Kampf gegen Krebs: Neue Waffen, neues Glück?
Erfolge, Kontroversen und Hoffnung auf eine neue Impfung gegen Krebs: Hintergründe zum größten Krebskongress der Welt mit 30.000 Ärzten.

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Die guten Nachrichten zuerst: In den letzten 15 Jahren ging die Sterblichkeit bei Krebserkrankungen eindeutig zurück. Vor 30 Jahren überlebten lediglich 25 Prozent der Betroffenen länger als fünf Jahre - heute sind es bereits 50 Prozent. Und eine Reihe von Krebs-Präparaten zeitigt Behandlungserfolge, die man sich vor wenigen Jahren noch nicht einmal erträumt hatte.
Die schlechten Nachrichten? Die Krebsraten steigen weiter ungehemmt. Das Wissen rund um die Möglichkeiten der Behandlungen ist explodiert; mühsam versuchen Ärzte, die Teilchen richtig zu verstehen und entsprechend zusammenzusetzen. Dazu kommt, dass die Diskussionen um die Kosten-Nutzen-Rechnung das Gesundheitssystem in seinen Grundfesten erschüttert.
Was ist ein Monat Leben wert?
In diesem Spannungsfeld diskutierten 30.000 Krebsmediziner beim größten Krebskongress der Welt in Chicago die neuesten Forschungsergebnisse. Mit fast 45 Milliarden Euro Umsatz gilt der Markt der Krebsmedizin als größter Hoffnungsträger des Arzneimittelhandels.
Personalisierte Medizin lautet das Schlagwort: Für bestimmte Patientengruppen werden (genetische) Merkmale herausgefiltert, um gezielt gegen die Krankheit vorzugehen - wie etwa mit dem Brustkrebsmittel Herceptin.
Heute gibt es eine ganze Reihe von Präparaten ("Antikörper), die als Infusionen oder Tabletten verabreicht werden.
Behandlungskosten von knapp über 20.000 bis zu über 100.000 Euro (theoretische Jahrestherapiekosten) haben aber zu heftigen Kontroversen geführt.
Die Kritik an die Pharmafirmen: zu hohe Kosten und eine effektive Lebensverlängerung von "nur" wenigen Monaten - und zwar im Vergleich zu einer herkömmlichen, günstigeren Therapie. In einem Buch erhob Claudia Wild vom Boltzmann-Institut weitere schwere Vorwürfe.
Der Medizinische Direktor von Roche, Martin Steinhart, denkt nicht daran zu klagen, obwohl die Vorwürfe in Abrede gestellt werden: "Wir halten nichts von so einem Gegenschlag. Wir legen alles offen, schaffen Transparenz und klären lieber so Ärzte und Patienten auf. Wichtig ist: Es geht um Lebensverlängerung UND Lebensverbesserung! Eine Metastase im Hirn kann das Leben schwer beeinflussen, aber wenn es gelingt, das zu vermeiden, dann hat man die letzten Tage oder Wochen eine bessere Lebensqualität."
Beschämend? Alternativlos!
Auch Ärzte sind entsetzt über die Art der Diskussion, die die Kritiker initiiert haben. "Auf den ersten Blick ist es beschämend, wenn man eine Lebensverlängerung von nur drei, vier Wochen erreicht. Wir sind ja auch ständig damit konfrontiert, was die Behandlung kostet. Aber in Wahrheit sind diese Medikamente alternativlos, weil sie Bausteine in einem neuen Wall gegen den Krebs darstellen. Ohne sie gibt es auch keine Zukunft in der Behandlung", analysiert der Onkologe Hellmut Samonigg. Und: "An den medizinischen System-Gesamtkosten haben die Krebspräparate nur 0,6 Prozent Anteil, für andere Bereiche wird wesentlich mehr aufgewendet."
Der Gynäkologe und Krebsmediziner Christian Marth versucht die Erwartungshaltungen etwas zu dämpfen: "Die neuen Substanzen killen den Krebs nicht, sie hindern das Wachstum." Und es fehlen (genetische) Tests, um diese Präparate tatsächlich zielgerichtet gegen Tumorarten einzusetzen. Hier hat man den größten Aufholbedarf. "Bei so vielen neuen Ansätzen werden die Schritte immer kleiner", erklärt der Chirurg und Krebsmediziner Michael Gnant.
Gute Forscher, falsche Politik
Wie vielschichtig die Krebsmedizin heute geworden ist, zeigen Forschungsergebnisse aus Chicago: Bei einer Lungenkrebsart, die nur vier Prozent der Patienten betrifft, konnte eine Behandlungsmöglichkeit ausgemacht werden, auf die immerhin 60 Prozent der Erkrankten ansprechen.
Die rasche Veränderung der Tumore erfordert immer wieder neue Abstimmungen innerhalb eines Behandlungsvorgangs.
Das Roche-Mittel Avastin, das bereits zur Behandlung mehrerer Krebsarten zugelassen ist, gibt beim fortgeschrittenen Eierstockkrebs Anlass zu Hoffnung: bis zu 15 Monate ohne Fortschreiten der Erkrankung - das sind rund fünf Monate mehr als mit einer herkömmlichen Methode.
Auch Österreichs prominenteste Studiengruppe, die ABCSG (Austrian Breast & Colectoral Cancer Study Group) brachte Ergebnisse: unter anderem, dass übergewichtige Patientinnen sowohl schlechtere Aussichten beim krankheitsfreien Überleben als auch bei der Gesamtüberlebensrate bei Brustkrebs haben.
Trotzdem ist ABCSG-Präsident Michael Gnant mit der Situation in Österreich nicht zufrieden, weil Kooperationen mit der Pharmabranche in der Öffentlichkeit oft nicht goutiert werden: "In den USA zahlt die öffentliche Hand 50 Prozent der klinischen Forschung. Bei uns ist es gerade ein Prozent. Wenn wir eine Studie machen, heißt es nur: Geht's zur Pharmaindustrie. Kaum kooperiert man, wird den Wissenschaftlern unterstellt, dass wir bestechlich seien. So kommt man aus diesem Teufelskreis nicht raus. Gut, dass es heute klare Richtlinien gibt."
Impfung gegen Krebs
Für internationales Aufsehen sorgt bereits jetzt eine der nächsten ABCSG-Arbeiten: Es geht um eine potenzielle Impfung gegen das Wiederauftreten von Brustkrebs. Insgesamt sollen über 3000 Patientinnen daran teilnehmen, und zwar weltweit. "In fünf bis sechs Jahren werden wir die Ergebnisse ausgewertet auf dem Tisch liegen haben (Gnant)."

















