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    Zuletzt aktualisiert: 02.04.2012 um 08:22 UhrKommentare

    InterRail: Als die Freiheit noch am Zug war

    Seit 40 Jahren gibt es "InterRail": Eine Reise in die Vergangenheit mit Erinnerungen an duftende Bahnhöfe, nette Briten, grantige Franzosen und eine Frau mit Fön.

    Foto © Fotolia / Manale

    ahnhöfe riechen, nicht nur nach den Überresten und Ausdünstungen der Nacht und ihrer Streuner. Und jeder Bahnhof riecht anders. Wirklich! Der Bahnhof von Dover zum Beispiel, der sondert Duftnoten von Ruß und Möwenfedern ab. Santa Lucia, der Bahnhof von Venedig, setzt sich hingegen mit einer Mischung aus Marmelade und Salz im Riechkolben fest. Und der Bahnhof Gare Du Nord in Paris wiederum, der taucht aus den Tiefen der olfaktorischen Erinnerung als atemberaubender Cocktail aus Essig, Honig und Moschus auf.

    Erinnerungen

    Alles Erinnerungen. Es war einmal - und es war wunderschön. Es war auch: wild, dreckig, unberechenbar, laut, berauschend. Kurz: Es war Rock 'n' Roll. Heute tanzt das Leben eher Slowfox mit mir. Aber das ist schon in Ordnung: Jeder Lebensabschnitt hat seinen Rhythmus.

    Der Rhythmus meiner InterRail-Jahre macht "toktok-toktok-toktok". Das war das Geräusch der Waggons, wenn sie über die Geleise rollten. Es gibt keine bessere, beruhigendere Schlafmusik. Wenngleich: Geschlafen wurde auf diesen Reisen eher weniger. Es wurde getrunken - seien wir ruhig ehrlich: gesoffen -, es wurde geraucht; es wurde geliebt, geträumt, gelacht und geredet. Mit Gianna aus Sizilien, mit Nora aus Oslo; mit Ian aus Glasgow, mit Fred aus München. Wir waren jung, hungrig, grenzenlos frei und hatten Europa in der Hosentasche: in Form eines kleines Büchleins, auf dem "InterRail" stand. Die Stempel unserer Reiseziele trugen wir wie Trophäen. Wer war am weitesten gekommen? Wer hatte mehr Bahnhöfe auf der Liste? Lissabon war damals gefühlte 5000 "toktoks" von Berlin entfernt; Berlin gefühlte 2000 "toktoks" von Amsterdam.

    Zuerst die Arbeit

    Die Sommer der Freiheit mussten hart erarbeitet werden. Vier Wochen jobben am Fließband brachte rund 10.000 Schilling ein. Das InterRail-Ticket kostete - wir schreiben die 80er-Jahre - 2600 Schilling. Blieben 7400 Schilling für vier Wochen Rock 'n' Roll. Ob sich das ausging? Aber locker doch! Geschlafen wurde, wenn überhaupt, im Zelt. Gekocht wurde, wenn überhaupt, mit dem Gaskocher. Wir waren genügsam damals, zählten die Sterne am Himmelszelt, nicht jene in den Hotelbeschreibungen. Das kam erst viel später. Etwa zeitgleich mit dem Slowfox.

    Erinnerungen, alles Erinnerungen. An die beste aller Ehefrauen zum Beispiel, damals erst beste aller Freundinnen, die tapfer ihren riesigen Rucksack quer durch den Kontinent schulterte. Alles nahm diese zähe, zarte Frau in Kauf, überallhin ist sie mit mir gegondelt, nur die Haare mussten schön sein. Deshalb war sie wohl die einzige InterRailistin Europas, die einen Fön im Rucksack verstaut hatte. Oder die lange Fahrt nach Irland, der tagelange Regen dort, die Wäsche, die nie trocken wurde, der Whiskey, der uns wärmte, aber finanziell aus dem Takt brachte; dann der Entschluss, zügig nach Süditalien zu flüchten, 7000 "toktoks" später das Zelt am Strand aufgebaut - und es beginnt zu regnen. Stronzo! Oder Uri aus Israel, den wir in Loch Ness getroffen haben. Sag "Oachkatzelschwoaf", haben wir ihm zugebrüllt und uns vor Lachen zerkugelt, als er es erfolglos versuchte.

    König und Bettler

    Meine Güte, waren das Zeiten, als die Freiheit und die Jugend noch am Zug waren und die Sorgen und Ängste auf den Nebengeleisen parkten. Es war einmal, trotzdem ist vieles geblieben. Die Vorliebe für bestimmte Länder, die Abneigung gegen andere. Der Brite behandelte auch den Rucksacktouristen wie einen König, der Franzose behandelte ihn wie einen Bettler. Natürlich: Das waren Einzelerlebnisse, aber sie können im späteren Soundtrack des Lebens den Ton angeben.

    Der Rock 'n' Roll ist verklungen, das "toktok" auch. Geblieben sind die Gerüche der Bahnhöfe. Nach Ruß, Möwenfedern, Marmelade, Salz, Essig, Honig, Moschus. Und geblieben ist zum Glück auch die zarte, zähe Frau mit den schönen Haaren. Ihren Fön schleppt sie übrigens noch heute überallhin mit.

    BERND MELICHAR

    InterRail

    InterRail wurde am 1. März 1972 eingeführt. Man wollte jungen Leuten bis 21 Jahren eine preisgünstige Möglichkeit bieten, Europa kennenzulernen. 1979 wurde die Altersgrenze auf 26 Jahre angehoben. Als Varianten gibt es heute noch den "InterRail Global Pass" für 30 europäische Länder und den "InterRail One Country Pass" für einzelne Länder. Die Preise sind nach Altersgruppen geregelt.

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