Das wilde Wunder Istanbul
Die Metropole Istanbul 2010: Größer als Los Angeles, urbaner als Wien und dynamischer als New York. - Beobachtungen jenseits von Moschee und Basar.

Foto © www.flickr.comSehenswert: Hagia Sofia
Es ist ein ganz normaler Montagabend. Es ist 23 Uhr 30, und vor der Bosporusbrücke staut sich der Verkehr Richtung Asien dreispurig. Hüben wie drüben halten noch viele Geschäfte offen, durch die Istikal Caddesi flanieren Hundertschaften. Und von der Party-Insel Suada (sic!) donnert der R.E.M.-Hit "Losing My Religion" in den Nachthimmel, vorbei an der Riesenbrücke. Ein ganz normaler Abend in Istanbul halt, eine Stadt, in der das Kürzel 7/24 gelebte Praxis ist. Sieben Tage, rund um die Uhr. So wie früher in New York. Früher.
Geschätzte 15 Millionen Menschen leben heute in Istanbul. Damit ist es die derzeit drittgrößte Stadt der Welt. Geschätzte 400.000 ziehen jedes Jahr neu hinzu. Migranten aus dem Kaukasus, Fortschrittssucher aus der ländlichen Türkei aber auch Künstler aus Europa: Der Balkan-Mozart Goran Bregovic hat eine Wohnung hier, Ballettlegende Pina Bausch verbrachte in ihren letzten Lebensjahren viele Monate am Bosporus, wo auch ihre letzte Produktion "Istanbul" entstand, die vor Kurzem hier zu sehen war. Der Großmelancholiker Arvo Pärt hat ebenfalls ein Auftragswerk geschaffen, das soeben in der Hagia Eirene uraufgeführt wurde. Staatspräsident Abdullah Gül überreichte dem Estländer den Preis für sein Lebenswerk.
Das ist das Klima, in dem internationaler Zuzug floriert: Claudia und Robert, ein weltläufiges Akademikerpaar aus Graz, hat sich entschlossen, nach dreijähriger Lebenserfahrung im indischen Benares die nächsten sechs Monate in Istanbul zu verbringen; sie der türkischen Sprache, er der Musik auf der Spur.
Für die Uni-Dozentin Jale Melzer-Tükel, naturalisierte Österreicherin aber auch in Istanbul tätig, gehört die Türkei eben deshalb zu Europa: "Ihre orientalischen Augen sind historisch gesehen auch vom westlichen Blick geprägt. Und in dieser Dualität liegt eine große produktive Dynamik, die auch Europa bereichern könnte."
Die internationalen Marken haben sowieso keine Berührungsprobleme und sind längst schon da: Starbucks, Zara, Mango, Vuitton, Etro, McQueen, Prada und wie die globalen Saugnäpfe alle heißen. Und die Istanbuler, zumindest jene, die es sich leisten können, stürzen sich auf das Angebot.
Istinye Park heißt eine Shopping Mall im Norden der Stadt, gegen die sich heimische Einkaufszentren wie Greißlerläden ausmachen. Wochenends stellt sich die lokale Prominenz hier aus. Kann denn shoppen Sünde sein?
Das überblendet den Umstand, dass die Türkei der sogenannten Zweidrittel-Gesellschaft mittlerweile sehr nahe ist: "Dreißig Prozent hier sind sehr reich, siebzig Prozent dagegen sehr arm", sagt ein Taxifahrer, der lange in Deutschland gearbeitet hat, "uns ist der Mittelstand abhanden gekommen." Der Untergang des Kleinhandels auf der Walstatt der Konsum-Konzerne lässt das Handwerker- und Händlerland nach unten verarmen. Das unvorstellbare Stau/Stopp/Hup/Go-Chaos, das sich täglich in Istanbul entwickelt, lässt stadtplanerischen Bedarf erkennen. Der im Bau befindliche Tunnel unter dem Bosporus wie auch die fast fertige Ring-Autobahn allein werden den innerstädtischen Großknoten nicht lösen. Der öffentliche Verkehr existiert kaum spürbar, dafür stauen sie tausende gelber Taxis durch die Gegend.
Geschäftig wie üblich
Wer, wie die meisten Touristen seine Eindrücke zwischen Hagia Sophia, Blauer Moschee und großem Basar sucht, wird von alldem wenig merken. Dort herrscht seit Jahren Geschäft wie üblich. Drüben, im wirklichen Leben schossen in den letzten Jahren zehn mehr als 150 Meter hohe Gebäude hoch. Der im Vorjahr eröffnete Saphir von Istanbul misst sogar 261 Meter, der im Bau befindliche Diamant wird ihn um zehn Meter überragen.
33 Prozent des türkischen Brutto Inlandsproduktes werden in Istanbul erarbeitet und wer sich, vom Flughafen Atatürk kommend durch die Megabaustelle gequält hat, mag ahnen, dass es noch mehr wird.
Aber nicht nur ökonomisch getriebene Umbrüche sind zu verzeichnen.
Drüben in Üsküder, auf einem Hügel, steht eine neue, wunderschöne Moschee. Die erste, die von einer Frau, Ghada Sakir, designt wurde. Ein im Islam bisher unbekannter Fall. Ebenda finden sich auch im trauten Nebeneinander eine Kirche, eine Synagoge und eine andere Moschee. Und ein paar Hügel weiter stecken Fundamentalisten die Köpfe zusammen, stetig überwacht von der Polizei, um jeden Angriff auf den säkularisierten Staat zu verhindern.
Design-Hotel
"Diese Stadt ist schwierig, unberechenbar, lebendig, kreativ, das liebe ich an ihr", sagt Marc Butler, "sie ist die beste Stadt der Welt." Der amerikanische Architekt ist mit seiner Frau Nedret 1976 hieher gezogen. Anfang des Jahrtausends haben die beiden auf der asiatischen Seite eine alte Schnapsfabrik aus dem Erbe der Frau in ein kleines Design-Hotel umgestaltet. Aus den Suiten des "Sumahan on the Water", die bis zu 500 Euro pro Nacht kosten, bietet sich ein Blick auf Stadt und Bosporus, der mit atemberaubend nur unzulänglich umschrieben ist.
Ungefähr gegenüber, am europäischen Ufer werkt der österreichische Weltgastronom Attila Dogudan an einem Hotelprojekt, das dem Vernehmen nach 40 Millionen Euro kosten soll. Schon jetzt beschäftigt der türkische Zweig von Do&Co 2000 Mitarbeiter. Ökonomischer Optimismus dieser Art ist ein starkes Indiz für Vertrauen in die Türkei. Ob er sich ein Leben in den USA noch vorstellen könne? "Niemals", ruft Marc Butler, "viel zu langweilig!"
Widersprüche zeigen sich in Istanbul drastisch: Da beklagt der englischsprachige "Mirror" den Umstand, dass die Türkei in Sachen Internetnutzung hinter dem europäischen Schnitt liege. Und in der schlichten Dreisternherberge erscheinen neben dem hauseigenen noch weitere 18 drahtlose Netzwerke auf dem Laptop des surfenden Gastes.
Suizidversuch
Im Café Nero, allwo bei den hübschen Besucherinnen statt Kopftuch die Gucci-Brille dominiert, liest man in der "Hürriyet" von neuerlichen Fällen brutaler Kinderhochzeiten in Anatolien. 57 Jahre älter war der Gespons, auf den eine 15-jährige jüngst mit einem Suizidversuch reagiert hat. Es herrscht eine unglaubliche Unruhe im Istanbul von 2010. Und wie alle erfolgreichen Orte der Welt, reagiert die Stadt darauf mit noch mehr Unruhe, befeuert von Kunst und Kultur. Ach ja, man ist Kulturhauptstadt Europas. Aber die scheint nur ein vorläufiger Zwischenakkord für eine ziemlich eindrucksvolle Vorleistung aus den letzten zehn Jahren.
Traditionellerweise wird Kunst und Kultur in Istanbul großteils von privater Seite finanziert: Etwa das Borusan-Orchester, dem sein Mäzen Ahmet Kocabiyik soeben eine noble neue Heimstätte geschaffen hat und das heute in Salzburg konzertiert. Im Deniz Palas, einen grandios renovierten Klassizistikgebäude, in welchem seit kurzen die größten Kulturinstitutionen der Stadt residieren, zählt eine Tafel 22 private Donatoren auf. Solche waren auch am Umbau des ehemaligen Kraftwerkes Sintral beteiligt, das heute Museum, Galerie, Partyzone und Park zugleich ist und unter Verwaltung der Universität steht.
Istanbul Modern
Der eindrucksvollste Kunstort aber ist Istanbul Modern. Dafür wurden alte Lagerhallen am Hafen umgebaut. Auf 8000 Quadratmetern werden alle Kunstsparten der Gegenwart präsentiert, derzeit gibt es eine Großausstellung der türkischen Moderne und der Avantgarde. Durch riesige Glasfronten fällt der Blick des staunenden Besuchers auf Wasser, das Schiffe durchpflügen und an dessen gegenüberliegendem Ufer fünf Türme der Hagia Sophia in den Himmel weisen.
Kaum eine andere Galerie weltweit bietet derartige Ausblicke. - Auch Istanbul Modern wurde in beispielloser Zusammenarbeit von Millionären und Medien geschaffen. Wo all dieses Geld herkommt, lässt sich schon auf der Fahrt vom Flughafen erahnen: Die rund 35 Kilometer sind inzwischen dicht besiedelt; von Wohnblocks aber auch von zahlreichen Gebäuden des Handels und der Wirtschaft. Ein international bereits viel beachtetes Haus wartet indes noch auf seine Zukunft: Das Museum der Unschuld des Nobelpreisträgers Orhan Pamuk bietet sich derzeit als Rohbau dar. Das relativ kleine alte Haus wurde völlig entkernt, derzeit ruht die Arbeit.
Ursprünglich waren Mittel aus dem Kulturhauptstadt-Budget dafür vorgesehen, nach einem medialen Trommelfeuer gab Pamuk das Geld verärgert zurück: "Die Förderer stehen sicher schon Schlange, um die Finanzierung braucht er sich sicher nicht zu sorgen", sagte uns eine Insiderin, "ich denke, er will warten, bis das Kulturhauptstadtjahr vorbei ist, um danach mehr Aufmerksamkeit für das Projekt zu haben." Pamuk residiert indes in seinem Büro in Cihangi mit Prachtblick auf den Bosporus und schweigt. "Das New York des 21. Jahrhunderts" nannte der ORF-Langzeitkorrespondent Eugen Freund Istanbul. Und in einer Fernseh-Reportage bestätigte der Konditor Rafet Karakus dies mit anderen Worten: "Hier leben die größten Unterschiede dicht nebeneinander wie fast nirgendwo sonst". Wie drei Viertel aller Istanbuler stammt Rafet aus Anatolien. Viele seiner Landsleute müssen mit 200 Euro im Monat ihr Auslangen finden in einer Stadt, in der schätzungsweise 50.000 Millionäre beheimatet sind. - Istanbul ist ein wildes Wirtschaftswunder.
Kostprobe
Um mit solchen Gegensätzen halbwegs friedlich zu koexistieren, bedarf es einer besonderen Mentalität. Eine Kostprobe davon bietet uns eine Taxifahrt. An einer engen Stelle rammt der Wagen ein Motorrad. Oder umgekehrt. Die Schuldfrage ist schwer zu klären. Beide Fahrer stürzen kampfbereit aufeinander. Es folgt ein sehr lauter Meinungsaustausch. Darauf eine Sekunde des Schweigens. Ein Händedruck. Und eine finale Umarmung! Beide fahren ihres Weges. Allein dafür hätte sich der Besuch gelohnt.
Features
Wissenswert
Istanbul zählt rund 15 Millionen Einwohner auf 1830 Quadratkilometern.
Die Stadt liegt teils in Europa, teils in Asien.
Das Borusan-Orchester ist privat finanziert und spielt heute Vormittag, sozusagen als lebende Subvention bei den Salzburger Festspielen.











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