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Zuletzt aktualisiert: 07.05.2008 um 05:10 Uhr

"Täter waren früher oft selber Opfer"

Georg Spiel, Kinder- und Jugendpsychiater, ist gegen Herabsetzung der Strafmündigkeit.

Ein Zwölfjähriger vergewaltigt eine Achtjährige. Ein Vergewaltiger, der selbst noch ein Kind ist. Wie häufig kommt das vor?
GEORG SPIEL: In diesem Alter selten. Das Thema Sexualität ist aber eines, das sich Kindern unmittelbar vor der Pubertät sehr wohl schon stellt. Viele haben auch schon einmal Porno-Videos gesehen oder über das Handy geschickt bekommen.

Aber ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Kind mit zwölf Jahren sexuell aktiv ist?
SPIEL: Die Auseinandersetzung mit genitaler Sexualität ist nicht eine Sache, die erst mit 14 oder 15 beginnt. Und Kinder, die in diesem Alter zu Tätern werden, sind in vielen Fällen selber Opfer gewesen, als sie so alt waren, wie ihre Opfer jetzt. Ich würde empfehlen, dass auch der Täter therapeutisch betreut wird.

Das Opfer ist acht Jahre alt. Ebenso der Junge, der bei der Vergewaltigung zusehen musste. Wie kann den beiden Kindern nach einem derartig traumatischen Erlebnis geholfen werden?
SPIEL: Eine 08/15-Lösung gibt es nicht. Über das notwendige Ausmaß von Therapien muss im individuellen Fall entschieden werden. Es gibt Kinder, die haben eine größere Resistenz gegenüber Traumata. In diesem Fall spricht man von "Unverwüstlichkeit". Es hängt auch davon ab, ob ein Kind schon vortraumatisiert ist.

Wird das Mädchen aufgrund dieses Vorfalls später Probleme mit Sexualität haben?
SPIEL: Die Wahrscheinlichkeit, dass einzelne Traumata zu Folgeerscheinungen führen, ist gering. Es muss nicht sein, dass das Mädchen irgendwann Probleme mit Sexualität haben wird. Es ist positiv, dass es Vertrauen zu seiner Mutter hat, und sofort zu ihr gegangen ist. Denn häufig wird man auf eine solche Situation erst bei wiederholten Taten aufmerksam. Wichtig ist, dass auch die Bezugspersonen der Kinder Hilfe erhalten.

Nach dieser Vergewaltigung wird wieder der Ruf laut, die Strafmündigkeit herabzusetzen.
SPIEL: Davon halt ich nichts. Was hat man davon, einen Zwölfjährigen ins Gefängnis zu geben? Was bedeutet es für seine persönliche Entwicklung?

ASTRID KULLNIG

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