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Zuletzt aktualisiert: 22.05.2012 um 06:29 UhrKommentare

Lagune von Marano: Ausflug in die Bootanik

Stille Wasser sind seicht. Wer mit dem Hausboot durch die Lagune von Marano gleitet, darf dennoch einen Urlaub mit Tiefgang erleben.

In der Lagune von Marano

Foto © Michael TschidaIn der Lagune von Marano

Wir hocken mitternachts an Deck. Sterne und Mond zittern im Flusswasser: Fiume Stella, wie passend! Und dazu die Symphonie No. 1 von Zykaden und Eulen. Die Wellen unter dem Bug klatschen Beifall, die Ulmen nicken zufrieden, und wir stoßen auf das gratis Freiluftkonzert mit einem kühlen Friulano an. Erst der Nebel, der allmählich vom Meer heraufgreift, treibt uns in die Kabinen.

Morgen stechen wir... nicht in See, sondern in die Lagune. Denn der Kurs für Hausboot-Kapitäne ist zwar frei, aber doch begrenzt. Im Watt sind die Fahrrinnen von Dalben ausgesteckt, von eingerammten Pfählen, die die Mäander durch das seichte Wasser vorgeben. Zweimal werden wir dennoch auf schlammigen Grund laufen. Da helfen nur Geschick, Geduld. Oder die Flut.

Glauco Vicario steigt noch auf der Stella zu. Der Ornithologe ist einer der Wächter über das Naturreservat Valle Canal Novo an deren Mündung, wo Süß- und Salzwasser einen paradiesischen Cocktail für Fauna und Flora mixen. Vom Steuer aus kann man über Wattvögel, Kormorane oder einen brütenden Schwan staunen, über das Wiegen der Schilfrohre und Binsengräser. Ein Ausflug in die Bootanik also, wenn man so will, in der sich eine reiche Tierwelt gut versteckt: Schildkröten und Schlangen, Reiher, Brassen und sogar Seepferdchen.

Und noch eine besondere Spezies lebt hier, wie schon einige Tauchnetze über dem Fluss angekündigt haben: die der Fischer. Auf winzigen Laguneninseln lugen da und dort deren schilfgedeckte Hütten hervor, die Casoni. "Noch besser, als so eine Hütte zu haben, ist es, einen Freund zu haben, der so eine Hütte hat", sagt Glauco verschmitzt. Bruno und Ludovico sind Freunde. Der ehemalige Stahlarbeiter und der pensionierte Stadtpolizist halten eines dieser Häuschen in Schwung und verraten schon am Vormittag mit einem Corretto, was sie damit meinen, "hier vor allem ein bisschen zu feiern": Der Kaffee mit Grappa ist - corretto gesagt - ein Grappa mit Kaffee.

Rasend langsam

Wir legen von ihrer Insel wieder ab und steuern auf Lignano zu. Oder genauer: auf Lignano von hinten. Stelzenläufer statt Schluckspechte. Möwengeschrei statt Cocobello-Rufe. Drehbrücke am Seitenarm statt Karussell im Lunapark. Man bleibt dem Touristenstrom fern, wenn man am Canale di Bevazzana "dahinrast". Mit 12 km/h Höchsttempo, schöne Entdeckung der Langsamkeit.

E la nave va. Das Hausboot geht - zurück in die Lagune, vorbei an Muschelbänken und winkenden Fischern in ihren knatternden Außenbordern. Ein gelber Pfeil weist uns durch den kaum befahrenen Dalben-Slalom nach Marano. Als schneeweißer Scherenschnitt gegen den Azurhimmel grüßen jetzt, im Frühling, am Horizont die Karnischen Alpen und die Dolomiten. Auf der Einfahrt zur bunten Kleinstadt, in der heute noch ein eigener venetischer Dialekt gesprochen wird, obwohl sie schon dem Friaul zugehörig ist, lungern Fischerkähne, denen die Wellen die rostigen Wunden lecken. Nebenan im Jachthafen hingegen blinken Chrom und Satellitenschüsseln.

Auf der Granda, dem von einem mehr als 1000 Jahre alten Turm bewachten Hauptplatz von Marano, genießen Jung und Alt den freien Tag. Wir genießen Orata, Branzino und Heuschreckenkrebse bei der "Vedova Raddi", einem in dritter Generation geführten Edelrestaurant. Müßig zu sagen, dass die Gegend den Gaumen zum Jauchzen bringt. Auch im "Al Fiume Stella" mit schickem Gastgarten, vor dem wir anlegen. Auch auf der Mini-Insel Anfora, wohin die schlichte Trattoria "Ai Codi" lockt und sonst nichts - doch, neuerdings ein Albergo mit sechs Zimmern.

Metamorphose

Auf dem Weg dorthin haue ich mich auf den Bug des Hausboots und lese Claudio Magris, der in "Die Welt en gros und en détail" auch ein paar Geheimnisse über die Lagune von Marano preisgibt: "Sie ist die geeignete Landschaft für ein langsames, zielloses Umherschweifen auf der Suche nach Zeichen der Metamorphose", weiß der Triestiner Autor.

Zuletzt legen wir, die Kapitäne auf Zeit, in Grado an, zentral im alten Hafen, und würden unsere 14 Meter "Magnifique" selbst gegen die 162 Meter "Eclipse" von Roman Abramovich niemals eintauschen wollen. Was weiß so ein Milliardär schon vom Umherschweifen? Und vom Urlaubstiefgang im Seichten?

MICHAEL TSCHIDA

Hausboot-Reisen

Touren in Italien sind zwischen dem Po-Delta, der Lagune von Venedig und jener von Marano, auf Kanälen sowie auf Flüssen wie der Brenta und Sile möglich.
Precenicco ist der ideale Stützpunkt für Fahrten in der Lagune von Marano. Aus der Flotte von "le boat", die zur TUI-Gruppe gehört, sind je nach Saison und Größe/Ausstattung Boote von 1680 bis 3017 Euro (4 Personen) und 2443 bis 4375 Euro (8 Personen) pro Woche zu mieten.
Kein Führerschein nötig, kurze Einschulung genügt.
Spezialist für Hausboot-Reisen in ganz Europa ist Hausboot Böckl, Haizingergasse 33, 1180 Wien, Tel. (01) 470 4708.
Perfekte Reiseführer für Boots- urlaube in Venetien hat Oskar Schmid erstellt, Bestellung über Böckl oder Tel. (0 22 43) 80642

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