Der Kampf gegen ein "Wunder"
Weite Teile Kärntens werden derzeit von einer Gelsenplage heimgesucht. Typisch für Kärnten sind die sogenannten Hausgelsen- und Waldgelsen-Gemeinschaften. Auch die asiatische Tigermücke wurde in Österreich bereits nachgewiesen.

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Sie übertreiben! Immer! Ob sie ihre Opfer im Alleingang nachts im Bett surrend in den Wahnsinn treiben oder in Armada-Stärke über eine Grillparty herfallen: Gelsen sind immer unerwünscht.
Doch das ist ihnen egal. Sie haben schon weitaus Schlimmeres überstanden in den Jahrmillionen ihrer Entwicklung. Historisch gesehen waren sie zuerst da und wir Menschen sind die Störenfriede. "Stechmücken bilden die mit Abstand erfolgreichste Tierfamilie in der Evolutionsgeschichte", schwärmt Gelsenforscher Bernhard Seidel. "Sie sind die gefährlichsten Tiere, denen die meisten Menschen zum Opfer fallen. Sie leben in den abgelegensten Überflutungsgebieten und kommen mit künstlichem, durch Kraftwerksbauten erzeugtem Hochwasser zurecht. Sie sind Kulturfolger, überwintern in Kellern und schaffen es, uns Blut abzunehmen. Sie sind Wunderwerke der Evolution."
"Totschlagen"
Doch Seidels Begeisterung hat Grenzen. Zum Beispiel dann, wenn sich ein Wunderwerk auf seine Haut setzt: "Eine Stechmücke totzuschlagen, ist eines der wenigen Dinge, die noch erlaubt sind in der Natur."
Typisch für Kärnten sind die sogenannten Hausgelsen- und Waldgelsen-Gemeinschaften. "Schwärme wie in Überschwemmungsgebieten nach Hochwasser wie an Raab, Thaya oder Leitha können sich in Kärnten nicht entwickeln", erklärt Seidel. Die Intensität der Gelsenbelästigung wird in Anflügen pro Minute gemessen. "50 Anflüge sind schon unangenehm", so Seidel, "aber es gibt auch 5000 Attacken pro Minute. Da muss man aufpassen, dass man nicht erstickt".
So schlimm ist es in Kärnten nicht, doch auch hier können regionale Probleme durch Wasserreservoirs entstehen. "Je mehr Regen fällt, desto mehr Gelsen-generationen bilden sich pro Jahr", weiß Seidel. Unter günstigen Bedingungen sind es acht Generationen. Wenn kein Insekt erschlagen wird und alle die Maximalzahl von 300 Eiern im Wasser ablegen, könnte die Ursprungsgelse in einer Saison 65- trillionenfache Ur-(Groß-)Mutter werden.
Seidel kritisiert, dass Gelsen in Wasserbau und Regionalplanung nicht berücksichtigt werden und dass den Tieren ganzjährig Wasserflächen für die Eiablage zur Verfügung stünden. Gelsen zu bekämpfen, sei schwierig und bedürfe ausgefeilter Strategien. Sein Konzept, zu dem ein selbst entwickelter Lockstoff gehört, werde ignoriert.
Mit Folgen! Seidel konnte die asiatische Tigermücke in Österreich nachweisen. Sie ist zwar extrem selten. "Aber wenn die Behörden nichts tun wie bei normalen Gelsen, werden wir ein Problem bekommen." Verwöhnte Gelsen saugen mehrmals Blut, auch bei Wildtieren und Zugvögeln. "Infizieren sie geschwächte Menschen mit Bakterien und Viren, kann's gefährlich werden."
Anti-Gelsen-Tipps
Wie Vampire meiden sie die Sonne
Kaum etwas meiden Gelsen so wie die Sonne, aber nicht wegen des Lichtes, sondern wegen der Hitze. Die Insekten brauchen eine feuchte Umgebung zum Leben und fürchten auszutrocknen. Wer sich also in die Sonne legt, darf damit rechnen, dass er - abgesehen von einigen wenigen selbstmörderischen Pionieren - unbehelligt bleibt. Aus dem gleichen Grund soll auch helle Kleidung helfen: Gelsen assoziieren sie mit Sonne und saugen lieber an der Nachbarin im kleinen Schwarzen.
Anti-Repellent gegen Gelsen und Logik
Einige Mittel bieten Schutz gegen Gelsenstiche. Manche heißen Anti-Repellent, aber weil "repellent" schon "abstoßend" bedeutet, wäre "anti- repellent" also "anti-abstoßend", fast ein Lockmittel. Wie auch immer: Die meisten Schutzmittel wirken, vor allem in der Nähe ungeschützter Mitmenschen. Gefährdet sind aber nicht nur unbedeckte Hautpartien. Gelsen saugen problemlos durch Hemden und sogar Jeans. Wie viel Schutz man braucht, muss jeder selbst entscheiden.
Gelsen in die Geruchsfalle locken
"Man muss die Reifung der Larven verhindern." Das ist für Bernhard Seidel der Hauptpunkt der Gelsenbekämpfung. Das geht am besten, indem man Lockstoffe installiert, denen Gelsen folgen wie Verkehrshinweisen. In den Gewässern können die Larven vernichtet werden. Paradoxer Tipp für Garten- und Grillfreunde: "Locken Sie die Gelsen aus den Nachbargärten zu einer Wasserstelle in Ihren eigenen Garten - und töten Sie die Larven." Anfangs lästig, aber langfristig erfolgreicher.
HINTERGRUND
Wenige Schnecken - noch
Die klimatischen Bedingungen, die die aktuelle Gelsenplage erzeugt haben, sind auch für einen großen Vorteil verantwortlich: Es gibt nur wenige Schnecken. Patrick Mikula, angehender Gärtnermeister in der Klagenfurter Gartenwelt Kropfitsch: "Heuer gibt es eindeutig weniger Schnecken als im vorigen Jahr - zumindest bisher." Das ist schon seit dem Anfang des Sommers erkennbar. Den Grund sieht der 21-Jährige vor allem in der zeitweise extremen Trockenheit - auch im Winter.
"Am meisten Ärger macht die rote Spanische Wegschnecke. In vielen Gemüsegärten frisst auch die normale Weinbergschnecke, die mit dem Haus, den ganzen Salat zusammen. Manchmal findet man auch kleine Nacktschnecken, die den Salat von innen vernichten."
Mikula fürchtet, dass sich das ändern könnte: "Jetzt, wo es immer wieder Gewitter gibt, wächst die Schneckenpopulation wieder." Und dann kann es wieder so unangenehm werden wie früher: "Schnecken klaubt man am besten nach einem Regen, dann kommen sie heraus. Ich kenne Leute, die in ihrem 300 Quadratmeter großen Garten bis zu 400 Schnecken entdeckt haben."
Features
Aerodynamisch
Wunder im Millibereich. Eine Gelse wiegt 2 bis 2,5 Milligramm, 400 von ihnen würden also ein Gramm wiegen. Wenn sie sich ungestört satt saugen können, nehmen sie bis zu 5 Kubikmillimeter Blut auf. Obwohl sie weit mehr als ihr Eigengewicht intus haben, können sie noch gut fliegen.
Fruchtbar
65 Trillionen. Für so viele Nachkommen könnte eine Gelse innerhalb eines für sie optimalen Jahres verantwortlich sein. Dazu muss sie nur acht Mal 300 Eier ablegen, die alle zu Gelsen werden und auch 300 Eier ablegen. Macht nach acht Generationen 65 Trillionen Gelsen.
Schwachstelle
Nervtötendes Gesurre. Das schrille Surren bei nächtlicher Blut-Suche kostet vielen Gelsen das Leben. "Gelsologe" Bernhard Seidel spöttisch: "Darauf, in dunklen und naturgeräusch-freien Schlafzimmern auf Jagd zu gehen, hat die Evolution die Gelsen nicht vorbereitet."
Raffiniert
Zu gut für Feinde.Nutzen könnten sie für Fressfeinde haben. Doch Larven sind nur gut eine Woche bei den Fischen. Und sie sind nicht nahrhaft, Vögel haben kaum Interesse an ihnen.











