Wie uns die Psyche dick macht
Vom Kummerspeck bis zur kindlichen Ess-Prägung: Michael Lehofers g'schmackige Analyse.

Foto © Meike SchmalstiegEssen: Lust, aber auch Frust
Essen hat nicht nur mit Kohlehydraten, Eiweiß und Fett zu tun", ist Psychiater Michael Lehofer überzeugt - und gibt eine Kostprobe aus Küche und Keller: Die Küche stellt dabei das Bewusste, der Keller das Unbewusste dar.
Frustessen. Übergewichtige Menschen essen oft auch dann noch, wenn sie satt sind. Lehofer: "Ein Mann kommt nach Hause. Er hat den ganzen Tag gearbeitet, erlebt sich im Beruf überfordert und nicht gewürdigt. Seine Lebensgefährtin hat ihn vor drei Jahren verlassen. Er macht sich eine Riesenportion Spaghetti. Danach gibt es eine Familienpackung Eis." Und er ist noch immer nicht satt ...: "Essen ohne Ende ist auch auf die Unmöglichkeit, sich satt fühlen zu können, zurückzuführen", weiß der Psychiater. Man isst, bis einem schlecht ist, bis man nicht mehr kann. Der "Sättigungswecker" wird ignoriert. "Durch das Abspeisen von Kindern in frustrierenden Situationen wird diese Reaktion gelernt. Statt das Kind in die Arme zu nehmen, wird ihm ein Teller vorgesetzt", erklärt Lehofer. Die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit werde in diesem Fall nachhaltig in das Essen projiziert. "Man nimmt an, dass diese frühen Erfahrungen, mit der Neigung Kummerspeck anzulegen, zusammenhängen."
Als Kind verlernt. Jeder von uns kennt Menschen, die immer auf Diät sind und trotzdem ständig runder werden. Macht Diät dick? "Gezügeltes Essverhalten bedeutet, dass man noch nicht isst, wenn man auch schon Hunger hat, und schon vor der Sättigung wieder aufhört", definiert der Psychiater. Der Geist kontrolliert sozusagen den Trieb, den natürlichen Impuls. So verlernt man auch nach der Kindheit das natürliche Empfinden für Hunger und Sattsein. Lehofer: "Sie theoretisieren über ihre inneren Zustände, haben keine Beziehung mehr zu sich, zu den Informationen in ihrem Inneren."
Langsam essen. Ein Teil der Menschen mit gezügeltem Essverhalten nehme mehr Kalorien zu sich als Menschen, die sich keiner Diät unterziehen. "Die geistige Kontrolle kann durch kleine alltägliche Kränkungen durchbrochen werden (Lehofer)." Wenn das passiert, gehen die "gezügelten inneren Pferde" durch und man erleidet eine Fressattacke. Lehofer: "Statt einer Diät sollte man während langsamer genussreicher Mahlzeiten mehr auf sein Inneres vertrauen und lernen, auf den "Sättigungswecker" zu hören."
Features
Gute Kalorienverwerter
Es ist wahr, dass manche bessere Kalorienverwerter sind als andere. Am leichtesten kann man sein eigenes genetisch bedingtes Zielgewicht halten. Studien zeigen, dass manche Menschen fast alle Kalorien verwerten. Nämlich jene, die noch nicht am genetisch festgelegten Zielgewicht angelangt sind. Genetisch Schlanke verwerten nicht alle Kalorien, die sie verwerten könnten.
Warum wir so "süß" sind
"Säuglinge geben der süßen Geschmacksrichtung den Vorzug", sagt der Psychiater. Hingegen hätten sie eine Aversion gegen bitter, sauer und salzig. "Man nimmt an, dass es in diesem Alter in erster Linie um eine sichere und schnelle Energiequelle geht. Die ist bei süßen Nahrungsmitteln am ehesten gegeben." Die anderen Geschmacksrichtungen werden im Laufe der Zeit gelernt.
Höllisch scharf
"Chili ist ein gutes Beispiel dafür, dass wir uns fast alles angewöhnen können und dass uns fast alles schmecken kann", sagt Lehofer. Chili behagt anfangs fast niemandem, zumal es zu einem Verbrennungsgefühl im Mund führt. Unbestritten sind die günstigen Wirkungen: verdauungsfördernd, viel Vitamin A und C.
Wertschätzung
"Die Beziehung zum Essen hat sich in den letzten 50 Jahren tiefgreifend verändert", sagt Lehofer. Die Entritualisierung der Mahlzeiten werde etwa in US-Großstädten deutlich, wo man fast den Eindruck gewinnen kann, dass alle den ganzen Tag im Gehen essen. "Mangel an Nahrung führte früher zu einer Wertschätzung der Lebensmittel, die heute verloren gegangen ist."





