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Zuletzt aktualisiert: 15.10.2012 um 14:35 UhrKommentare

Vergessene Kinder: Wenn die kranken Eltern krank machen

Psychisch krank, die nächste Generation: Einige zehntausend Kinder und Jugendliche sind in Österreich bedroht, psychische Leiden allein deshalb zu entwickeln, weil schon ein Elternteil krank ist.

Foto © Fotolia: Stephan Morrosch

Im Bundesland Salzburg dürften es 6.000 Kinder und Jugendliche sein. Prävention und Hilfe für die Betroffenen fehlen oft, hieß es Samstag bei einem Symposium der Klinische Abteilung für Sozialpsychiatrie der MedUni Wien am AKH.

Vergessene Kinder

"Belastete 'vergessene' Kinder – Kinder von Eltern mit psychischer Erkrankung", lautete der Titel der Veranstaltung, zu der mehr als 300 Teilnehmer kamen. Belastet, "vergessen" – das sind in Österreich offenbar viele Kinder, die in Familien aufwachsen, in denen ein oder beide Elternteile zum Beispiel an Depressionen, Psychosen (Schizophrenie) oder bipolaren Störungen (manisch-depressiv) leiden. Die Lebenszeit-Wahrscheinlichkeit, eine solche Krankheit zu entwickeln, liegt bei 27 Prozent – das gilt auch für Eltern.

Brigitte Schmid-Siegel von der Abteilung für Sozialpsychiatrie der MedUni nannte Zahlen aus verschiedenen Studien: "Zehn bis 30 Prozent aller psychiatrischen Patienten und Patientinnen haben mindestens ein minderjähriges Kind, ebenso 70 Prozent der stationär behandelten psychiatrischen Patientinnen. Acht bis zehn Prozent der Kinder haben mindestens einen Elternteil mit einer psychischen Erkrankung."

Belastungen der Kinder nicht wahrnehmen

Johannes Wancata, Leiter der Abteilung für Sozialpsychiatrie an der MedUni Wien, zitierte aus einer österreichischen Angehörigenstudie von psychisch Kranken (135 Angehörige von Schizophreniekranken): "24,4 Prozent der Patienten hatten entweder minderjährige Geschwister oder Kinder. 13 Prozent hatten minderjährige Kinder, für die sie sorgen mussten." Die Erwachsenen waren im Durchschnitt fast 40 Jahre alt, litten mehr als zehn Jahre an ihrer Erkrankung und hatten im Durchschnitt fünf stationäre Krankenhausaufenthalte hinter sich, was wiederum die Trennung von den Kindern bedeutete.

Schmid-Siegel: "Psychisch kranke Eltern sind aufgrund ihrer eigenen Belastungen, Defiziten, Scham und Angst oft nicht in der Lage, die Belastungen ihrer Kinder wahrzunehmen. Sie haben einen erschwerten Zugang zu institutioneller Hilfe und Angst vor Kindesabnahme durch die Jugendwohlfahrt."

Das bedeutet für Heranwachsende eine unerhörte Belastung: Berufstätig sind in Österreich nur etwa die Hälfte der psychisch Kranken. Das lässt die Familien oft in die Armut rutschen. Kinder können sich oft nicht erklären, warum Mutter oder Vater – bei chronischer Erkrankung oder wiederkehrenden Episoden – ein verändertes Verhalten aufweisen.

Die Expertin: "Kinder von schwerkranken psychiatrischen Patienten erleben in den prägendsten Jahren unterschiedlich schwere Belastungen, welche die Lebensqualität beeinträchtigen, emotionale Entbehrungen, Vernachlässigung, Misshandlung und Missbrauch."

Wenn eine Mutter oder ein Vater beispielsweise an einer Schizophrenie erkrankt, manisch-depressiv oder depressiv ist, ist dieser Elternteil vor allem mit sich beschäftigt, nimmt die Bedürfnisse des Kindes oft nicht ausreichend wahr und kann nicht die natürliche Rolle eines Elternteils ausfüllen. Depressive sind wegen fehlenden Antriebs nicht dazu in der Lage, fühlen sich als schlechte Eltern. Oft sind die Familienverhältnisse instabil. – Sprichwörtliches "Gift" für jedes gesunde und in Geborgenheit erfolgendes Aufwachsen eines jungen Menschen.

Erschreckende Zahlen

An der Universitätsklinik in Salzburg fiel den Ärzten vor einigen Jahren auf, wie viele Kinder mit ihren Eltern in die Klinik kamen – um Hilfe für die Eltern zu suchen. Über ein halbes Jahr hinweg teilten sie daher an alle Patienten, deren Partner und die Kinder Fragebögen aus, um deren Situation zu erforschen.

Die Studie mit 142 Patienten, 153 Partnern und 257 Kinder im Durchschnittsalter von rund zehn Jahren brachte folgende Zahlen ans Tageslicht. Etwas mehr als die Hälfte der Patienten war verheiratet, nur die Hälfte erwerbstätig. Im Durchschnitt hatten sie 2,2 Kinder (1,7 unter 18 Jahren). Die Salzburger Psychiaterin Renate Stellig-Schöler: "16 Prozent der Partner waren selbst psychisch krank." Das bedeutete noch mehr Belastung für die Kinder.

Bei der Befragung der Eltern stellte sich für den Zustand der Kinder Erschreckendes heraus: 91 der 257 Kinder oder 38,4 Prozent wurden von einem Elternteil als "auffällig" bezeichnet. Mehr als 60 Prozent hatten mehr als eine Auffälligkeit. 34 hatten Lernschwierigkeiten, je 41 emotionale Probleme bzw. waren sozial auffällig.

Kaum Hilfe für Betroffene

Auf der anderen Seite gab es nur einen kleinen Teil von Kindern bzw. Familien, die wirklich Hilfe bekamen. Die Expertin: "23 Prozent hatten Kontakt mit psychiatrischen Einrichtungen gehabt, 16 Prozent bekamen Hilfe." Chronische psychiatrische Erkrankungen (Dauer über zehn Jahre) und solche Erkrankungen bei beiden Elternteilen ließen den Anteil der auffälligen Kinder auf bis zu 50 bis 60 Prozent hinauf schnellen. Besonders litten offenbar Kinder im Alter zwischen acht und zehn Jahren sowie Jugendliche über 14.

Die Salzburger Experten versuchten, aufgrund dieser Daten den Kreis der potenziell Betroffenen in ihrem Bundesland abzuschätzen: Sie kamen auf rund 6.000 Kinder in Salzburg allein, die ein solches Risiko haben. In Österreich sind es somit sicher einige Zehntausend – mit einem hohen Erkrankungsrisiko, weil auch schon ihre Eltern psychisch krank sind. Stellig-Schöler: "Eine psychische Erkrankung eines Elternteils bedeutet das zwei- bis vierfache Risiko für Auffälligkeiten bei den Kindern."

Notwendig wären unterstützende und aktive Hilfsangebote für Familien mit psychisch Kranken. Betroffene Eltern bzw. Elternteile und ihre Kinder sollten in Beratungs- und unterstützenden Gesprächen lernen können, mit dem Problem umzugehen. Besonders wichtig: Die Kinder sollten in dem Bewusstsein aufwachsen, dass sie nicht an der psychischen Erkrankung ihrer Mutter oder ihres Vaters "schuld" sind, dass die Krankheiten behandelbar sind – und sich auch wieder bessern.

Hier gibt es in Österreich nur wenige spezialisierte Hilfsangebote. In Finnland hingegen hat man wegen der Depressionen als echtes Volksleiden alle Fachkräfte (Gesundheits- und Sozialbereich, Anm.) für den Umgang mit solchen Familien geschult.


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