Apotheken verkaufen Abnehmpille an Teenager
Ein schlankes Mädchen und eine stillende Mutter haben im Test für den Verein für Konsumenteninformation (VKI) in 16 Apotheken die Schlankheitspille "Alli" verlangt. Nur viermal wurden die Testerinnen abgewiesen.

Foto © Gina Sanders / FotoliaSujet
Arzneimittel gegen Übergewicht werden in Wiener Apotheken auch an Personen verkauft, für die sie alles andere als geeignet sind: Ein schlaksiges Mädchen und eine stillende Mutter haben im Test für den Verein für Konsumenteninformation (VKI) in 16 Apotheken das Schlankheitsmedikament "Alli" verlangt - kein harmloses Nahrungsergänzungsmittel, sondern ein rezeptfreies Medikament, das in geringerer Dosis den Wirkstoff Orlistat der verschreibungspflichtigen Abnehmpille "Xenical" enthält. Nur viermal wurden beide Testerinnen abgewiesen.
"Alli" wurde im Herbst 2008 von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) zugelassen und ist in Österreich seit April 2009 auf dem Markt. Missbrauchspotenzial wurde von der Behörde keines gesehen. Das Mittel sei apothekenpflichtig, daher werde für die zulässige Abgabe - nur an übergewichtige Erwachsene mit einem Body-Mass-Index (BMI) über 28 - Sorge getragen, hieß es damals. Diese Kontrollfunktion werde in Apotheken nur bedingt oder gar nicht ausgeübt, kritisierte VKI-Geschäftsführer Franz Floss am Mittwoch bei der Präsentation der Testergebnisse in Wien. Denn an Minderjährige, Schwangere und Stillende dürfte "Alli" nicht verkauft werden, da keine Untersuchungen über mögliche Nebenwirkungen wie Durchfall oder "Fettstuhl" vorliegen.
Keiner fragte nach dem Ausweis
Zufällig ausgewählte Apotheken in den Bezirken Penzing, Rudolfsheim-Fünfhaus, Währing und Döbling verkauften "Alli" um 47,90 bzw. 69,60 sowohl an die beinahe untergewichtige 15-Jährige (BMI 19,4), die vorgab 17 Jahre alt zu sein und vor dem Sommer abnehmen zu wollen, sowie an eine 39-Jährige (BMI 25,1), die erzählte, nach der Geburt ihres Sohnes Gewicht verlieren zu wollen. Weder nach dem Gewicht oder dem BMI wurde gefragt und nur einmal nach dem Stillen - trotz Bejahens gab es danach das Medikament für die Mutter.
Kein einziger Apotheker fragte die Jugendliche nach einem Ausweis, nur zwei nach Verhütung, da "Alli" die Wirkung der Pille beeinträchtigen kann. In der Innenstadt, der Leopoldstadt, in Landstraße, Favoriten, in der Donaustadt und in Liesing konnte die 15-Jährige das Medikament trotz Fragen nach dem Gewicht und der Ernährung kaufen, die 39-Jährige wurde abgewiesen. Umgekehrt sah es beim Test in Meidling und Brigittenau aus. Vorbildlich schnitten die Gasometer-Apotheke, die Nordrand Apotheke, die Sandleiten-Apotheke und die St. Anna Apotheke ab, die das Arzneimittel beiden VKI-Probandinnen verweigerten.
"Alli" konnte nach der Zulassung wegen der Rezeptfreiheit intensiv als Lifestyle-Produkt beworben werden, kritisierte Floss. Bedenken zum Beispiel vom Europäischen Verbraucherverband BEUC bezüglich eines Missbrauchs durch Menschen mit Essstörungen blieben bisher ungehört. Eine VKI-Umfrage ergab, dass in 55 österreichischen Essstörungszentren mit rund 900 minderjährigen Patienten im Jahr 15 Prozent der Personen, die Medikamente missbräuchlich einnahmen, "Alli" verwendeten. Diese Ergebnisse sowie die Testresultate werde man der EMA sowie der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) melden, kündigte Floss an.
Der Wirkstoff Orlistat, eine "Alli"-Kapsel enthält 60 Milligramm davon, sorgt dafür, dass ein Viertel der aufgenommenen Fette unverdaut ausgeschieden wird, auch fettlösliche Vitamine wie A, D, E und K gehen somit verloren. Zusätzlich zur Einnahme erhalten Patienten ein Bewegungs- und Ernährungsprogramm, das täglich nur 1.600 Kalorien erlaubt. Neben Diät und Sport sorgt das Medikament so für eine Reduktion des Körpergewichts um 60 bis 80 Gramm pro Woche. Floss: "Das entspricht 131 Kilokalorien pro Tag und somit einer trockenen Semmel."

















