! Aber in solchen Momenten kann man ruhig an seine Lebenszeit und die letzte Stunde denken. Und an das, was unser Leben leichter macht oder erschwert, was überflüssig und was sinnvoll ist. Denn wenn man symbolisch die Zeit beeinflussen kann, dann auch das eigene Leben."
Weniger Elektrosmog. Im Stadtpfarrturm stecken (von oben nach unten): die "neue" elektro-mechanische Uhr von 1953, die Türmerwohnung, die Glockenstube und - hinter zugemauerten Fenstern - die alte Uhr von 1780. Die Umrüstung auf Funksignale in den 1990er Jahren machte man hier nicht mit. Mairitisch: "Wir wollten möglichst wenig Elektrosmog, und es hat ja alles funktioniert." Statt dessen beherrscht er die Turmuhr von einer Pendeluhr in der Sakristei, deren Impulse nach oben übertragen werden. Stromausfälle - nach Blitzschlag (im Schnitt drei pro Jahr) - kann ein Uhrengewicht drei Tage lang überbrücken. Wird die Uhr repariert, läuft sie bis zu dreieinhalb Stunden im Sauseschritt, bis sie die Echtzeit wieder eingeholt hat.
Verbindung mit Funkuhr. Auch die alte Uhr hat eine Aufgabe, denn sie startet die Glockenschläge. Sie geht zwar bis zu 15 Sekunden pro Stunde falsch, doch sie ist mit einer Funkuhr verbunden. Die nimmt die Signale einer Atomuhr auf, berechnet die Abweichung und gleicht sie jede Stunde aus. In diesem Wunderland der Zeit ist die Umstellung auf die Winterzeit überraschend simpel, und Monsignore Mairitsch gönnt sich dabei ein bisschen Bequemlichkeit: "Eigentlich müsste ich ja das Uhrenpendel in der Sakristei Sonntag früh um drei anhalten und nach einer Stunde wieder anwerfen. Aber das mache ich lieber heute um 22 Uhr."
Nur Zeitumstellung. Wer sich also heute Nacht zwischen 22 und 23 Uhr in Klagenfurts Innenstadt herumtreibt und beim Blick auf die Turmuhr das Gefühl hat, die Zeit sei stehen geblieben, kann beruhigt sein: Nein, es ist nicht der Alkohol - sondern nur die Zeitumstellung.










