EssayKarneval - des Menschen Sehnsucht nach ewiger Lust

„Ausgelassenheit“ - im Karneval, besonders am Faschingsdienstag, wollen wir „ausgelassen“ sein und wenigstens für kurze Zeit aus unserem Gefängnis der Vergänglichkeit ausbrechen.

ITALY-CARNIVAL-VENICE
© APA/AFP/FILIPPO MONTEFORTE
 

Es ist mir eh bewusst, ich hätte am vergangenen Donnerstagabend „kritisch“ sein müssen; demgemäß hätte ich den Opernball und dessen Flitter und Pomp kritisch „hinterfragen“ sollen. Und dann habe ich, Pardon, den Fernsehapparat doch nicht ausgeschaltet und mich verführen lassen: Und bald habe ich sie genossen, die kitschige Opulenz der Bilder, den von der Riviera eingeflogene Blumenflor, die abenteuerlichen Roben, die verwegenen Dekolletés der Damen (die maskulinen Pinguine in ihren Fräcken zählen nur am Rande); bis nach Mitternacht habe ich sie genossen, die Übertragung des Opernballes, reuelos, ohne „Hinterfragung“, ohne intellektuelle Bedenken. Warum? Weil dieses staatsoffizielle Delirium so schön war, so kitschig, und eben daher so menschlich.

Ist das denn wirklich so weltfremd, wenn man angerührt, ja erschüttert ist von der nervösen Grazie der debütierenden Mäderln, die da, geleitet von den ebenfalls nervösen Pinguinen an ihrer Seite, zur Polonaise einziehen, erschüttert von der Glorie dieser federleichten menschlichen Leiber im Tanz, von der Glorie des tanzenden Fleisches. Bei solchem Anblick wird man direkt daran erinnert, dass der Mensch, Leib, Seele und Fleisch, letztlich halt doch kein zufälliger Zellhaufen ist, kein „Produkt seiner Verhältnisse“, kein Faktor der Ökonomie, sondern Gottes Ebenbild, ursprünglich schön geschaffen als Mann und Weib, unschuldig nackt in seiner spielerischen Lust, auch mit seiner heiteren Koketterie, aber von Anfang an „mit Macht und Hoheit angetan ...“, wie Joseph Haydn in seiner „Schöpfung“ verkündet. Lust ohne Bosheit, Freude ohne Missgunst, Schönheit, die nicht verwelkt, eine Sphäre, wo alles heil ist. Wo alles heil war. „Alles Walzer!“ Ein blitzartiger, ach so flüchtiger Einblick in das verlorene Paradies, per ORF vom Wiener Opernring ins Wohnzimmer übertragen ...

Und dorthin, nach dem verlorenen, wenngleich archetypisch in unseren Seelen angelegten Paradiese, sehnt sich doch alle Kreatur, wir Menschenkinder vor allem. Seien wir ehrlich, gestehen wir uns unsere närrische Sehnsucht ein, heute, im Konfettigestöber. Wenn wir nur endlich einmal unsere intellektuellen Dünkel ablegen würden.

Friedrich Nietzsche fasst seinen eigenen unstillbaren Durst nach unvergänglicher Lust in dem letzten Satz seines „Zarathustra“ zusammen: „Denn alle Lust will Ewigkeit, / Will tiefe, tiefe Ewigkeit ...“ Doch da ist das furchtbar realistische Wort der Bibel und es lässt sich partout nicht widerlegen: „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras ...“ Es wird verwelken und vergehen; verwesen wird eines Tages leider auch das bezaubernde Fleisch der parfümierten Debütantinnen und das Fleisch der schwarzen Pinguine vom Wiener Opernball. Wir mögen aufbegehren, wie immer wir wollen, wir sind gefangen in der Fatalität dieser unserer Kondition der Sterblichkeit. Ist es ein Wunder, wenn da die Menschen eben ausgelassen sein wollen, für die paar Tage des Karnevals? Wir wissen es, bewusst oder unbewusst, dass wir mit absoluter Sicherheit einmal Abschied nehmen werden von unserem Fleisch.

Heute, am Faschingsdienstag, schicken wir uns kollektiv an, dem lieben Fleisch gleichsam prophylaktisch, aber umso ausgelassener Ade zu sagen: „Carne vale!“ Leb wohl, Fleisch, Fleisch, baba! Ob wir heute auch noch so ausgelassen fressen und saufen, blöde Witze reißen oder der Fleischeslust frönen mögen, der Seele ist dabei zum Heulen zumute. Ihre Lust will nämlich die „tiefe, tiefe Ewigkeit“ und sie weiß es sehr wohl, dass sie diese Ewigkeit unter den gegebenen Umständen eben nicht erlangen kann.

Eben. Und da passte es vielleicht zu der Geschichte zum heutigen Faschingsende, dass am vergangenen Dienstag in Wien ein ganz abscheuliches Wetter herrschte. Saukalt war es, nasser Schnee tropfte in den Mantelkragen, die Schuhe versanken im Gatsch. Im Kaffeehaus hatte ich bereits biwakiert, fürs Mittagessen war's noch zu früh. Wohin sollt ich mich wenden? Weil ich gerade über den Neuen Markt stapfte, suchte ich eine trockene Zuflucht und fand dieselbe. Sie dürfen lachen: in der Kapuzinergruft. Nicht aus „Nostalgie“ - wonach denn? Aber das ist eigentlich kein trauriger Ort dort unten, wo es sich so ungestört nachdenken lässt über Lust und ihre Endlichkeit, über Fleisch und Staub; ein Ort, wo seit 400 Jahren Generationen „Carne vale!“ sagten, ade, Fleisch. Und das oft mit einer grandiosen, gläubigen Geste, man denke an das herrliche zinnerne Ehebett Maria Theresias und Franz Stephans von Lothringen: Im Voraus feiern die lebensgroßen Skulpturen der Gatten ihre gemeinsame Auferstehung im Fleisch; schon stößt der Engel in seine Posaune, weckt die Schlummernden auf: Das hohe Paar befreit sich aus dem üppig barocken Bettzeug und bald wird der Lust das zuteil, was sie in der Zeitlichkeit vergebens begehrt hatte, nämlich tiefe, tiefe Ewigkeit.

Davor hatten sich vor dem apokalyptischen Hintergrund blutiger Kriege und privater Tragödien dennoch pompöse Haupt- und Staatsaktionen ereignet - ganz wie heutzutage während des Opernballes -, da wurden im Fasching Pferdeballette inszeniert und glanzvolle Bälle: Lustige Debütantinnen und Debütanten tanzten parfümiert und in schönen Roben, ausgelassene Freude an geliebten Körpern beseelte die tanzenden Paare. Doch hier unten, zwischen den Särgen, mutet das einst sinnlich Erlebte der hier liegenden Toten plötzlich wie das Vorspiel einer Apotheose an, der Apotheose selig des ins neue Leben tanzenden Staubes.

Dazwischen fällt halt der Aschermittwoch. Die Trauer über den unvermeidlichen Abschied vom Fleisch ist unvermeidlich. „Gedenke, o Mensch, dass du Staub bist und zum Staube zurückkehrst“, das werden wir morgen hören. Der Dramaturgie des christlichen Kirchenjahres kann man Genialität nicht absprechen: Der kurze Karneval, wo der Mensch sich der Illusion ausliefert, im Dreivierteltakt ins Paradies zurücktanzen zu können. Dann die Desillusion; Staub kehrt zum Staube zurück.

Doch nach vierzig Tagen, zu Ostern, erfahren wir, dass der Staub, unser Staub wieder tanzen wird, dass unser Fleisch nicht verloren ist.

Zum Autor

Bertram Karl Steiner, geboren 1948 in Neunkirchen, Niederösterreich, studierte Geschichte und Romanistik in Wien. An der Universität Brest lehrte er österreichische Landeskunde und war dann Kulturchef der „Kärntner Tageszeitung“.

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