DreierkonfrontationAusweitung der Kampfzone

Die einzige Dreierkonfrontation der Kanzlerkandidaten legte Untiefen im Persönlichen frei. Das Maß der Zerrüttung in der Koalition lässt im Rückblick schaudern.

 

Wenn drei sich streiten, dann freut sich das Publikum: Die gestrige Dreierkonfrontation der Kanzlerkandidaten von SPÖ, ÖVP und FPÖ war fraglos ein erhellender Höhepunkt des Wahlkampfes. Über 90 Minuten wurden Untiefen im politischen Beziehungsgeflecht freigelegt, die man so ungeschminkt selten vermessen kann.
Freilich: Eine spektakuläre inhaltliche Neupositionierung, die heute Schlagzeilen macht, bot keiner der drei Kandidaten. Vielmehr waren zu den Themen Migration, Bildung, Steuern manche gut eingelernte Satzbausteine zu hören, die man aus den bisherigen Wahlauftritten schon kennt.

Aber erstens liefert auch dieser Umstand eine Erkenntnis: Alle drei Politiker verlassen sich längst nicht mehr auf Launen des Augenblicks, sondern stützen sich verbal fast nur auf sorgsam einstudierte Passagen. „Staatsschauspieler“ hat der verstorbene „Spiegel“-Reporter Jürgen Leinemann schon anno 2004 die (deutschen) Politiker genannt, und der Befund lässt sich mühelos ins Hier und Heute übertragen.

Zweitens geht es in der Politik eben nicht nur um Inhalte, sondern in starkem Maß auch um Persönliches. Dass Christian Kern und Sebastian Kurz so gar nicht miteinander können, hat ja maßgeblich die vorgezogene Wahl verursacht. Gestern ließen die Antagonisten ihrer Feindschaft freien Lauf. Wenn Blicke und Gesten töten könnten, dann hätten wir heute zumindest zwei Schwerverletzte zu beklagen.

Kurz gab den jugendlichen Stürmer und Dränger, blieb aber fast nur bei seinem Leibthema Migration hängen. Die gezielte Stichelei, er wäre vom eigenen Kanzler in seiner Politik behindert worden, und der unverhohlene Flirt mit dem präsumtiven Nachfolger Doskozil waren ein starkes Stück.
Kern verlor allerdings nicht die Fassung, sondern blieb der selbst auferlegten Rolle treu, über Streitereien erhaben zu sein. Die erwartbaren Angriffe von Heinz-Christian Strache auf Kurz boten ihm die Möglichkeit, sich mit sarkastischen Kommentaren als Außenstehenden zu stilisieren. Das gibt gute Haltungsnoten, ist aber strategisch nicht ungefährlich. Denn Kern liegt in den Umfragen hinten und müsste eigentlich angreifen. Seine alternative Strategie, Kurz nur mittels Körpersprache zu tadeln, ist bemerkenswert.

Und Strache? Der fiel nicht in die aggressive Polterei von früher zurück, sondern pflegte sein neues Image als gemäßigter Rechter. Ob man ihm das abnimmt, bleibt jedem selbst überlassen. Seine fröhliche Schlagfertigkeit wirkte erfrischend, aber das ist freilich keine politische Kategorie.


Die Zeit der abendfüllenden TV-Duelle ist bei uns vorbei, anders als in Deutschland. Das Dreiergespräch auf Augenhöhe dokumentiert den hiesigen Status quo: Es gibt nicht zwei Groß-, sondern drei Mittelparteien. Die offene Dreierbeziehung bedeutet eine Ausweitung der Kampfzone – aber sie mindert die Chancen kleinerer Parteien.

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