Urknall
Die Villacher Hochenergiephysikerin Claudia Elisabeth Wulz ist maßgeblich am weltgrößten Experiment der Wissenschaft beteiligt. Startschuss am 10. September.
Wie fühlt sich eine maßgeblich beteiligte Physikerin knapp vor dem weltgrößten Experiment, dem die Elite der Wissenschaft mit Hochspannung entgegenfiebert? "Nervös bin ich nicht", sagt die aus Villach stammende Hochenergiephysikerin Claudia Elisabeth Wulz (48) vom europäischen Kernforschungszentrum Cern in Genf, wo am Mittwoch die größte jemals gebaute Maschine, der leistungsstärkste Teilchenbeschleuniger der Welt LHC, eingeschaltet wird und Aufschluss geben soll, wie die Materie und damit unsere Welt aufgebaut ist (siehe Info-Kasten Seite 23).
Perfekt. "Wir haben zwanzig Jahre lang auf diesen Moment gewartet, alles ist perfekt vorbereitet, es kann nicht viel schief gehen", beteuert die zweifache Mutter, die am Cern schon 1982 als Summer-Student anheuerte und an Experimenten beteiligt war, dessen Leiter in der Folge mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Ihr Forschungsteam wirkte an der Entdeckung der Intermediären Vektorbosomen mit. Sie sind Vermittlerteilchen und waren die vorletzten fehlenden Bausteine des so genannten Standardmodells der Teilchenphysik. In diesem Modell werden die bekannten Elementarteilchen und die Kräfte, die zwischen ihnen wirken, beschrieben.
Urknall. Der letzte Baustein ist das "Higgs-Teilchen", das im LHC (Large Hadron Collider) entdeckt werden soll. In einem 27 Kilometer langen Tunnel werden Elementarteilchen (Hadronen) nahezu auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und mit unglaublicher Wucht zur Kollision gebracht. Die dabei entstehenden Energien lassen Bedingungen erzeugen, wie sie Bruchteile von Sekunden nach dem Urknall geherrscht haben. "Es geht um die Erkenntnis, woraus das Universum besteht und darum, seine Gesetze zu entdecken", erklärt Wulz, die am Villacher Peraugymnasium mit Auszeichnung maturiert und 1986 sub auspiciis praesidentis promoviert hat.
Ausgezeichnet. Auf praktische Erfolge der Teilchenphysik angesprochen, verweist die schon 1991 mit dem Erich-Schmid-Preis Ausgezeichnete auf die Computertomographie oder die digitale Fotografie. Auch das Worldwide Web sei vor 25 Jahren am Cern erfunden worden. Damit die erwünschten Kollisionen im Tunnel, der ringförmig von Genfer Flughafen bis zum französischen Jura und zurück verläuft, aufgezeichnet werden können, bedarf es eines komplizierten elektronischen Systems. In vier hausgroßen Detektoren, etwa CMS, kreuzen sich die Teilchenstrahlen. "Da 40 Millionen Kollisionen in der Sekunde stattfinden, müssen die interessantesten Ereignisse ausgewählt werden, also die Teilchen mit der höchsten Energie". Dafür braucht es einen CMS-Trigger.
Komplex. Die komplexe Programmierung, die die Auslotung unzähliger Möglichkeiten und enorme Computersimulationen einschließt, hat Wulz als Leiterin der österreichischen Trigger-Gruppe koordiniert und mitentwickelt. "Ohne die von der österreichischen Gruppe entworfene Trigger-Elektronik könnte kein einziges Teilchen entdeckt werden. Das Experiment wäre ohne Daten nutzlos." Die ersehnten Kollisionen werden aber erst ein paar Monate nach dem 10. September stattfinden.
Klavier und Cello. Am Mittwoch werden erst einmal Protonenpakete aus ionisierten Wasserstoff-Atomen durch den Ring mit den 1600 supraleitenden Magneten geschossen. "Da passiert gar nichts, das Schwarze Loch wird uns nicht verschlingen", lacht die Wahlfranzösin, die jeden Tag über die Grenze in die Schweiz fährt, nicht viel Schlaf braucht und so nebenbei in zwei Amateurorchestern Klavier und Cello spielt.
Mutter und Hobby-Funkerin. Nach der Geburt ihrer Kinder, die jetzt acht und elf Jahre alt sind, ging sie nur vier Monate in Karenz, arbeitete aber per Computer von zu Hause aus weiter. Die Kinderbetreuung teilt sie sich mit ihrem Lebensgefährten, Experiment-Mitbegründer Friedrich Szoncso, der ebenfalls manchmal zu Hause arbeitet. "Wir sind ohne Babysitter ausgekommen", sagt die leidenschaftliche Amateurfunkerin mit Vorliebe für Erde-Mond-Erde-Kontakte, bei denen der Mond als reflektor benutzt wird. Gestresst sei sie nur selten. "Ich versuche, halbwegs organisiert zu sein."
Bahnbrechend. Ihr großes Ziel ist es herauszufinden, woraus die "dunkle Materie" des Universums besteht. "Im nächsten Jahr können wir bahnbrechende Entdeckungen erwarten", sagt Elisabeth Wulz zur Kleinen Zeitung.











