Kommt die Heilung in Zukunft aus dem Internet?
Expertengespräch: Das Internet ist illegale Quelle gefährlicher Arzneien, nützlicher und falscher Informationen und doch auch die Zukunft des mündigen Patienten.

Foto © APEin Drittel der Österreicher holen Gesundheitsinformationen aus dem Internet
Österreich gehört bei der
Internetnutzung inzwischen
zu Europas Spitze,
und Gesundheit ist noch vor Sex
ein Topthema bei den Usern. Das
Gespräch mit fünf Experten aus
den Bereichen Gesundheit und
Innovation
zeigte neue
Chancen bei
der Information
und Betreuung
der Patienten,
ebenso
wie Gefahren
im Versandhandel
und
durch Falschinformationen.
Ein Auszug:
Wird das Internet den Medikamentenhandel
verändern?
Max Wellan: Versandhandel gab
es schon vor dem Internet und er
war aus guten Gründen immer
verboten. Verschreibungspflichtige Arzneien sind sogenannte Waren spezieller Art, der Patient kann ihnen nicht ansehen, ob sie gut sind oder nicht. In Österreich hat sich zwischen Arzt, Pharma und Apotheken ein lückenloses Netz etabliert, das perfekt funktioniert und so Sicherheit für den Patienten garantiert.
Ewald Zwinz: Die Liberalisierung
beim Medikamentenhandel
wird weitergehen. Was spricht
gegen ein zertifiziertes System
der Apotheken selbst? Die Trends
und Tendenzen sind da und denen sollte
auf sinnvolle Art begegnet
werden.
Verena Jaschke: Online-
Shopping
ist ein Trend,
der sich nicht
aufhalten lässt.
Die mit einem
Online-Vertrieb
von Medikamenten
verbundenen Risiken in den Griff
zu bekommen, erfordert sehr viel
Kreativität. Das sollte aber nicht
davon abhalten, die Herausforderung
anzunehmen.
Astrid Essl: Was hätte der Patient
davon? Das Internet ist kein
Akutbereich, in der Apotheke bekomme
ich alles sofort. Es wird
schwer sein, Lösungen, die die
richtige Medikamenteneinnahme
garantieren, sicherzustellen.
Wellan: Das wird immer komplexer
und man kann sehr viele
Fehler machen. Dass die Patienten
eine medikamentöse Therapie richtig und vollständig machen, geht nur "face to face", im persönlichen Gespräch.
Robin Rumler: Das Patienten-Empowerment durch das Internet findet statt, der Patient wird mündiger und will mehr über seine Gesundheit wissen. Die Lockerung von Werbeverboten, bei bestimmten
Krankheiten, würde dabei das Therapieverständnis
natürlich erheblich verbessern.
Welche Internetleistungen werden
Patienten konkret helfen?
Zwinz: Alle Tools, die Patienten
unterstützen einfacher gesund zu werden oder zu bleiben. E-Mail oder
SMS-Services, die an Arzttermine
erinnern oder an die richtige
Einnahme von Medikamenten.
Ich kann mir auch gut Arzt-
Patienten-Bindungsprogramme
vorstellen, wo mich mein Arzt zu
einer Vorsorgeuntersuchung
einlädt
oder interaktive
Informationsdienste.
Jaschke: Das Internet mit
seiner Information für die breite Masse
hat die Gesundheitsinfo nachhaltig
verändert. Pharmafirmen verbessern
mit Online-Services die
Einhaltung von Therapien. In
Finnland informiert ein Hersteller
die Kunden mit einem Downloaddienst
für das Handy: Gebrauchsinformation
und Antworten auf häufige Fragen können heruntergeladen werden,
bei einer falschen
Einnahme weiß man sofort, was
zu tun ist.
Wellan: Ein Programm für die
Zukunft ist eine Übersetzungssoftware,
mit der Apotheker direkt
den Kunden in einer Fremdsprache beraten können. Ansonsten
ist die Vernetzung mit anderen
Gesundheitsberufen und Behörden
das Wichtigste: Die elektronische
Gesundheitsakte bringt
Überblick über alle Behandlungen
und Medikamente und damit ein
Höchstmaß an
Sicherheit. Die
Information ist
beim Patienten
und der entscheidet,
ob er sie dem Apotheker
übergibt.
Rumler: Ein
gutes Beispiel
ist herzschutz.at - einmal registriert
erhält man Infos zum Thema
Herz-Kreislauf-Erkrankungen,
online oder per Post. Mehr als
5000 Patienten haben davon
schon profitiert. Damit wird ein
Bewusstsein geschaffen, einerseits
für eine gesunde Lebensweise
und andererseits dafür, mit
Arzt, Apotheker und Medikament
in Verbindung zu bleiben.
Essl: Als vorbildlich empfinde ich
den E-Impfpass - ein derzeit geplantes
Service im Internet, das
die Patienten an Impfungen erinnert.
Features
Mag. Max Wellan
Präsidiumsmitglied der Apothekerkammer
Mag. Verena Jaschke
freiberufliche Innovationsmanagerin
Ewald Zwinz
Geschäftsführer der Werbeagentur zwinz.wien
Astrid Essl
Bereichsleiterin bei Fessl GfK Health Care
Dr. Robin Rumler
Marketing Director von Pfizer
Fakten
Etwa 67 Prozent aller Österreicher über 14 Jahre nutzen das
Internet. Damit liegt Österreich in Europas Spitzenfeld und nur
knapp hinter den USA (68 Prozent).
Mehr als ein Drittel aller Österreicher holt sich Gesundheitsinformationen
aus dem Netz: von allgemeinen Infos bei Wikipedia,
über Begriffsklärungen bei netdoktor.at bis zu Fachinformationen
aus wissenschaftlichen Publikationen.
Vertrauenswürdig? Ein Blick in das Impressum zeigt, wer hinter einer Seite steht.
Illegales Interesse
Der Medikamentenkauf im Internet ist zwar weltweit ein großes Geschäft, aber nur für wenige Österreicher interessant: erst 17 Prozent der User haben mit dem Gedanken gespielt und nur zwei Prozent haben tatsächlich verschreibungspflichtige Arzneiwaren online gekauft. Der Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten ist in Österreich illegal.

















