Der "Gott von Tschukotka" tritt ab
Der russische Milliardär Roman Abramowitsch gibt auf eigenen Wunsch sein Amt als Gouverneur von Tschukotka ab. Seit seinem Amtsantritt erlebte die Polarregion ein Wirtschaftswunder.

Foto © APARoman Abramovich
von der Hölle in den Himmel, von der Eiswüste zur Steueroase: Das sind Geschichten, die das Leben selten schreibt. Es sind Wundergeschichten aus Tschukotka, der Halbinsel am nordöstlichen Zipfel des eurasischen Kontinents, wo im Winter die Sonne nie auf- und im Sommer nie untergeht. Hier in der Eiswüste am Polarkreis hatte der Multimilliardär Roman Abramowitsch vor acht Jahren eine weitere Spielwiese gefunden, um mit seinem Geld die Welt nach seinen Wünschen zu gestalten.
Ohne staatliche Subventionen war die auf Rohstoffabbau konzentrierte Wirtschaft in Tschukotka Anfang der 90er-Jahre fast vollständig zusammengebrochen. Was es noch zu holen gab, landete in den Taschen des korrupten Gouverneurs Alexander Nasarow. Die Jungen und die Schlauen wanderten aus. Die zurückgebliebenen Familien harrten in den wenigen noch beheizbaren Gebäuden aus und ernährten sich von Fisch und Rentierfleisch, wie die Ureinwohner.
1999 kandidierte der heutige Besitzer des Londoner Fußballklubs Chelsea in Tschukotka für einen Sitz im nationalen Parlament. Seine Wahl leitete eine Zeitenwende ein. Abramowitsch schiffte Lebensmittel, kanadische Fertighäuser und Treibstoff nach Norden und ließ Schulkinder in den Sommerferien ans Schwarze Meer fliegen. Im Oktober 2000 wurde der damals 34-Jährige zum Gouverneur gewählt - mit 92 Prozent der Stimmen.
Endlich wurden die Löhne wieder regelmäßig ausgezahlt - aufs Bankkonto, abrufbar per Plastikkarte, um spontane Wodka-Einkäufe zu erschweren. Zum Aufbau neuer Infrastruktur brachte Abramowitsch seine eigene Mannschaft mit - Manager seiner Ölfirma Sibneft. Die Hauptstadt Anadyr erinnere an Berlin nach der Wende, berichtete die Iswestja: Überall töne der Lärm von Vorschlaghämmern und Baukränen. Türken und Kanadier bauten neue Hotels, Ex-Jugoslawen brachten den Flughafen auf internationalen Standard. In Abramowitschs Amtszeit versechsfachte sich das regionale Bruttosozialprodukt und der Durchschnittslohn beträgt rund 700 Euro. Die Geburtenzahlen nehmen wieder zu. Bei einer Internet-Umfrage auf www.chukotken.ru wussten vor zwei Jahren 20 Prozent aller Teilnehmer auf die Frage "Wer ist für Sie Abramowitsch?" nur eine Antwort: "Gott".
Spekulationen. Viel wurde darüber spekuliert, warum sich der zweitreichste Russe der ärmsten Landesregion annahm. Und warum er zu Gunsten des Gouverneurspostens auf die strafrechtliche Immunität eines Dumamandats verzichtete. Manche führen seine Großzügigkeit auf die eigene schwere Kindheit zurück: Bereits mit vier Jahren hatte Abramowitsch Vater und Mutter verloren. Verbreitet ist auch die Meinung, Tschukotka sei die Strafe des Kreml dafür, dass "Roma" wie die meisten Oligarchen nicht legal zu seinen ersten Millionen gekommen ist.
Steuerparadies. Es gibt auch die Vermutung, der ehemalige Sibneft-Hauptaktionär wolle sich die Bodenschätze unter den Nagel reißen. Tatsächlich gibt es hier Öl und Gas, für das Sibneft sich Förderlizenzen gesichert hatte, doch der Abbau am Polarkreis ist schwierig und bisher unrentabel. Die plausibelste Erklärung ist denn auch, dass sich der Multimilliardär in Tschukotka ausnehmend günstige Steuerkonditionen geschaffen hat.
Mittlerweile hat sich Abramowitsch, dessen Vermögen auf über 20 Milliarden Dollar geschätzt wird, längst aus dem Erdölbusiness zurückgezogen und Sibneft an Gazprom verkauft. Für Tschukotka ein herber Schlag: Die Region verlor Steuereinnahmen von 100 bis 200 Millionen Dollar jährlich. Mit dem Verkauf seiner Erdölfirma schien der Milliardär auch das Interesse am politischen Amt verloren zu haben. Mehrmals hatte er in den vergangenen zwei Jahren Präsident Putin vergebens gebeten, ihn von der Bürde des Gouverneurspostens zu befreien. Nun erfüllte ihm Putins Nachfolger Dmitrij Medwedew den Wunsch und nahm Abramowitschs Rücktritt an. Ganz will sich der "Gott von Tschukotka" jedoch nicht von seinem gelobten Land abwenden: Sein geschäftliches und wohltätiges Engagement wird er fortsetzen.
Features
Roman Abramowitsch
Er wurde am 24. Oktober 1966 in Saratow geboren. Er gehört zu den russischen Oligarchen und ist bald nicht mehr Gouverneur der Region Tschukotka. Abramowitsch, Sohn jüdischer Eltern aus Saratow an der Wolga und früh eine Waise, hat 2008 nach Angaben des Wirtschaftsmagazins Forbes ein geschätztes Vermögen von 23,5 Milliarden US-Dollar und ist damit auf Platz 15 der Erde.










