Beten, hauen, tanzen, essen: Es ist Kirchtag!
Es ist "Kirchtags-Saison". Die im Mittelalter verweltlichten Feste sind bis heute beliebt. Den jüngsten Kirchtag "erfand" das Freilichtmuseum.

Foto © ZoreViele Kirchtage in Kärnten unterhalten alle Bevölkerungsschichten. Der jüngste Kirchtag mit 3500 Besuchern beginnt Sonntag um 10 Uhr im Freilichtmuseum Maria Saal
Ihren Hang zu "Fun" dürfte man der heutigen Jugend wahrlich nicht zum Vorwurf machen. Früher gab's das auch, es hieß nur anders - und hatte andere Folgen.
Zum Beispiel die Trennung von Kirchweih und Kirchtag. "Kirchweih ist der Tag, an dem der Bischof den Altar mit Chrisam gesalbt und so die Kirche geweiht hat", erklärt Diözesan-Sprecher Matthias Kapeller. "Am Kirchtag hingegen feiert man nicht die Kirchenweihe, sondern den Schutzpatron der Kirche." "Zu dieser Trennung ist es im Mittelalter gekommen", sagt Volkskunde-Experte Heimo Schinnerl, "und der Kirchtag bewegte sich hin zu weltlicher Feier, nicht selten mit Jahrmarkt und Volksfest" - und kalendarisch an den Namenstag des Kirchenpatrons heran, der idealerweise in die warme Jahreszeit fällt.
Die soziale Bedeutung war nicht geringer als die spirituelle, wie Schinnerl auflistet: "Der Vormittag stand im Zeichen der Messe. In der Mittagszeit befasste man sich mit der Zubereitung der Kirchtagssuppe; die wurde oft im Vorhinein gekocht und nur aufgewärmt. Fast immer war die gesamte Familie eingeladen. Der Nachmittag schließlich diente dem Vergnügen."
Für Organisation und Ablauf waren die Zechburschen zuständig, auf denen große Verantwortung lastete. Waren die Kirchtage doch eine der seltenen Gelegenheiten junger Mädchen und Burschen, vor den wohlwollenden Augen der Älteren miteinander Umgang zu pflegen.
Auch die Hauptsaison von Kirchtagen - zwischen Pfingsten und St. Martin Anfang November mit Schwerpunkt Herbst - ist kein Zufall. Schinnerl: "Wichtig war, dass das Kirchtagsfest nicht die Ernte beeinflusst." In Frage kam daher die Zeit zwischen Aussaat und Ernte und die Tage nach der Ernte, oft verbunden mit Erntedank.
Um die Kirchtage rankte sich im Lauf der Zeit eine Fülle von bekanntem und weniger bekanntem Brauchtum wie Stritzlwerfen, Kufenstechen oder Kranzlreiten. Einiges davon passt zum Burschen-Mädchen-Verhältnis, wenn die jungen Männer zeigen was sie können und mit kleinen "Zechbüscherln" belohnt werden. "Bis ins 16. Jahrhundert lassen sich in Polizeiprotokollen Raufhändel zwischen Burschen von Nachbarorten nachweisen", sagt Schinnerl, der die Konflikte auf "Beschützerinstinkte" zurückführt - wobei die Dorfschönen sogar schon davor "beschützt" werden mussten, dass sie ein Fremder zum Tanz bat.
337 Pfarrkirchen und rund 700 Filialkirchen gibt es in Kärnten, und jede hat eine oder einen Heilige(n) als Patron. Obwohl der Hl. Josef Kärntens Landespatron ist, sind ihm lediglich zwei Kirchen gewidmet. Neue Kirchtage zu schaffen ist schwer bis unmöglich, denn dazu müsste es eine neue Kirche ohne Patrozinium geben.
"Man sollte statt dessen die bestehenden Kirchtage unterstützen", schlägt Kärntens Kreativ-Kopf Reinhard Eberhart vor. Sinnvoll sei etwa ein Kirchtagskalender, der vielen Kärntnern Gelegenheit geben würde, (so wie Eberhart selbst) die regional verschiedenen Kirchtagssuppen - mit Fleisch, ohne Fleisch, mit drei Sorten Fleisch, mit und ohne Safran und und und - sowie ande
re Spezialspeisen zu kosten. Für ihn steht fest: "Zuerst die Messe, dann das Essen - und die Musik darf erst anfangen, wenn der Pfarrer fertig ist."
Einzig Schinnerl und seinen Vereinskollegen im Freilichtmuseum Maria Saal ist die erfolgreiche Einführung eines Kirchtages gelungen. "Das war nur möglich, weil das ein Volksfest mit Spezialitäten aus ganz Kärnten ist, weil wir alte Kegelbahnen und andere Spiel bieten und den Menschen im Stress der Gegenwart von der Vergangenheit berichten."
Wie gesagt: Es ist Kirchtagssaison - und die widerlegt Bertold Brecht, der behauptet hat: "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral!" An Kirchtagen hingegen kommt erst die Messe - und dann wird festlich getafelt . . .











