Für immer zusammen
Wenn die Ehe in die Jahre kommt. Franz und Christine Kaufmanns Liebe ist jetzt 70 Jahre jung.

Foto © www.flickr.com / AtmantisGemeinsam alt werden wird immer schwieriger: Jedes zehnte Paar trat 2007 nach der silbernen Hochzeit vor den Scheidungsrichter
Ein messerscharfer Verstand, den Schalk in den Augen und ein Herz voller Liebe, die erwidert wird - was will man mehr mit 90 Jahren? Gibt es etwas Besseres, als nach 68 Ehejahren vom eigenen Mann zu hören: "Es ist immer noch schön. Es ist ja nicht schwer, meine Frau zu mögen, schauen Sie sie doch an." Das sind Sätze, die Franz Kaufmann (Jahrgang 1917) tatsächlich über seine Christine (Jahrgang 1918) sagt. Nach 70 Jahren - und ganz entgegen dem allgemeinen Trend.
Er erinnert sich noch genau an den Tag, als er sie zum ersten Mal sah. "Es war der 28. November 1938, da kam sie sich vorstellen ins Stoffgeschäft zu meinem Chef - mit einem grünen Hut mit Feder." Franz Kaufmann lacht bei der Vorstellung vor Vergnügen. "Die muss der Alte auf jeden Fall aufnehmen, hab' ich mir gedacht." Als lebenslustiger Bursche mit gerade einmal 21 Jahren hatte er dabei "eher keine" ernsten Absichten, "sie hat aber alles Vorherige in den Schatten gestellt. Sie war unvergleichlich."
Krieg und Liebe. Als Franz nur vier Wochen später einrücken musste, war beiden klar, dass sie zusammengehören. Für immer. Auch der Krieg konnte daran nichts ändern. "Das waren traurige Zeiten, aber lassen wir das, das war halt so," winkt Christine Kaufmann ab. "Die Stunden, die wir miteinander verbracht haben, waren dafür umso intensiver. Auch als Franz 1939 mit einem Kraftrad der Armee gegen ein Brückengeländer knallte und wochenlang ums Überleben kämpfte. "Christine hat sich schon damals wahnsinnig bewährt. Sie hat fest daran geglaubt, dass ich wieder gesund werde und ist nicht von meinem Krankenbett gewichen."
Familienglück. Ihr Bund war eigentlich schon längst besiegelt, als dann 1940 die Hochzeit kam. "Freilich, das war schon mutig nach so kurzer Zeit und mitten im Krieg", sagt Franz. Aber die Liebe war stark genug. "Und das ist die einzige Voraussetzung", erklärt seine Frau. Denn wenn die Liebe echt ist, dann bleibe sie auch. Bei den Kaufmanns ist sie geblieben und wurde mit der Geburt eines Sohnen perfekt. "Der Lauser ist jetzt auch schon 65", sagt der stolze Vater. Ein zweites Kind wäre schön gewesen. "Aber in diesen Zeiten hätte ich meiner Frau das
nicht zugemutet. Wir hatten ja
nicht einmal eine Wohnung,
nachdem sie uns ausgebombt haben."
Hochzeitsbild gibt es deshalb
übrigens auch keines mehr.
"Ein Kind, das ist schon eine
starke gemeinsame Klammer",
erzählt Christine. "Wir haben
versucht, ein freundschaftliches
Verhältnis zu ihm aufzubauen,
ihm einfach helfend zur Seite zu
stehen", fügt sie hinzu. Fürs Patriarchat
sei ihr Mann nie gewesen.
Und das Familienunternehmen,
ein Meterwarengeschäft, das die
beiden nach dem Krieg aufgebaut
haben, war ein frühes Beispiel für
Gleichberechtigung in der Partnerschaft.
"Die Ehe ist der Beginn
einer Gemeinschaft, mit der man
sehr viel erreichen kann", sagt
der Gatte dazu. "Denn wenn man
sich auf sein Zuhause verlassen
kann, gibt man diese Verlässlichkeit
auch nach außen weiter."
Was stark macht. Krisen? Der Gedanke an Trennung?
Christine denkt lange
nach, aber es fällt ihr nichts dazu
ein. "Ich habe immer gewusst: Er
ist der Richtige. Ich habe mich bei ihm vom ersten Augenblick an
wohl und sicher gefühlt." Er sagt
dazu: ?Sie hat mir das Leben immer
leicht gemacht." Dann lacht
er wieder und erzählt: "Irgendwann
einmal habe ich zu einem
Freund gesagt, dass ich nicht
noch einmal heiraten würde -
und wenn doch, dann sicher nur
meine Frau." Ganz ernst kommen
danach folgende Worte: "Humor
ist die Voraussetzung für die Ehe
- dass man viel lachen kann, und
am meisten über sich selbst."
Keine Geduld. Scheidungen können die Kaufmanns
nicht verstehen. "Die Leute
haben nicht genug Geduld, und
sie wollen immer mehr. Aus dem
Mund eines Unternehmers mag
das seltsam klingen: Aber jenseits
der pekuniären Interessen
hat es keinen Sinn, ständig mehr
zu wollen," sagt Franz. Treue sei
für ihn eine Selbstverständlichkeit.
"Gelegenheiten hätte es genug
gegeben, aber ich habe immer
gewusst, das steht nicht dafür.
Und Christine hat mir auch
nie einen Anlass zur Eifersucht
gegeben," gibt er zu. Darauf kontert
sie mit "Du hast ja auch immer
sehr aufgepasst" und lacht.
Vielleicht ist das auch das Geheimnis
der Kaufmann-Ehe: Die
zwei passen gut aufeinander
auf. Seit 70 Jahren.
Features
Glückliche Paare
Der Anfang. In der Verliebtheitsphase aktivieren Partner alle nur mögliche Aufmerksamkeit füreinander. Jeder spürt genau, was der andere braucht und versucht, ihm seine Wünsche von den Augen abzulesen.
Dritte Lebensphase. "Wenn die Beziehung zur Gewohnheit wird, läuft man Gefahr, den anderen aus den Augen zu verlieren", sagt der Paartherapeut Hans Jellouschek. "Es stellt sich eine Art Möbelstück-Vertrautheit ein - oder man macht den Partner zu seinem Mülleimer." Mit einer lebendigen Liebe habe das nichts mehr zu tun.
Achtsamkeit bewahren. Dazu gehört laut Jellouschek auch die "aus der Mode gekommene Übung", einander immer wieder ganz tief in die Augen zu sehen.

















