FacebookMag nicht

 

Jahrelang stand ich auf der falschen Seite der Geschichte: Ich habe Facebook studiert, aber bin nie auf Facebook gewesen. Eine liebe Kollegin hat mir einmal das Fernstehen in einer Fernsehdebatte unter die Nase gerieben. Ich bin mir vorgekommen wie ein der Glaubensferne Überführter, zur Rede gestellt von der Präfektin einer Glaubenskongregation.

Als Begründung für meine Verweigerung brachte ich vor: zu viel Respekt vor der Lebenszeit. Ich wüsste nicht, wann ich publizistisch fremdgehen sollte und warum, noch dazu honorarfrei. Ich war ein Wackelkandidat, nah an der Schwelle.

Später kamen inhaltliche Einwände hinzu: Mein Leben ist nicht fesselnd genug, um jede Sequenz hinauszuposten und die Weltöffentlichkeit damit zu behelligen. Mein Gesicht gibt kein Buch her. Was mich noch mehr zurückhielt: Ich finde das Leben der anderen nicht fesselnd genug, um es mit meinem in Beziehung zu setzen, nichts gegen die Gattung Mensch.

Außerdem beleidigt das soziale Netzwerk meine Idee von Freundschaft. Ich benötige keine Gemeinschaftsstifter mit Kopf-Mikro zur Überwindung der Einsamkeit. Und ich mag auch nicht unentwegt Leuten mitteilen, ob ich etwas mag oder nicht mag. Es hat etwas Regressives. Mag. Mag nicht. Es erinnert einen an das Vorschulalter in der kurzen Lederhose.
Viel zu spät konzentrierte sich die innere Ablehnung auf das Wesentliche: den ideologischen Vorbehalt. Es geht mir auf den Zeiger, digital verfolgt und kartographiert zu werden, nur damit ein talentierter Ruderleiberl-Monopolist südlich von San Francisco (ausgerechnet!) aus den Fußabdrücken und Algorithmen ein Auffälligkeitsprofil für zielgerichtete Werbung bastelt, so lange, bis sich der Geldspeicher biegt.

Jahrelang haben die Hohepriester der Kommunikation so getan, als sei Facebook das größte demokratische Friedenswerk seit dem Urchristentum. In Wahrheit ist es eine monströse Datenauswertungsmaschine, ein Rückkoppelungsorgan für die eigenen Urteile und Vorurteile. Das langweilt. Die Maschine beruht auf einem knallharten Geschäftsmodell, über das die Helden der offenen Kommunikation nicht so gerne offen reden. Und wenn sie es tun, klingt es wie Old Economy.

Es war naiv zu glauben, die sozialen Netzwerke seien kostenlos. Die Nutzer zahlen mit ihren Daten. Wer die Daten hat, hat die Macht, auch die Macht zum Missbrauch. Die jüngsten Skandale haben die dunklen Seiten dieser Daten-Macht sichtbar gemacht. Es ist an der Zeit, ihr endlich die Zügel anzulegen. Jedes Medium, das gesteuerte Desinformationskampagnen zulässt oder Leser-Daten an Dritte weitergibt, ist am nächsten Tag mausetot. Das hat auch für die digitalen, steuerscheuen Riesen zu gelten.

Was tröstlich ist: Viele Nutzer kapieren, dass sie auch Benutzte sind, und löschen ihre Profile. Die Naivität ist Teil des Geschäftsmodells. Die Opfer waren Komplizen. Niemand nötigt sie, sich vor der Welt zu entäußern. Endlich stehe ich auf der richtigen Seite der Geschichte!

Kommentare (5)

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Kristianjarnig
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Danke für den Artikel

So treffender hätte ich es nie zusammenfassen können.

Ich gebe zu, ich hatte sowas(eventuell gibt es sogar noch ein Account, keine Ahnung), aber mehr oder weniger wurde man von Kollegen dazu "animiert". Ich habe mein Konto dann schon vor Jahren "ruhiggestellt".

Der genaue Sinn so einer Plattform hat sich mir nie erschlossen, außer das jeder weiß wo man gerade ist und was man gerade macht. Ob das Sinn macht sei dahingestellt(für viele offensichtlich schon). Und das einem Menschen "Freundschaftsanfragen" senden die man auf der Straße nicht mal ansprechen würde weil man sich nur vage kennt.

Der Artikel beschreibt aber genau das was ich mir über die diversen, FB im besonderen, Internetplattformen denke! Danke!

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CuiBono
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An den Chefredakteur

Erstmals stimme ich einem Ihrer Artikel vollinhaltlich zu.

Die Ressentiments, die Sie und auch ich gegen diese verfolgenden Technologien haben, basieren wohl auf unserem Lebensalter.
Der überwiegende Großteil der Jungen und Jüngsten sieht das wohl anders.

Ganz bewusst lehne ich mich aus dem Fenster und behaupte, zum Durchblick der Materie und dem sich-bewusst-Werden der Risken und Auswirkungen gehört wohl auch eine gewisse Bereitschaft, sich damit auseinandersetzen zu wollen und nicht zuletzt auch ein Mindestmaß an Intelligenz!

Den Kommentar von "gerbur" finde ich übrigens ausgezeichnet und harre mit ihm Ihrer Antworten dazu.

Schönen Sonntag noch.

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scionescio
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@Cui Bono: Auch ich finde den Artikel und die Kommentare ausgezeichnet ...

... beim Ressentiment wegen des Lebensalters bin ich nicht ganz davon überzeugt: ich befinde mich zwar auch schon in der zweiten Lebenshälfte, aber so oft, wie mir meine Familie mitteilt, dass es langsam Zeit wird, endlich erwachsen zu werden, wird es bei mir wohl eher mein fachlicher/beruflicher Hintergrund als Informatiker sein, der mich aus den mittlerweile bekannten (und leider auch noch vielen anderen noch nicht so bekannten) Gründen einen weiten Bogen um die sogenannten sozialen Netzwerke machen lässt - man sollte aber meinen, dass die meisten Menschen auch ohne diesen Hintergrund hätten erkennen können, dass sie die Ware sind und mit künstlich erzeugten Bedürfnissen abgespeist werden, während andere damit Milliarden verdienen ... niemand würde fast gratis arbeiten gehen, nur damit der Firmenbesitzer noch reicher wird!
Bei der KZ ist leider auch die Unterordnung des Qualitätsjournalismus gegenüber mehr Verbreitung und damit mehr GEwinn nicht zu übersehen - das Abgleiten in den Boulevard nimmt mitunter schon peinliche Züge an und das Sammeln der Daten der Leser ist da nur konsequent.

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gerbur
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Bitte auch vor der eigenen Haustüre kehren!

Mein "ghostery add on" in meinem Browser zeigt mir beim Aufrufen der KLZ , dass mein Surfverhalten von 16 Trackern(!) beobachtet wird! Muss das sein? Blockiert man das cookie , kann man sich nicht mehr einloggen. Klar , ich weiß wie ich das umgehen kann, aber die Mehrheit der Nutzer dürfte diesbezüglich wohl ahnungslos sein und weiterhin brav Daten an die KLZ liefern, die möglicherweise weiter verhökert werden könnten. Übrigens, wer gibt die online Umfragen in Auftrag und was passiert mit den Abstimmungsergebnissen?

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KleineZeitung
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Wir verhökern keine Daten

Unser Marketing sammelt die Daten unserer User und Leser für interne Zwecke, um die Produkte noch besser zu machen und auch noch zielgerichteter für die Bedürfnisse der Leser anzubieten. Natürlich verkaufen wir die Daten nicht oder geben sie weiter. Auch die Abstimmungsergebnisse der Online-Umfragen dienen den oben genannten Zwecken.

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