Das kleine Paradies in der Toskana
Ein Traum: ein Haus mitten in der Toskana, ein Pool mit Blick auf Weingärten und Olivenhaine und weit und breit kein Massentourismus. Kein Traum, ein Urlaub! Ein Traumurlaub freilich.

Foto © Fotolia / SvenjaKauerSehnsuchtsort Toskana
Zum Augenblick dürft' ich sagen: Verweile doch, du bist so schön!" Jetzt einen Schluck Espresso, tief durchatmen und dann verzückt ausrufen: Bitte jetzt, genau jetzt, verweilen! Welt, Zeit, Augenblick, alles. Dann den Blick schweifen lassen über diese unverschämt schöne, üppige, saftige Landschaft. Über die sanft hügeligen Weinberge, über die blassgrünen Olivenhaine, über die kleinen Dörfer, die schläfrig auf Kuppen hocken; auf den Pool, dessen tiefblaues Wasser mit dem Himmel um die Wette glänzt; auf den winzigen Weiler, in dessen Mitte das Haus ruht und in dessen schattige Räume ich mich bald zurückziehen werden, denn auch Schönheit ermüdet.
Urlaubsprospekte haben es ja bekanntlich oft faustdick hinter den Ohren. Umso erstaunlicher, wenn das Versprochene der Realität standhält. Ein Haus mitten in der Toskana. Im süffigen Chiantigebiet. Auf halbem Weg zwischen Florenz und Siena. Die Massen zieht es ans Meer. Hier, im Landesinneren, ist der Tourismus so sanft, dass er noch keine Schäden angerichtet hat. Das Haus, gebaut aus kühlendem Stein, befindet sich in keinem grellen Urlauberghetto, sondern inmitten einer Handvoll von Gebäuden, in denen ausschließlich Einheimische wohnen. Am Morgen liefert der Bäcker das Brot, tagsüber arbeiten die Bauern der Genossenschaft in den Weinbergen, abends hört man aus den offenen Fenstern italienische Talkshows. Und die Straße, die gehört dem Hund, der dort stundenlang döst.
Das kleine Paradies
Casanuova di Ama heißt das kleine Paradies. Und die einzige Tragödie besteht darin, dass ich in zwei Wochen daraus vertrieben werde. "Wenn du die Radtour, die du vor dir hast, überlebst, wirst du wiederkommen." Paolo serviert im nahegelegenen Dörfchen Lecchi seine noch warmen Brioches und strahlt dem nach Mandeln duftenden Tag ins Gesicht. Im Schweiße meines Angesichts werde ich größenwahnsinniger Gockel bald an Paolo zurückdenken: Die "Strada dei Castelli", die historische Schlösser- und Burgenstraße, auf dem Drahtesel zu absolvieren, war tatsächlich keine gute Idee. Apropos Gockel: Der schwarze Hahn ist das überall präsente Wappentier der Chianti-Gegend.
Dass die Zeit hier stehen geblieben ist, wäre eine romantische Übertreibung. Aber die Uhren ticken spürbar langsamer. Gerade so langsam, dass der Mensch nicht außer Atem gerät und über ausreichend Luft zum Lebensgenuss verfügt. In den altehrwürdigen Provinzstädtchen Radda oder Gaiole kann man einem beschaulichen Dolce Vita frönen, ohne durch picksüße touristische Überfrachtungen einen Zuckerschock zu erleiden. Kein lautes Disneyland wie anderswo in Italien, sondern authentisches Lebensgefühl. Kein flaches Geschnatter, sondern tiefe Erdigkeit.
Casanuova di Ama wird von einer "Azienda Agraria" geführt. Und Daniela ist die sanft-strenge Patronin des Familienunternehmens. "Früher waren wir 'Mezzadri', das heißt Halbpächter, und haben das Land für andere bearbeitet. Seit Ende der 60er-Jahre sind wir unsere eigenen Herren", erzählt die quirlige Italienerin. "Unsere Arbeit ist sehr anstrengend, aber der direkte Kontakt mit der Erde und unsere Liebe zu ihr machen alles leichter."
"Zum Augenblick dürft' ich sagen: Verweile doch, du bist so schön." Goethes Faust hat seine teuflische Wette dennoch verloren. Ich komme wieder, Paolo. Ohne Rad. Aber die Wette gilt.
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