"Wir stehen dauernd unter Druck"
Wie Mitarbeiter in Supermärkten auch ohne Kameras ständig überwacht werden können, schildern vier Verkäuferinnen. Auch bei Dienstzeiten wird Druck ausgeübt.
Der Druck für Angestellte in Supermärkten ist mitunter enorm. Nicht nur in Deutschland stehen die Mitarbeiter unter ständiger Beobachtung und müssen unter widrigen Bedingungen arbeiten. Im Gespräch mit der Kleinen Zeitung schildern vier Verkäuferinnen (ihre Namen sind der Redaktion bekannt und wurden für diesen Artikel geändert) ihren Alltag.
Schneller auf Kosten der Freundlichkeit. Es fängt an der Kassa an. Renate S. schildert: "40 Waren pro Minute muss man kassieren. Ich habe es nach dem Urlaub gerade einmal auf 37 gebracht. Doch jede Woche werden die Kassen kontrolliert, dann heißt es: ,Das muss schneller gehen' oder ,Sie müssen sich bessern'. Danach hat man eine Woche Zeit, sich zu bessern. Wenn nicht, droht die Kündigung. Natürlich wird man da nervös. Ich dachte immer, im Handel zählt die Freundlichkeit zu den Kunden, stattdessen geht das so weit, dass wir angehalten wurden, nicht mehr zu warten, bis die Kunden ihr Kleingeld zählen. Die Waren werden ins Wagerl geworfen und noch ehe der Kunde das merkt, hat er schon das Wechselgeld in der Hand."
Kontrollsystem. Doch nicht nur der Kassacomputer kontrolliert schwarz auf weiß. Silva B. zählt auf: "Die Filialleitung ruft uns schon in der Früh privat zu Hause an, um uns zu sagen, dass wir ,schneller greifen' sollen. Dazu kommen etwa zweimal pro Woche die Test-Einkäufer. Die überprüfen unser Verhalten, Rückmeldung und Kritik erhalten wir drei Wochen später. Außerdem kommt der Bezirksleiter täglich. Er geht durch die Reihen, schreibt in sein Büchlein. Der Verkaufsleiter ist einmal im Monat da, der Leiter vom Lager zweimal im Jahr, der Obst-Inspektor einmal im Monat, der internationale Inspektor ebenfalls einmal im Jahr. Außerdem trudelt jeden Tag um punkt 18 Uhr ein E-Mail ein. Manchmal ist es mehrere Seiten lang, selten kürzer als eine. Es enthält Anweisungen, was noch zu erledigen ist. Und zwar bis Dienstschluss um 19.30 Uhr!"
Der Firma Zeit schenken. Apropos Dienstzeiten. Für Marianne P. schaut das so aus: "Pausen werden mitgerechnet, aber selten dürfen wir eine nehmen. Überstunden werden nicht bezahlt. Ich bin um 6 Uhr da und um 20 Uhr gehe ich, wenn am nächsten ein Höherer kommt, kann es auch 22 Uhr werden. Es gibt natürlich Stempeluhren, man darf aber nur stempeln, wie es am Plan steht. Das heißt, wer zu früh kommt, fängt zu arbeiten an und stempelt nachher ab. Die Filialleiterin sagte: ,Es ist ja nicht wahr, dass du der Firma keine fünf Minuten schenken kannst.'"
Früher ausstempeln. Es kommt noch schlimmer. "Das Geschäft sperrt um 19 Uhr, wir bekommen aber bis 19.30 Uhr bezahlt. Gut. Aber wir arbeiten erstens bis 20.30 Uhr und zweitens werden wir dazu angehalten, bereits um 18 Uhr auszustempeln, sind also offiziell längst weg", berichtet Sabine H. Wie bitte? "Ja, das nennt man Minusstunden. So bekommen wir am Monatsende weniger Urlaub, was gut ist, denn dann überschneiden sich die Urlaubstage im Sommer nicht und wir können alle 14 Tage Urlaub nehmen."
Features
Bespitzelungsaffäre im Deutschen Einzelhandel
Detektive sollen Mitarbeiter mit Kameras überwacht und Personenprofile angefertigt haben. Dem Magazin "Stern" liegen Protokolle aus 150 Filialen von zehn Handelsketten vor (darunter Familia, Lidl, Penny, Edeka).











