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Zuletzt aktualisiert: 18.06.2007 um 16:19 Uhr

Der "kleine Unterschied" zählt auch in der Medizin

Gender-Medizin: Was Frau braucht, was Mann verweigert und alles zum ersten "weiblichen" Kniegelenk.

Gender-Medizin: Mann und Frau haben andere Bedürfnisse

Foto © APAGender-Medizin: Mann und Frau haben andere Bedürfnisse

Der kleine Unterschied zwischen Frau und Mann ist in Wirklichkeit gar nicht so klein. Wer gilt denn nun als das stärkere Geschlecht? Der Mann, in Körperbau und Herzfrequenzbelastung deutlich bevorteilt? Oder doch die Frau, deren Östrogene sie vor Herzinfarkt schützen? Von solchen Parabeln hat sich der junge Forschungszweig der "Gender-Medizin" längst verabschiedet. "Uns interessieren geschlechtstypische Unterschiede, Körperwahrnehmung und Fragen wie "Wie wirken einzelne Therapien bei ihm, wie bei ihr?", sagt Jeanette Strametz-Juranek, Kardiologin am AKH Wien.

Kniegelenk für Frauen. Das Ziel: Behandlungen und Medikamente speziell für Frauen oder Männer zu entwickeln. "Da stecken wir noch in den Kinderschuhen", betont sie. Einen Erfolg können die Gender-Spezialisten aber bereits verbuchen: Seit 2007 ist ein eigenes künstliches Kniegelenk für Frauen auf dem Markt zugelassen. Seit etwa einem Monat kommt es auch in Österreich zum Einsatz. "Das Frauenknie unterscheidet sich anatomisch vom Männerknie darin, dass bei 30 Prozent aller Frauen das Verhältnis des seitliches Durchmessers von vorne nach hinten anders ist als beim männlichen Knie", erklärt Hans Leber von der Privatklinik Althofen. Das Problem: Bislang waren Prothesen allein für männliche Knie konzipiert. "Damit hatten Frauen Schmerzen beim Bergauf- oder Bergabgehen."

Osteoporose beim Mann. Wer glaubt, Frauen seien medizinisch per se benachteiligt, der irrt. "In der Osteoporose-Behandlung", betont die Gender-Expertin Strametz-Juranek, "haben Männer starken Nachholbedarf. Etwa fünf Prozent aller Männer sind davon betroffen. Im Schnitt haben sie aber zehn Jahre länger Zeit, bis es zu Wirbelkörpereinbrüchen kommt. Trotzdem wissen wir nicht, wie wir sie behandeln sollen."

Medikamente wirken unterschiedlich. Der kleine Unterschied zwischen Mann und Frau ist nicht nur anatomisch sichtbar, sondern sogar messbar - im pH-Wert des Magensaftes, bei Körperfett, Enzymen oder Hormonen. Strametz-Juranek: "Diese Faktoren sorgen für eine unterschiedliche Aufnahme und Wirksamkeit von Medikamenten." Bei Frauen bleiben Arzneistoffe im Durchschnitt um ein Drittel länger im Magen liegen als bei Männern. Beispiel Aspirin: Patienten kann es teilweise vor Herzinfarkt und Schlaganfall schützen, Patientinnen jedoch nur vor Schlaganfall. Oder: ACE-Hemmer, die gegen Bluthochdruck eingesetzt werden, führen bei Frauen vier Mal so häufig zu Unverträglichkeiten.

Keine Regelung. Hier hinkt der frauenspezifische Ansatz. Denn: Regelungen, wie viele Probandinnen an Arzneimitteltests teilnehmen sollen, fehlen in der Europäischen Union im Gegensatz zur USA. Und wo hinkt Mann hinterher? Beim Gang zum Arzt. Nur 61 Prozent machen einmal pro Jahr den Vorsorge-Check.

JULIA SCHAFFERHOFER

Gender

Der Begriff steht für das "soziale" Geschlecht, also die Geschlechterrolle in der Gesellschaft. Im Gegensatz dazu steht die Definition von "Sex", die sich auf das biologische Geschlecht bezieht.

Gender-Medizin

Gender-Medizin ist ein relativ junger Forschungszweig, der sich mit frauen- und männerspezifischer Symptomatik sowie ihren Behandlungsmöglichkeiten beschäftigt.

Lebenserwartung

Frauen haben derzeit eine durchschnittliche Lebenserwartung von 82,7 Jahren, Männer von 77,1 Jahren.

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