Web 2.0 bietet Chinesen "kreative Wege" gegen Zensur
Die Revolution der sogenannten sozialen Plattformen im World Wide Web, auf denen anonym und in großen Gruppen Information und Meinungen ausgetauscht werden können, hat in China weit mehr zum Positiven verändert als in anderen Ländern.

Foto © REutersVerniedlichung der Unterdrückung: Die "Internet-Polizei", wie die Regierung sie sieht
Dies sagte der chinesische Blogger und Internetaktivist Isaac Mao im Rahmen der Jurysitzungen der Ars Electronica im Gespräch mit der APA. Für viele Gesellschaften weltweit "ist das Internet nur eines von vielen Tools, um zu kommunizieren. In China jedoch können die Menschen sich nur dem Internet frei anvertrauen." Und sie finden dabei "kreative Wege", die Zensur der "großen chinesischen Firewall" zu umgehen.
O-Ton
Es gebe "immer noch Leute, die Zensur in China unterstützen", betonte Mao: "Ich weiß aber nicht warum."
"Sicher" im Netz.
Jene im Westen oftmals belächelte Vision des Internets, nach der
das Netz Demokratie befördert und Bürgern neue Freiheiten gibt, sei
in China mit dem sogenannten "Web 2.0" Realität geworden, so Mao. Die
Chinesen fühlen sich auf sozialen Plattformen "sicherer" vor der
Zensur und der Verfolgung durch die Behörden. Und über jene typische
verteilte Arbeitsleistung des "Web 2.0" können Informationen
"innerhalb von Stunden" zugänglich gemacht werden, die früher erst
nach Wochen erhältlich waren. "Als die Regierung versucht hat, die
Zensur bei Bloggern oder Instant Messaging zu verstärken, fand sie,
dass es zu spät war", so der in Schanghai lebende Mao. "Die Chinesen
können sich nun immer neue Orte im WWW suchen, um nicht zensiert oder
überwacht zu werden."
High-Tech Firewall.
Die Technologie der chinesischen Online-Zensur, die bestimmte
Websites für den Zugriff sperrt, sei die "komplizierteste der Welt.
Viel Budget fließt in diese Infrastruktur", so Mao. "Aber die
Menschen finden viele Wege, dies zu umgehen - und diese sind alle
gratis!" So würden etwa zensierte Webseiten im Ausland über
Zwischenserver aufgerufen. "Diese verwandeln die Webseiten etwa von
Wikipedia in eine Bilddatei, die dann an den chinesischen User
geschickt wird. Die Zensur kann auf Bilddateien keine Inhalte
erkennen", schildert Mao.
Spuren verwischen.
Auch die Anonymisierungs-Möglichkeit durch das "Tor"-System, bei
dem viele zwischengeschaltete Knotenpunkte letztendlich unmöglich
machen herauszufinden, von welchem Computer aus eine Webseite
abgerufen wird, werde "viel genutzt". Durch diese neuen Möglichkeiten
werde den Chinesen "erleichtert, die Welt zu verstehen". Viele haben
durch die Internetnutzung selbst Englisch gelernt und stellen diese
Sprachkenntnisse nun in den Dienst der Öffentlichkeit, indem sie
zusammen mit vielen anderen Chinesen u.a. aktuelle Nachrichtentexte
internationaler Medien innerhalb weniger Stunden ins Chinesische
übersetzen, erläuterte Mao, der u.a. das alternative
Urheberrechts-Konzept der sogenannten "Creative Commons" nach China
gebracht hat.
Aus Online mach Offline.
Diese Veränderungen in der Online-Welt würden sich auch auf die
Offline-Welt durchschlagen, wenn auch langsam: Viele traditionelle -
also von der Regierung zensierte Medien - müssten nun "mit dem
Internet um die Aufmerksamkeit ihrer Leser kämpfen" und sich daher
öffnen, sagte Mao. Er sehe "Potenzial für noch größere Veränderungen"
in China, denn die kommende Generation wachse mit dem Internet auf.
Es gebe eine "sehr autoritäre Tradition" in China, und das Internet
sei ursprünglich deshalb in China eingeführt worden, da es die
internationalen Unternehmen verlangt hatten. "Es hat in den
vergangenen fünf Jahren bereits eine wichtige Rolle gespielt. Und es
wird in den nächsten paar Jahren noch wichtigere Veränderungen
geben", prognostizierte Mao.
Features
Prinzip
"Je mehr Menschen das alles machen, desto sicherer ist der Einzelne", sagte Mao über die rund 220 Mio. chinesischen Internet-User.
Foto

Fakten
Viele Chinesen seien sich früher gar nicht bewusst gewesen, dass hinter nicht abrufbaren Seiten beim Surfen "Big Brother steckt", so Mao. "Jetzt, wo sie es wissen, finden sie Wege, die Zensur zu umgehen - egal, ob sie sie unterstützen oder nicht".










