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Zuletzt aktualisiert: 15.09.2008 um 13:49 UhrKommentare

Bakterien, Viren & Co.: Das Tier in mir

Wir sind, was sie sind: Die Rede ist von unseren zahlreichen Mitbewohnern: Viren, Bakterien und manchmal Würmern oder Amöben.

Bakterien befinden sich am ganzen Körper,  Pilze siedeln sich gerne auf den Haaren an

Foto © www.flickr.com / mosonyiBakterien befinden sich am ganzen Körper, Pilze siedeln sich gerne auf den Haaren an

Sicher sind die, die im Fruchtwasser schwimmen. Der Mutterleib gilt als bakterienfreie Zone. Noch während der Geburt nimmt die Besiedelung ihren Lauf: "Im Geburtskanal nisten sich die ersten Bakterien in uns ein", sagt Gottfried Schatz, Biochemiker und ehemaliger Präsident des Schweizerischen Wissenschafts- und Forschungsrates. Ab dem ersten Moment des Lebens lautet das Motto also: Du bist nicht alleine!

Mensch ist Ökosystem. Denn: Der Mensch ist ein Ökosystem und lebt, ob er will oder nicht, in ständiger Gemeinschaft mit einzelligen Mikroben wie Bakterien und Pilzen, mit Viren - und manchmal auch mit Würmern, Spinnentieren, Wanzen, Flöhen oder anderem Getier.

Leben auf dem Menschen. Der deutsche Biochemiker und Biologe Jörg Blech hat in seinem Buch "Leben auf dem Menschen" (siehe rechts) folgende Mikroben-Volkszählung aufgestellt: Auf dem Menschen leben 988 mikroskopisch winzige Spinnentiere, hundert Billionen Bakterien, ungefähr 70 Amöben und manches Mal bis zu 500 Madenwürmer.

1 bis 2 Kilo Bakterien. Schatz rechnet vor: "Wir bestehen aus etwa zehntausend Milliarden menschlichen Zellen. Und zehn bis zwanzig Mal mehr Bakterienzellen - das ergibt mindestens 1014 Milliarden ,fremde' Zellen. Obwohl diese den menschlichen Zellen zahlenmäßig überlegen sind, haben sie im Normalfall nicht die Oberhand", betont der Wissenschaftler. Da sie tausend Mal kleiner als menschliche Zellen sind, machen sie "nur" ein bis zwei Kilogramm unseres Körpergewichts aus.

Krieg & Frieden. "Dass uns beispielsweise Bakterien besiedeln, nützt uns mehr, als dass es uns schadet." Fakt ist, ohne unsere kleinen Bewohner wären wir kaum überlebensfähig. Denn: Die winzigen und nur im Mikroskop sichtbaren Mikroben erzeugen gewisse Stoffe, die unser Körper nicht selbst bilden kann und die ihm deswegen bei ungenügender Nahrungszufuhr fehlen. "Zu diesen Stoffen zählen die Vitamine K, B12 und Folsäure."

Friedfertig. "Haben Sie also keine Angst vor Ihren einzelligen Untermietern! In der Regel verhalten sie sich friedfertig. "Sie bilden einen natürlichen Schutzschild und verweigern schädlichen Eindringlingen den Zugang", betont Schatz.

Achtung Antibiotika. Eintritt gewähren den Schädlichen unter ihnen in erster Linie ein geschwächtes Immunsystem, offene Wunden oder Attacken der viralen Art. "Auch Antibiotika-Missbrauch erleichtert die Besiedlung durch schädliche Bakterien", warnt der Wissenschaftler. Deshalb ist es auch gefährlich, Antibiotika grundlos zu nehmen, eine Behandlung mit ihnen zu früh abzubrechen oder zu geringe Mengen einzunehmen.

Zusammenleben gefährdet. All das - und der in den Industrieländern gefrönte Lebensstil - gefährde das Zusammenleben zwischen Mensch und Mikrobe beträchtlich. "Die Bakterien, die heute verschwinden, könnten durch einen Antibiotika-Missbrauch etwa durch andere ersetzt werden", sagt Schatz. Ob die dann genauso friedfertig und gutmütig sind, weiß man aber nicht.

Bakterien-Abdruck. "Die Besiedelung durch Bakterien verändert sich im Laufe unseres Lebens, bei Frauen etwa hängt sie stark mit hormonellen Umstellungen zusammen", sagt Schatz. Aber stets bleiben es die eigenen Mitbewohner. Vergleichbar mit einem individuellen Bakterien-Abdruck. Die moderne Molekularbiologie geht davon aus, dass es sich dabei um eine zutiefst familienspezifische Besiedelung handelt.

Nährboden. Sind wir Menschen also einzig und alleine dazu auf der Welt, um Bakterien und Parasiten einen Nährboden zu geben? Genau genommen ja. Denn: Bakterien sind vor über dreieinhalb Milliarden Jahren entstanden, Vielzeller - und somit auch der Mensch - erst später, nämlich vor rund 650 Millionen Jahren. Eine makabere Vorstellung.

Beliebte Feuchtregionen. Beliebte Adressen sind feuchte Areale: Mund, Rachen, Genitalbereich, Füße, Achselhöhlen - und die gesamte Darmregion. Alleine im Verdauungstrakt sollen rund 100 Billionen Einzeller leben, sie brächten rund ein Kilogramm auf die Waage.

Sperrgebiete. Besiedelt werden aber auch Wimpern, Hornhaut oder Damenbart. Übrigens: Hygiene vertreibt die Mikroben nicht. Trotz übertriebenem Zähneputzen siedeln sich zwischen 500 und 1000 verschiedene Arten im Mundraum an. Steril sind nur wenige Orte: das Blut, die Lungenschleimhaut, die Bauchhöhle und die Blase.

WG von Vorteil. Dass der Mensch irgendwann von Wohngemeinschaften auf Single-Garconniers umsteigt, ist sehr unwahrscheinlich. Schatz: "Mindestens 99 Prozent aller Bakterienstämme haben wir noch gar nicht identifiziert."

JULIA SCHAFFERHOFER

Haar

Der Pilz Trichosporon beigelii bewohnt unser Haar und führt zur so genannten Haarknötchenkrankheit. Pitytrosporum ovale dagegen zählt zur normalen Haar-Flora.

Wimpern

Hier gedeiht Demodex folliculorum, die Haarbalgmilbe, ca. 0,3 mm groß.

Mundhöhle

Entamoeba gingivalis, eine harmlose Amöbenart, schiebt sich in einer Geschwindigkeit von 2,5 cm pro Stunde durch uns.

Mund

Schlaraffenland: Zwischen Zähnen und Zunge tummeln sich Amöben, Geißeltierchen, Hefen und bis zu einer Milliarde Bakterien in einem Milliliter Speichel.

Dickdarm

Mit bis zu 1012 Lebewesen in einem Gramm Darminhalt ist der Dickdarm der Ort mit der höchsten Einwohnerdichte der Welt. Clostridium difficile oder Bacteroides vulgatus sind für die Winde zuständig.

Verdauungstrakt

Neben Dickdarm besiedeln sie auch den Magen, den Zwölffingerdarm, den Leerdarm, den Krummdarm, den Grimmdarm.

Verdauungstrakt

Mehr als die Hälfte aller Menschen soll von Würmern besiedelt sein, meist von Spul-, Peitschen-, Haken- und Zwergfadenwürmern.

Haut

Die Bewohner der Haut sind zählebig, Wasser oder Seife waschen sie selten ab. Staphylococcus, Corynebacterium und andere suchen die Nähe zu Hautdrüsen, ihre Sekrete bilden wundersame Gerüche.

Schweißfuß

Das kugelige Bakterium Micrococcus sedentarius soll mit seinen Verdauungsenzymen die Hornhaut auf der Sohle aufweichen.

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