Felsenstadt Petra: Eine List in drei Akten
Tarnen, tricksen, täuschen: So entdeckt Johann Ludwig Burckhardt 1812 die jordanische Felsenstadt Petra. Ein paar Kniffe können aber auch zum 200-Jahr-Jubiläum nicht schaden, um sich sein eigenes Bild zu machen.

Foto © Fotolia / dzainTempel in Petra
Mit jedem von fremden Augen fokussierten und in ein Foto verwandelten Eindruck mehr wird es weniger: das Verlangen, sich selbst ein Bild zu machen. Es gibt sie, diese wunderbaren Orte, die man so häufig gedruckt und gefilmt bestaunt hat, dass der Wunsch rar ist, sie zu besuchen. Weil das Gefühl zu stark ist, man sei schon dort gewesen, die Angst zu groß, die durch Magazine hoch zum Glänzen gebrachte Vorstellung könne der realen nicht standhalten. Petra in Jordanien zählt irgendwie zu diesem erlesenen Kreis, für den der Status als Welterbe quasi Voraussetzung zur Mitgliedschaft ist, jener als eines der neuen Weltwunder nicht schadet.
200 Jahre sind seit der Wiederentdeckung durch Johann Ludwig Burckhardt vergangen. Genug Zeit, um en masse den Steinformationen nachempfundenes Triviales wie Kühlschrankmagneten oder Schneekugeln zu formen - aber auch eine klischeehafte Vorstellung, eingeschränkt wie der schmale Gang, der die Besucher leitet. Schatzhaus, Kamele, Souvenirs: Kann man sich von dem Bild lösen, sich ein unverfälschtes eigenes machen? Eventuell mit einer List, wie der Schweizer? Damals, als er einen ersten Blick erhaschte auf das Zentrum der Nabatäerkultur, das im 2. Jahrhundert vor Christi seine Blütezeit erlebte.
"Ich habe die buntesten Schals, die hübschesten Ketten, die schönsten Ohrringe", lockt der Händler umtriebig und lautstark am Eingang. Das auf der Herfahrt erstandene pink-schwarze Palästinensertuch und der funkelnde Armreif wirken zwar keine Welt-, aber doch Wunder, man gibt routiniert den alten Petra-Hasen. Wie einst bei Burckhardt. Er begibt sich 1809 als Scheich Ibrahim Ibn 'Abd Allah auf Entdeckungsreise, kann sich so unter Einheimische mischen. Das mit dem Tarnen scheint zu funktionieren.
Persönliches Glanzstück
"Schauen Sie doch, wie toll das Schatzhaus ist, mehr als 40 m hoch, so schön pink", frohlockt Mueen. Bei wem ist die Begeisterung da größer: dem Führer oder der Touristentraube, die durch möglichst mannigfaches Verrenken versucht, die Knipsresultate möglichst nahe an das Ansichtskartenmotiv herankommen zu lassen? Es ist ein Moment, in dem Mueen sich austricksen lässt, seine Schäfchen auf dem Weitermarsch wähnt, diese aber für sich das persönliche Glanzstück ausfindig machen. An dem Punkt, wo die Schlucht sich öffnet, den Blick auf die Weite der Landschaft und die schier unendliche Vielfalt an rosa Sandstein freigibt: monumentale Königswand, imposantes Amphitheater, Cardo maximus. Es ist ein unerwartetes Ziel. Wie einst bei Burckhardt. Mit einem Achtjahresvertrag der Londoner "African Association" in der Tasche, begibt er sich ursprünglich auf die Suche nach der Quelle des Niger, trickst aber bei der Route, entscheidet sich für den Umweg über das Moses-Tal, wo Beduinen antike Wunder vermuten. Das mit dem Tricksen scheint also auch zu klappen.
"Nur zwei Dollar", das Mädchen mit den krisseligen Locken lässt einen Kartonstapel im Wind flattern. Man kann den strahlenden Bambiaugen schwer widerstehen, lässt sich überreden, zu einem Set von David Roberts' Aquarellen. Und ist bei genauer-er Durchsicht froh darüber. Das klischeehafte Bild weicht durch die historischen Illustrationen noch ein bisschen mehr den unerwarteten Ausmaßen der Felsenstadt. Hier ist es zwar nur für das eigene Auge, aber eben doch ein Täuschungsmanöver. Wie einst bei Burckhardt. Er lässt sich für zwei Hufeisen von einem Einheimischen führen, gibt vor, am Grab des Propheten Aaron eine Ziege opfern zu wollen. Und entdeckt Petra - in einer Gegend, die mehr als 1000 Jahre kein Europäer betreten hatte.
Tarnen, tricksen - und täuschen: eine List in drei Akten, 1812 wie 2012 auf Entdeckungstouren zweckdienlich. Irgendwie kommen einem dabei auch Zeilen aus Vladimir Vertlibs Feder in den Sinn: "Die List ist die Cousine der Weisheit, die Ehrlichkeit nur ihre Stieftochter." Cousine Petra als Reisebegleitung? Dann klappt's anscheinend auch mit dem unverfälschten ersten Bild der rosa Stadt. MARTINA STIX
Features
Das Jubliläum
200 Jahre ist es her, dass Burckhardt Petra nach jahrhundertelangem Dornröschenschlaf wiederentdeckte. Das wird heuer groß gefeiert. Etwa mit der Ausstellung "Scheikh Ibrahim and Petra" im Jordan Museum in Amman, das Ende Mai eröffnet. Im Herbst zieht die Schau nach Basel. http://jordanmuseum.jo, www.antikenmuseumbasel.ch Details über Veranstaltungen zum Jahrestag im Sommer folgen auf www.visitjordan.com
Praktisches
Flüge für die Strecke Wien- Amman gibt es zum Beispiel bei Royal Jordanian (Oneway inklusive Steuern und Gebühren rund 300 Euro).
Als Ausgangspunkt bietet sich das Mövenpick Resort am Eingang der Felsenstadt an. Zimmer mit 1001-Nacht-Flair ab 160 Euro.












