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Zuletzt aktualisiert: 25.05.2012 um 12:00 UhrKommentare

Wo einst Geist und Geld flanierten

Renaissance der Sommerfrische auf der Ostsee-insel Usedom: Auf der längsten Seebrücke und Strandflaniermeile Europas spürt man den Atem der Gegenwart - dazwischen weht noch immer der Wind der literarischen Vergangenheit.

Der Leuchtturm von Swinemünde

Foto © FH Medien - Fotolia.comDer Leuchtturm von Swinemünde

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Foto © Martina Stix

Foto vergrößernTypische Architektur der KaiserbäderFoto © Martina Stix

"Alles, was schön ist, bleibt schön, auch wenn es welkt". Ob Maxim Gorki 1922 geahnt haben mag, dass seine Worte für Usedom prophezeienden Charakter haben sollten? Der russische Schriftsteller war als Tuberkulosekranker zwar mehr Kurgast denn Sommerfrischler - nahm zu jener Zeit am regen Treiben der elitären Gästemelange mit all den Literaten, Aristokraten und Financiers gleichwohl oft und gerne teil. In Heringsdorf, wo er in der heute noch zu besichtigenden und noch schönen Villa Irmgard residierte, und den zwei weiteren Kaiserbädern Bansin sowie Ahlbeck flanierte und parlierte man. Ergötzte sich am Potpourri der schmucken Erker, verspielten Türmchen, ornamentverzierten Giebel der für das Eiland so typischen Architektur. Der Zweite Weltkrieg und die DDR-Epoche ließen die einst so blühenden Orte indes verwelken.

Einer Rose gleich, die nach dem Zurückschneiden noch prachtvoller blüht, schickt sich die Insel an, Sommerfrische zeitgemäß neu aufleben zu lassen. Wie an der seit 2007 - als Stacheldraht und Schlagbaum wichen - längsten Strandflaniermeile Europas. Zwölf Kilometer weit kann man grenzüberschreitend von Bansin bis Swinemünde schlendern und wird dabei zu später Stunde im polnischen Segment solarbetrieben erhellt.

Steife Brise

"Man hat Ruhe und frische Luft. Diese beiden Dinge wirken wie Wunder und erfüllen Nerven, Blut und Lunge mit einer stillen Wonne." Schrieb Theodor Fontane 1863 an seine Frau Emilie. Ganz schön steif ist die Ostseebrise am marathonverdächtigen 42-Kilometer-Strand. Die Kraft der Natur befreit die Nase von den Übeln der Großstadt und den Geist. "Die Liebe mag gehen, dir durch die Finger rieseln. Dieser Sand aber ist so fein, er bleibt für immer an dir haften", gibt einem einer der raren Spaziergänger, der sich an diesem rauen Spätfrühlingstag hierher verirrt hat, mit auf den Weg nach Ahlbeck - und für das Leben.

Museumstipp

Im Historisch-Technischen Museum Peenemünde entstand unter der Leitung Wernher von Brauns mit der V2 eine der grausamsten Waffen des II. Weltkriegs, hier liegen aber auch die Wurzeln moderner Raumfahrt.

"Es war trostreich, ich glaube, wieder erholt zu sein." Ob Heinrich Mann diesen Zustand 1923 auch einem Kaffeehausabstecher verdankte? In der Konditorei Röntgen wird man nicht durchleuchtet, aber die famosen Tortenkunstwerke erhellen das Gemüt, wie etwa eine für Usedom so typische Sanddornkreation. "Das gibt's ja eigentlich gar nicht! Wir sind doch - hochoffiziell belegt - Deutschlands sonnenreichster Flecken", kommentiert die Kellnerin beim Servieren der vitaminspendenden Seelennahrung den an die Scheiben klatschenden Regen ungläubig.

Kein Bad

Man hält es dann doch lieber mit dem älteren, entspannten Mann, verwirft Thomas' frische Sommergepflogenheiten, der, ehe er "stramm am Zauberberg schrieb", stets ein erquickliches Bad genoss. Man hat auch keine 1000 Seiten zu befüllen, für bebilderte Urlaubsgrüße reicht unerfrischtes Gedankengut. Für wahrhaftiges Ostseegefühl moderne Bautechnik. 508 Meter streckt die 1995 errichtete Heringsdorfer Brücke ihre hölzernen Fühler ins Meer aus.

Man spürt die Wellen, ohne in sie einzutauchen. Man lässt den Blick schweifen, über die Strandkörbe mit dem heftig im Wind flatternden weiß-blauen Textil und den Strand mit staubzuckerartigem Sand. Man wird ein bisschen russisch melancholisch.

"Alles, was schön ist, bleibt schön, auch wenn der Himmel weint."

MARTINA STIX

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Foto © Fotolia/Kleine Zeitung

Bild vergrößernIn Heringsdorf schwebt die längste bewirtschaftete Seebrücke Kontinentaleuropas über den WellenFoto © Fotolia/Kleine Zeitung

Reif für die Insel

Flug zB mit OLT, samstags, direkt Wien-Heringsdorf.

Preisbeispiel: Anreisepaket mit Hin-/Rückflug, Hoteltransfer 399 Euro. Eine Nacht inkl. Frühstück im Hotel Ostseeblick in Heringsdorf (4 * plus) ab 75 Euro zB bei Ruefa Reisen.

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