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Zuletzt aktualisiert: 17.06.2008 um 14:54 UhrKommentare

Web 2.0 bietet Chinesen "kreative Wege" gegen Zensur

Die Revolution der sogenannten sozialen Plattformen im World Wide Web, auf denen anonym und in großen Gruppen Information und Meinungen ausgetauscht werden können, hat in China weit mehr zum Positiven verändert als in anderen Ländern.

Verniedlichung der Unterdrückung: Die "Internet-Polizei", wie die Regierung sie sieht

Foto © REutersVerniedlichung der Unterdrückung: Die "Internet-Polizei", wie die Regierung sie sieht

Dies sagte der chinesische Blogger und Internetaktivist Isaac Mao im Rahmen der Jurysitzungen der Ars Electronica im Gespräch mit der APA. Für viele Gesellschaften weltweit "ist das Internet nur eines von vielen Tools, um zu kommunizieren. In China jedoch können die Menschen sich nur dem Internet frei anvertrauen." Und sie finden dabei "kreative Wege", die Zensur der "großen chinesischen Firewall" zu umgehen.

O-Ton

Es gebe "immer noch Leute, die Zensur in China unterstützen", betonte Mao: "Ich weiß aber nicht warum."

"Sicher" im Netz. Jene im Westen oftmals belächelte Vision des Internets, nach der das Netz Demokratie befördert und Bürgern neue Freiheiten gibt, sei in China mit dem sogenannten "Web 2.0" Realität geworden, so Mao. Die Chinesen fühlen sich auf sozialen Plattformen "sicherer" vor der Zensur und der Verfolgung durch die Behörden. Und über jene typische verteilte Arbeitsleistung des "Web 2.0" können Informationen "innerhalb von Stunden" zugänglich gemacht werden, die früher erst nach Wochen erhältlich waren. "Als die Regierung versucht hat, die Zensur bei Bloggern oder Instant Messaging zu verstärken, fand sie, dass es zu spät war", so der in Schanghai lebende Mao. "Die Chinesen können sich nun immer neue Orte im WWW suchen, um nicht zensiert oder überwacht zu werden."

High-Tech Firewall. Die Technologie der chinesischen Online-Zensur, die bestimmte Websites für den Zugriff sperrt, sei die "komplizierteste der Welt. Viel Budget fließt in diese Infrastruktur", so Mao. "Aber die Menschen finden viele Wege, dies zu umgehen - und diese sind alle gratis!" So würden etwa zensierte Webseiten im Ausland über Zwischenserver aufgerufen. "Diese verwandeln die Webseiten etwa von Wikipedia in eine Bilddatei, die dann an den chinesischen User geschickt wird. Die Zensur kann auf Bilddateien keine Inhalte erkennen", schildert Mao.

Spuren verwischen. Auch die Anonymisierungs-Möglichkeit durch das "Tor"-System, bei dem viele zwischengeschaltete Knotenpunkte letztendlich unmöglich machen herauszufinden, von welchem Computer aus eine Webseite abgerufen wird, werde "viel genutzt". Durch diese neuen Möglichkeiten werde den Chinesen "erleichtert, die Welt zu verstehen". Viele haben durch die Internetnutzung selbst Englisch gelernt und stellen diese Sprachkenntnisse nun in den Dienst der Öffentlichkeit, indem sie zusammen mit vielen anderen Chinesen u.a. aktuelle Nachrichtentexte internationaler Medien innerhalb weniger Stunden ins Chinesische übersetzen, erläuterte Mao, der u.a. das alternative Urheberrechts-Konzept der sogenannten "Creative Commons" nach China gebracht hat.

Aus Online mach Offline. Diese Veränderungen in der Online-Welt würden sich auch auf die Offline-Welt durchschlagen, wenn auch langsam: Viele traditionelle - also von der Regierung zensierte Medien - müssten nun "mit dem Internet um die Aufmerksamkeit ihrer Leser kämpfen" und sich daher öffnen, sagte Mao. Er sehe "Potenzial für noch größere Veränderungen" in China, denn die kommende Generation wachse mit dem Internet auf. Es gebe eine "sehr autoritäre Tradition" in China, und das Internet sei ursprünglich deshalb in China eingeführt worden, da es die internationalen Unternehmen verlangt hatten. "Es hat in den vergangenen fünf Jahren bereits eine wichtige Rolle gespielt. Und es wird in den nächsten paar Jahren noch wichtigere Veränderungen geben", prognostizierte Mao.


Prinzip

"Je mehr Menschen das alles machen, desto sicherer ist der Einzelne", sagte Mao über die rund 220 Mio. chinesischen Internet-User.

Foto

Fakten

Viele Chinesen seien sich früher gar nicht bewusst gewesen, dass hinter nicht abrufbaren Seiten beim Surfen "Big Brother steckt", so Mao. "Jetzt, wo sie es wissen, finden sie Wege, die Zensur zu umgehen - egal, ob sie sie unterstützen oder nicht".

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