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Zuletzt aktualisiert: 14.06.2012 um 19:17 UhrKommentare

Aug' in Aug' mit Meister Petz

Wer Europas größtes Landraubtier in freier Wildbahn erleben will, hat in der finnisch-russischen Taiga die besten Chancen dazu. Hier lebt eine der größten Braunbär-Populationen der Welt. Von Tanja Haser

Bären ganz nah kann man im Sperrgebiet zwischen Finnland und Russland erleben

Foto © KLZ/Tanja HaserBären ganz nah kann man im Sperrgebiet zwischen Finnland und Russland erleben

"Hast du keine Gummistiefel dabei?" Jarkko mustert mich skeptisch. Ich bin unsicher und verneine. Die Stiefel an meinen Beinen sind halbhoch und wasserdicht, schließlich hab ich sie oft genug im heimischen Winter getestet. "Okay, dann wird es schon gehen", lacht Jarkko in Englisch mit hartem finnischem Akzent. Sehr überzeugend klingt das nicht.

Naturschutzgebiet an der russischen Grenze

Ich befinde mich im Martinselkosen Naturschutzgebiet, mitten in Finnisch-Karelien, gerade einmal zwei Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Die anderen fünf Besucher, die sich zum Essen im typisch skandinavischen Holzhaus eingefunden haben, sind allesamt Männer jenseits der 50, mit Rauschebärten, Outdoor-Ausrüstung und üppigen Kameraausrüstungen. Obwohl nach diversen Afrika-Urlauben durchaus wildniserprobt, kommen in mir erste Zweifel auf, ob ich hier richtig bin. Aber die Vorfreude darauf, Bären in freier Wildbahn zu erleben, ist einfach zu groß.

Bei Fischlaibchen und Salzkartoffeln komme ich mit einem deutschen Naturfotografen ins Gespräch, der eine ganze Woche im Martinselkosen Eräkeskus Wildtierzentrum verbringt. Im Gepäck hat er die Ausgabe eines Fotografie-Fachmagazins, dessen Titelbild ein riesiger Braunbär ziert. "Die Bilder stammen aus dem Vorjahr, von meinem ersten Aufenthalt hier", erzählt er. Und bringt Licht in die Sache mit den Gummistiefeln. "Eigentlich sollten wir zwei Kilometer bis zu unseren Verstecken im Wald wandern. Weil aber noch viel Schnee liegt und der Waldboden wegen des Tauwetters sehr sumpfig ist, nehmen wir das Schneemobil. Allerdings sind wir damit gestern in einem Bach versunken. Wir standen bis zu den Knien im Wasser und brauchten eine halbe Stunde, um das Gerät wieder auf Kurs zu bringen." Oje, das kann ja heiter werden. Dafür sind meine Stiefel definitiv nicht geeignet.

Durch die Taiga

Kurz vor 16 Uhr brechen wir in einem alten Landrover noch tiefer in die Wälder auf. Mitten ins Sperrgebiet zwischen Finnland und Russland, wo wir auf das Schneemobil umsteigen. Jarkko fährt, hinten zieht er uns in einem selbstgebauten Schlitten nach. Über Schnee, Sumpf und Bäche. Zwischen Bäumen und Sträuchern hindurch brausen wir durch die Taiga. Die Landschaft ist atemberaubend, die Luft unglaublich klar. Dazu kommt bei jeder Wasserüberfahrt der Nervenkitzel. Bleiben meine Füße und die Kamera trocken? Mit dieser Art Adrenalinkick hatte ich im Vorfeld nicht gerechnet.

Die Besucher werden auf die einzelnen Verstecke aufgeteilt. Die Übernachtung in einem der professionellen Foto-Hides - ohne WC und Heizung, dafür teilweise offen - habe ich mir nicht zugetraut. Schließlich fallen die Temperaturen in den klaren Mainächten oft unter null Grad. Die Wahl des großen und komfortablen Verstecks entpuppte sich als echter Glücksgriff. In der Nebensaison habe ich den Hide für mich alleine, nur Jarkko leistet mir Gesellschaft. Eigentlich bietet das Versteck - eine große Blockhütte mit Fenstern für die Beobachtung, Kameraluken und Stockbetten - Platz für bis zu zehn Besucher.

Hungrige Bären vor der Tür

Doch Zeit die Hütte zu inspizieren bleibt nicht. Gleich fünf Bären haben sich bei unserem Eintreffen vor dem Versteck versammelt. Sehen, Staunen und Fotografieren ist jetzt angesagt. Zwei weitere Tiere gesellen sich hinzu. Warum die Bären in die Nähe der Beobachtungsstellen kommen, ist schnell erklärt - sie werden mit Fisch angelockt. Wenn die Tiere Ende März aus der Winterruhe erwachen, beginnen die Mitarbeiter des Wiltierzentrums Fischreste im Wald zu platzieren. Die Bären, die während der Ruhezeit rund ein Drittel ihres Körpergewichtes verlieren, sind hungrig und lassen sich die proteinreichen Fischhappen nicht entgehen.

Nach rund zwei Stunden kehrt vor der Hütte erstmals ein wenig Ruhe ein, die Tiere haben sich in den Wald verzogen. Die Stiefel werden gegen dicke Socken eingetauscht, Jarkko bringt Sandwiches und Kaffee. Wir sprechen über die Bären, über die harten Winter in der Taiga und über den Nationalsport Eishockey. Die kleine Lichtung behalte ich natürlich weiterhin im Blick. Bis Mitternacht herrscht ein stetes Kommen und Gehen der Braunbären. Vom ehemaligen Alphatier bis zum neuen Chef, von zweijährigen Halbstarken bis zu Weibchen auf Partnersuche, kommen zehn verschiedene Tiere an der Hütte vorbei.

Ganz nah dran an Meister Petz

Erst nach Mitternacht wird es zu dunkel zum Beobachten. Ich kuschle mich in meinen Schlafsack, ein kleiner Gasofen erwärmt die Hütte. Ab drei Uhr wird es langsam wieder hell, gegen halb fünf Uhr sitze ich mit einem Kaffee am Fenster und freue mich über den ersten Bärenbesuch am Morgen. Bis kurz nach sieben Uhr schauen noch einmal mehrere Tiere bei der Hütte vorbei. Eine Bärin mit drei zweijährigen Jungtieren kommt so knapp an das Versteck heran, dass mir der Atem stockt und ich mein Kameraobjektiv einziehen muss. Ganz nah dran an Meister Petz - besser geht's nicht!

Kurz nach sieben Uhr geht der aufregende Ausflug zu den Bären zu Ende. Wieder erlebe ich den Nervenkitzel des feuchten Schneemobil-Ritts und die Schönheit der unberührten Taiga. Beim anschließenden Frühstück im Wildtierzentrum lassen wir gemeinsam die Erlebnisse mit Europas größtem Raubtier Revue passieren, erzählen von unseren persönlichen Höhepunkten, bestaunen Fotos. Und plötzlich ist der Unterschied zwischen mir und den Männern mit ihren Rauschebärten nur noch ganz klein.

Die Lage des Wildtierzentrums


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Tanja Haser

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Foto © KLZ/Tanja Haser

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Foto © KLZ/Tanja Haser

Foto © KLZ/Tanja Haser

Europäischer Braunbär

Während es in Österreich nur eine handvoll Braunbären gibt, leben in Finnland zwischen 450 bis 600 Tiere.

Lange Tage, kurze Nächte

Aufgrund der Lage des Martinselkosen Naturschutzgebietes knapp 200 Kilomter südlich des Polarkreises sind die Nächte zwischen Mai und August sehr kurz. In der zeit um die Sommersonnenwende (21. Juni) geht die Sonne kaum noch unter.

Beobachtungssaison

Die Saison zur Bärenbeobachtung beginnt Anfang Mai und endet Mitte August.

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