Auf dem Land sind Ärzte Einzelkämpfer
Extreme Arbeitszeiten und gefährliche Wegstrecken - der Alltag einer Landärztin ist hart und verlangt viel Durchhaltevermögen. Die Kleine Zeitung hat einer über die Schulter geschaut.

Foto © KLZ/TraussnigElisabeth Lackner in ihrer Praxis
Dass Elisabeth Lackner (51) Ärztin ist, erkannt man auf den ersten Blick nicht. Auch nicht auf den zweiten. Die Allgemeinmedizinerin mit einer Ordination in Bad St. Leonhard verzichtet auf etwas, das ihre Berufsgruppe gewöhnlich kennzeichnet: den weißen Mantel. "Ich habe aufgehört, ihn zu tragen, weil sich Kinder davor schrecken. Ich will ihnen keine Angst machen." Einfühlungsvermögen, das ist eine Kernkompetenz, die man als Landärztin laut Lackner dringend nötig hat; viel stärker gefordert ist aber etwas anderes: ihr Durchhaltevermögen.
Durchschnittlich 350 Stunden im Monat arbeitet Lackner, wenn sie einen der zwei anderen Ärzte in ihrem Sprengel vertreten muss, steigt die Arbeitsbelastung sogar auf 450 Stunden pro Monat. Gerade die vielen Bereitschaftsdienste kosten Zeit. Zehn Mal im Monat muss sie 24 Stunden in Bereitschaft stehen. Jedes dritte Wochenende fällt deswegen flach. Auch wenn das nicht durchgehend Arbeit bedeutet - "Es wird immer schwieriger für mich, von einem Einsatz in der Nacht heimzukommen und einzuschlafen. Ich kann kaum noch abschalten." Dazu kommt, dass Lackner besonders viele Patienten in ihrer Ordination hat, die Frequenz liegt 60 Prozent über dem Kärntenschnitt. Jeden Tag stehen vier bis fünf Hausbesuche an - die nicht unbedingt der nächste Weg sein müssen: "Ich betreue ein sehr weitläufiges Gebiet mit vielen abgelegenen Bauernhöfen. Im Winter gibt es da schon einige brenzlige Situationen beim Fahren, ich bin aber sogar mit Spikes ausgerüstet."
Pistenwiesel
Manchmal helfen aber sogar die nichts mehr, wenn Lackner in der Schisaison zu Einsätzen am Klippitztörl gerufen wird. Zu den Schihütten kommt sie dann nur mehr mit dem Ratrac oder dem Pistenwiesel. Egal, wie widrig die Umstände sind, die eine Visite begleiten, Lackner bekommt immer das selbe Geld dafür. Der finanzielle Aspekt ist der Medizinerin aber auch nicht so wichtig, vielmehr beklagt sie die Arbeitsbedingungen, unter denen Landärzte leiden: "Wir sind Einzelkämpfer, das belastet am meisten. Kassenärzte dürfen keine Gemeinschaftspraxen führen, dabei würde ein Kollege am Land so viel Erleichterung verschaffen."
Aktuell ist aber das Gegenteil der Fall: Landärzte wie Lackner haben mit immer größerem Organisationsaufwand zu kämpfen. Für die Patienten bedeutet das längere Wartezeiten und weniger Hausbesuche. "Ich bitte alle Patienten, so weit es geht, in die Ordination zu kommen", sagt Lackner. Wenig Hilfe bekommt sie vom Krankenhaus in Wolfsberg, für Schmerzpatienten kann sie dort kaum mehr Betten organisieren. Zudem bereitet ihr die drohende Schließung der Geburtenstation Sorgen: "Ich hatte bereits zwei Hausgeburten, bei denen ich jedes Mal Stoßgebete in den Himmel schickte, damit alles gut geht. Nicht auszudenken, wenn die Gebärenden erst 80 Kilometer ins nächste Krankenhaus fahren müssten."
Genauso wenig kann sich Lackner vorstellen, wie die Umlandgemeinden in Kärnten ohne ihre Landärzte auskommen sollten. "Der Andrang würde sich dann auf die Krankenhäuser verlagern, die ja jetzt schon am Limit arbeiten." Nicht nur die medizinische Versorgung wäre gefährdet, auch die soziale - der Landarzt ist nach wie vor eine wichtige Bezugsperson. "Man ist schon so etwas wie der Seelentröster, die Leute bringen großes Vertrauen entgegen", sagt Lackner. Ihr wurde schon einmal ein Übergabevertrag vorgelegt, mit der Bitte, ihn sich doch für den Patienten anzusehen. "Ich habe dann gemeint, das wäre beim Notar gegenüber besser aufgehoben, aber der Mann bestand darauf." Da brauchte es wieder - Einfühlungsvermögen.

















