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Zuletzt aktualisiert: 22.06.2009 um 16:53 UhrKommentare

Der Weg vom Raucher zum Nichtraucher

Es war am 3. Juni 2009: Zigaretten wurden zwar keine angezündet im Gustav-Mahler-Saal des Hotel Sacher in Wien, aber kräftig aufgeraucht hat es trotzdem! Vor allem die Statistiken um Steigerungsraten bei den Rauchern, Zahlen von Passivrauchtoten und Argumente für oder gegen die Wirtschaftlichkeit des Rauchens in Lokalen sorgten für einigen Zündstoff.

Foto © Schuster

Als wir uns letztes Jahr zum gleichen Thema getroffen haben, waren 23 Prozent aller Österreicher Raucher. Und im Guinness Buch der Rekorde 2008 war Österreich als das Land mit den meisten Rauchern angeführt. Hat sich daran etwas geändert?
Manfred Neuberger: Vorweg: Wir haben nicht mehr Raucher in Österreich als im Durchschnitt der EU, wir haben nur mehr rücksichtslose Raucher. Und ja, das Rauchen selbst hat bei uns leider eher zugenommen im Gegensatz zu Nordamerika, zu Australien und zu Westeuropa, wo das Rauchen abgenommen hat. Selbst in den Nachbarländern wie der Schweiz finden wir eine wesentlich niedrigere Raucherquote bei den unter 15-Jährigen. Was mir Sorgen macht, ist, dass wir bei dieser Altersgruppe europaweit an der Spitze liegen und das ist ein "Erfolg" der Tabakindustrie.
Dietmar Erlacher: Nach China hat Österreich die höchsten Steigerungsraten. Das hat uns dazu bewogen, 18 Trafiken zu befragen. Wir haben gefragt, wie der Zigarettenumsatz im ersten Quartal 2009 im Gegensatz zum Quartal des Vorjahres war. Die Antwort: Zwischen 18 und 24 Prozent höher als im Vorjahr, das heißt, dass in den Gaststätten "angeblich" nicht mehr geraucht werden darf, spiegelt sich im Konsum nicht wider ...
Helmut Hinterleitner: ... das stimmt aber rechnerisch nicht ...
Erlacher: Ich oute mich hiermit als jener Sheriff, der in Österreich über 1000 Anzeigen gegen Gastwirte wegen Nichteinhaltung der Nichtraucherbereiche den Behörden übergeben hat. Unsere Erhebungen zeigen, dass sich ca. 90 Prozent der Lokale nicht an das neue Tabakgesetz halten.
Hinterleitner: Die Gastronomie darf nicht Spielball der Betrachtungen werden. Und zum Passivrauchen: Da werden wahllos Zahlen von Toten genannt, von denen die Experten selber sagen, dass sie da nicht sicher sind. Wenn im Verhältnis zu den deutschen Zahlen bei den Passivrauchtoten die österreichischen überproportional sind, dann frage ich mich, auf welche Zahlen man da zurückgreift.

In der Steiermark haben sich 416 Gastronomen für rauchfrei entschieden. Wie ist das Feedback dieser rauchfreien Gastronomen?
Helmut Hirt: Die, die sich dafür entschieden haben, profitieren davon. Wir haben ein bekanntes Lokal in der Grazer Innenstadt, das macht sogar mehr Umsätze als vorher. So tragisch ist es also nicht mit den Umsatzeinbußen ...
Hinterleitner: ... Sie haben aber 7000 Betriebe in der Steiermark ...
Hirt: Sie hören nicht, wie unzufrieden Ihre Mitglieder mit dieser momentanen Regelung sind! Sie gehören offenbar zur Minderheit der Gastronomieinhaber, die glauben, mauern ist das Prinzip.
Patricia Tschabitscher: Es wäre viel einfacher, es gäbe ein generelles Rauchverbot. Alle wären zufriedener und nicht mehr so verwirrt. Die Trennnungen, die heute bestehen, also eine Raucherzone und fünf Meter weiter der Nichtraucherbereich, ist so, als ob man die Pinkler und Nichtpinkler in einem Swimmingpool trennen würde.
Hinterleitner: Mir geht es darum, dass viele kleine Betriebe Existenzprobleme haben. 5000 Betriebe und 13.000 Arbeistplätze wären gefährdet. Das ist die Hochrechung der Situation, wie sie sich in Irland dargestellt hat.
Hirt: ... und tausende Tote sind Ihnen egal? Die Nichtraucher sind mündig geworden und lassen sich das nicht länger gefallen. Sie sind die Mehrheit. Der Wirt lebt derzeit von der Toleranz der Nichtraucher.

In anderen Ländern funktionieren Nichtraucherlokalen ja auch ...
Hinterleitner: Ich bin es leid zu sagen, warum das in anderen Ländern funktioniert und bei uns nicht. Im Süden haben sie andere klimatische Bedingungen. Da gehen die Raucher ins Freie. In Irland sind die Innenhöfe – teilweise temperaturgeschützt – überdacht. Man sieht es an Deutschland: Da hat man das Rauchverbot militant eingeführt und jetzt korrigiert und versucht man die Kurve zu kratzen. In Bayern sind tausende Wirtshäuser zu Vereinen umstrukturiert worden.
Neuberger: Es gibt keine Evidenz dafür, dass ein generelles Rauchverbot zu Geschäftsverlusten führt, außer für die Tabakindustrie. Und weil Sie Bayern angesprochen haben: Die Gastro-Umsätze dort sind seit dem Rauchverbot rasant gestiegen. Wenn man in der österreichischen Bevölkerung fragt, sind 63 Prozent für ein Rauchverbot, das entspricht genau dem Prozentsatz von Irland vor dem Verbot. Und schon ein Jahr nach dem Verbot hatten die Befürworter in Irland auf 93 Prozent zugenommen, weil 80 Prozent der Raucher erkannten, dass es auch für sie gut ist.

Was gibt es da in Österreich noch zu tun?
Michael Kunze: In den nordischen Ländern, die genau den selben Nikotinkonsum haben wie die Österreicher – und zwar aufs Gramm oder Milligramm gerechnet – gibt es auch alternative Formen des Nikotins. Die Zukunft wird sicher Substitutionsprodukte bringen müssen und die gibts ja bereits. Die Zigarette ist ein Auslaufmodell, gar keine Frage! Außerdem kostet ja die Behandlung eines onkologischen Patienten unglaublich viel Geld!

Was tut die Steiermark hinsichtlich Tabakprävention?
Waltraud Posch: Wir gehen davon aus, dass Sucht viele Ursachen hat und daher auf vielen Ebenen Aktivitäten gesetzt werden müssen. Kampagnen sind ebenso ein Mosaikstein wie Weiterbildungen für Gesundheitsberufe, Prävention in Kindergärten und Schulen und Tabakentwöhnungskurse. Ob Jugendliche zur Zigarette greifen oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab. Bislang ist es leider so, dass Rauchen cool ist, weil es Erwachsenenstatus hat.


Teilnehmer

Dietmar Erlacher, Verein Krebspatienten für Krebs-patienten
Waltraud Posch, Projektleitung Tabakpräven-tionsstrategie, VIVID – Fach-stelle für Suchtprävention
Helmut Hirt, Steirischer Landesrat für Gesundheit, Spitäler und Personal Steiermark
Manfred Neuberger, Ordinarius für Umwelthygiene
Patricia Tschabitscher, Operation Manager von Pfizer
Helmut Hinterleitner, Obmann Fachverband Gastro-nomie

Entwöhnung

"Rauchfrei in sechs Wochen": Information und Anmeldung: Tel. (0316) 8035-1919
Mehr Infos im Netz

Foto

Foto © Corbis

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Gewohnheiten

Die Rauchgewohnheiten der SteirerInnen: Derzeit rauchen rund 21,5 Prozent der stei-rischen Bevölkerung ab 15 Jahren, wobei 16,9 Prozent angeben täglich zu rauchen. (Männer: 21, 5 und Frauen 12,5 Prozent. (Quelle: Vivid)

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