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Zuletzt aktualisiert: 12.07.2012 um 11:04 UhrKommentare

Reduktion, statt Abstinenz

Bei der Früherkennung von Alkoholsucht können Hausärzte eine wichtige Rolle spielen. In der Behandlung rückt man indes immer mehr von der absoluten Abstinenz ab.

Foto © APA

Wichtig wäre vor allem die frühe Entdeckung sich entwickelnder Alkoholprobleme. Hier könnten die Hausärzte eine wichtige Rolle spielen. Die britische Expertin Julian Sinclair am Freitag beim Europäischen Hausärztekongress in Wien: "Es gibt da einfache Fragebögen, mit denen man ein Risiko bestimmen kann. Dann sollte zumindest ein kurzes Beratungsgespräch folgen."

Wann ist man alkoholkrank?

Traditionell haben sich Medizin und besonders die Suchtspezialisten vor allem mit der "Spitze des Eisbergs", also mit den bereits Alkoholkranken, befasst. Dabei rutscht aber die mehrfache Zahl an Menschen, welche einen Missbrauch aufweisen - in Zukunft wird das wahrscheinlich international bereits als Frühstadium der Alkoholkrankheit definiert werden - durch.

Dabei kommt es derzeit gerade in der Therapie von Alkoholkrankheit, Missbrauch und deren Begleiterkrankungen zu einem Paradigmenwechsel. Julian Sinclair: "Das Behandlungsziel der absoluten Abstinenz kam vor allem aus den USA, die ja auch eine Geschichte mit Alkohol-Prohibition haben. Aber 50 Prozent der Betroffenen wollen ihren Alkoholkonsum vor allem reduzieren. Wenn man denen nur sagt: 'Sie dürfen ab sofort niemals mehr in ihrem Leben ein Glas trinken', wird man sie abschrecken."

Reduzierter Konsum

Die Strategien der Mediziner laufen daher bei der Behandlung von Menschen mit Alkoholproblemen immer mehr auf reduzierten, aber kontrollierten Konsum hinaus. In Studien gelangte etwa die Hälfte der Patienten, die zunächst ihren Alkoholkonsum reduzierten schließlich zu Abstinenz. Dabei dürfen sich auch die Verfechter von Abstinenz-orientierten Behandlungsstrategien nicht täuschen: Die meisten Alkoholkranken werden - zumindest vorübergehend - wieder rückfällig.

Teuflisch ist jedenfalls der Kreis zwischen Alkohol und Depression. Finn Zierau, Chef von vier ambulanten Alkoholkliniken in Kopenhagen: "Wir sehen viele Patienten mit Depressionen. Die Sache ist wie die Geschichte von der Henne und dem Ei. Was kommt vorher." Physiologisch sind die Zusammenhänge klar. Alkohol, so wie andere psychotrope Substanzen, wirkt auf das Belohnungszentrum im Gehirn. Dort wirken auch die Nervenbotenstoffe wie Serotonin, Dopamin, GABA, Endorphine und Glutamat. Depressive weisen in der Regel zu geringe Serotonin-Konzentrationen im Gehirn auf, auf deren Steigerung zielen die modernen Antidepressiva ab.

Der Konnex zum Alkohol: Geringe Mengen steigern die Serotonin-Konzentration, hohe Mengen führen zu einem Mangel. Das erklärt das Phänomen, warum viele Menschen mit Depressionen als Selbst-Medikation zum Alkohol greifen, bei höherer Dosierung aber nur noch depressiver werden. Der dänische Experte: "Man sollte auf jeden Fall fragen, ob die depressiven Zustände eventuell schon vor dem Alkoholmissbrauch bestanden haben. Wenn dem so ist, wäre zunächst einmal ein Monat lang Abstinenz anzuraten." Ein erheblicher Teil dieser Patienten sei dann nämlich faktisch von beidem "geheilt". Der schnelle Griff zum Antidepressivum und das "Vergessen" einer eventuellen Alkoholproblematik sei jedenfalls falsch.


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