Kritik am Krieg führt transsexuelle Sängerin vor Gericht
Nicht zuletzt für ihren Mut lieben die Türken ihre schrille Diva Bülent Ersoy: Weil sie den Kurdenkrieg kritisiert hat, drohen ihr drei Jahre Haft.

Foto © APBülent Ersoy nimmt sich kein Blatt vor den Mund
"Allahu Ekber" (Gott ist groß), ruft die 55-Jährige im schulterfreien Hochzeitskleid mit gewagtem Ausschnitt. Dann fasst sie ihren jüngeren Geliebten an der Hand und lässt sich lasziv ins Sofa fallen. Es ist Primetime. Auch in der Türkei sitzen fromme und sittliche Familien zu dieser Zeit vor dem Fernsehapparat, als die transsexuelle Chansondiva Bülent Ersoy ihrem konservativen Publikum ihre Liebe zu einem 20 Jahre jüngeren Mann erklärt. Seine Mutter kommt später im Kopftuch zur Hochzeit.
Urteil der Masse egal.
Es war vor ziemlich genau einem Jahr, als Bülent Ersoy mit dieser Szene ihre Fans wieder einmal auf die Probe stellte: Darf man so etwas überhaupt im türkischen Fernsehen zeigen? Nicht alle sagten "Ja". Doch die Mehrzahl hielt zum prominentesten Fernsehstar der Türkei, der übrigens transsexuell ist. Bereits vor 30 Jahren scherte sich Ersoy wenig um das Urteil der Masse. Damals, der junge Sänger Bülent war gerade 28 Jahre alt, ließ er sich in London zur Frau umoperieren und wurde dafür von den damaligen Putschgenerälen acht Jahre lang von der Bühne verbannt.
Frohlockungen hinterfragt.
Heuer im Februar legte sich Bülent Ersoy wieder einmal mit der herrschenden Moral an: Als die türkische Armee in den Februartagen dieses Jahres erneut im Nordirak aktiv war und die türkischen Zeitungen täglich frohlockten, wie viele Militante der prokurdischen PKK ausgelöscht worden waren, meldete sich Bülent Ersoy zu Wort.
Provokant.
In diesem Februar 2008, als die Väter von gefallenen Soldaten, welche in der Türkei als "Märtyrer" gefeiert werden, fast rituell sagten: "Heil unserem Vaterland!", sagte Ersoy: "Für diesen Krieg von anderen würde ich mein Kind nicht unter die Erde schicken", und hinterfragte damit den Schulterschluss zwischen Armeeführung und Volk - das wohl größte Tabu im Land. Und wieder war es in der Primetime und Bülent Ersoy zufällig wieder live auf Sendung. Das ganze Land war Zeuge der Szene.
Gefängnis droht.
"Wehrkraftzersetzung" heißt das in der Türkei, und darauf stehen drei Jahre Gefängnis. Vor einem Istanbuler Gericht sollte der mittlerweile 56-jährigen Bülent Ersoy nun der Prozess gemacht werden, auch wegen "mangelnder Liebe zur Armee". Doch gleich am gestrigen ersten Verhandlungstag wurde vertagt. Nächster Gerichtstermin für die Wagemutige ist der 24. September.
Features
Fakten
Der als Bub geborene und schon in den 70er Jahren populäre Bülent Ersoy hatte nach einer Geschlechts-











