Wattenmeer: Barfuß über den Meeresboden
Das UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer an der Nordseeküste vor Schleswig-Holstein lässt Freizeit-Entdecker jubeln: auf den Halligen und bei Wanderungen auf dem Boden der Nordsee.

Foto © Fotolia / Edler von Rabenstein Wandern im Wattenmeer
Barfuß zu gehen, ist empfohlen. Doch nicht Pflicht. Also rein in die Gummistiefel und hinunter aufs Watt. Genauer gesagt auf den Boden des Wattenmeeres. Einem einzigartigen Lebensraum vor der nordfriesischen Küste in Schleswig-Holstein im Norden Deutschlands. Seit 2005 gehört auch dieser Teil zum Biosphärenreservat Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer und Halligen. "Und seit Juni 2009 sind wir UNESCO-Weltnaturerbe", erklärt Michael, Wattführer und Halligbewohner aus Leidenschaft. Und, obwohl ein vom Festland Zugezogener, hört er es gar nicht gerne, wenn er als Inselbewohner bezeichnet wird. "Halligen sind keine Inseln. Sie sind Überbleibsel von in Sturmfluten untergegangenem Festland oder Inseln. Sie ragen auch nur einige Meter aus dem Meer heraus. Deshalb werden sie mehrmals im Jahr von der Nordsee überschwemmt", erzählt Michael, während er sein Fahrrad abstellt, seine Schuhe auszieht und mit einer Mistgabel bewaffnet in Richtung Watt geht.
Die Hallig Hooge, eine der zehn heute noch existierenden Halligen, ist Ausgangspunkt für die Eroberung des Meeresbodens. Ausgerüstet mit genügend in Zwiebeltechnik angelegter Kleidung und großer Neugier geht es los. Ganze zweieinhalb Höhenmeter sind zu überwinden, um von der Hallig auf den Schlickboden der Nordsee zu gelangen. Und schon nach wenigen Schritten, die, ehrlicherweise barfuß leichter fallen, als mit Gummistiefeln, die sich regelrecht im Schlick festfressen und kaum zu bewegen sind, kommt Michaels Mistgabel zum Einsatz. Schnell legt er eine Welt winziger Tierchen frei: Wattwurm, Herzmuschel, Strandkrabbe, Wattschnecke und Nordseegarnelen. Die "Small Five", wie sie hier im Norden genannt werden. Und damit auch ein gedeckter Tisch für die bis zu zwölf Millionen Zugvögel, die hier Halt machen.
Tausende Arten
Doch nicht nur die "Small Five" bereichern die 10.000 Tier- und Pflanzenarten, die im und um das Wattenmeer zu finden sind. Hier gibt es auch "Big Five" - Seehund, Kegelrobbe, Schweinswal, Seeadler und europäischer Stör. Und auch "Flying Five" werden geboten. Brandgans, Austernfischer, Silbermöwe, Ringelgans und Alpenstrandläufer.
"Wichtig ist, nicht alleine ins Watt zu gehen. Die Gezeiten werden unterschätzt. Das Wasser kommt sehr schnell. Auch der Seenebel ist gefährlich, wenn man sich nicht auskennt", sagt Michael und weist auf die Gezeitenkalender hin, die in jedem Ort an der Nordsee aufliegen.
Und mit der Natur zu leben, mit der rauen See, ihren Widrigkeiten und ihren Schönheiten lernen schon die Kinder der Halligschule. Rudern steht auf dem Stundenplan. "Es ist wichtig, dass die Kleinen lernen, richtig zu reagieren", erklärt Matthias Piepgras, Bürgermeister der 110 Einwohner zählenden Hallig Hooge. 90.000 Tagesgäste kommen jährlich auf die 574 Hektar große Hallig mit ihren neun Warften. Auf diesen aufgeschütteten Erdhügeln sind die Siedlungen gebaut, in denen die Menschen dort leben. "Sie sind noch ein paar Meter höher als die Hallig selbst. Wenn es landunter heißt, hilft das", sagt Piepgras. Und er erzählt auch von dem Hooger Projekt "Hand gegen Koje": "Da kann man gegen unentgeltliche, ehrenamtliche Tätigkeit für unsere Gemeinde mindestens 14 Tage kostenlos in einer Gemeindewohnung leben. Das kommt gut an."
Und es verschafft Einblicke in ein Leben mit der Natur an der Nordsee - wie bei den Wattwanderungen, wo barfuß zu gehen doch eine gute Empfehlung ist.










