In Guimaraes wurde Portugal geboren
Das malerische Mittelalterstädtchen in Portugal, das neben der zweitgrößten slowenischen Stadt Maribor Kulturhauptstadt 2012 wird, setzt auf Creative Industries.

Foto © Fotolia / Cristovaro31Guimaraes
"Aqui nasceu Portugal" prangt in weißen Lettern auf der Stadtmauer. "Hier wurde Portugal geboren." Und während sich das westlichste Land der EU in schweren wirtschaftlichen Krisenzeiten befindet, wird seine Wiege, die Kleinstadt Guimaraes in der Nähe von Porto, zur Europäischen Kulturhauptstadt 2012 ausgerufen. Es ist ein malerisches mittelalterliches Städtchen, das von einer reichen Geschichte und einer Gegenwart großer Armut geprägt wird. Als Kulturhauptstadt setzt man auf Creative Industries als ökonomische Triebfeder und auf engen Kontakt mit der Bevölkerung.
"Wir wollen, dass jeder dabei mitmacht, Ideen für Europa zu entwickeln", sagt Direktor Carlos Martins beim APA-Besuch. "Auch wenn wir von Brüssel weit weg sind." Vom Cafe des Centro Cultural Vila Flor, das erst kürzlich rund um einen restaurierten Palacio errichtet wurde und etwas außerhalb der historischen Stadtmauern das Herz des Kulturhauptstadtjahres bildet, blickt man über die Talsenke, in die das seit 2001 unter UNESCO-Schutz stehende Städtchen seit mehr als tausend Jahren geschmiegt ist. Um 1100 wurde hier Alfonso Henrique geboren, Portugals erster König, dessen Name und Statue auf Schritt und Tritt dem Besucher auflauert.
Historisch bedeutsam
Die historische Bedeutung ist es, die den rund 50.000 Einwohnern (rund 160.000 sind es im "Municipal", das auch die umliegenden Dörfer umfasst) den meisten Tourismus beschert, die Textilindustrie war es, die über Jahrzehnte für großen Wohlstand sorgte. Heute sind die meisten Fabriken geschlossen, mit 15 bis 20 Prozent Arbeitslosigkeit liegt man um das Zweifache über dem nationalen Durchschnitt. Die verlassenen Lederfabriken auf der abfallenden Seite des Hügels mit dem neuen Kulturzentrum sind mittlerweile auch zum Umweltproblem geworden. Ab jetzt soll die Stadt ein neues, buntes, kreatives Gesicht bekommen.
"In den verlassenen Industriegebäuden werden Creative Industries angesiedelt", berichtet Martins von den vor allem auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Projekten von Guimaraes 2012. Gemeinsam mit der eigenen Universität sowie der nahe gelegenen Uni in Braga werden Felder wie Architektur, Software Research oder verschiedene Designsparten zu Jungunternehmungen zusammengespannt und in der Stadt angesiedelt. Technology-Lab und Design Center lauten die Schlagworte, mit denen man Kultur nicht trotz, sondern gerade wegen der Krise fördert. Denn das Gesamtbudget von 118 Mio. Euro (15 Prozent EU-Mittel) ist für das krisengeschüttelte Land stattlich. Allein 70 Mio. fließen in die Infrastruktur. Alte Märkte, die Stadtburg, der Palast Paco Ducal, aber auch das Lederviertel wurden restauriert, die kleinen Kinos digitalisiert und ein interaktives "Haus des Gedächtnis" eingerichtet.
Die Arbeit hat das Team im März 2010 aufgenommen, der Startschuss für das eigentliche Jahresprogramm, in das 25 Mio. Euro investiert werden, soll am 21. Jänner fallen. Doch eigentlich scheint 2012 hier schon lange angefangen zu haben. Das eigens gegründete Orchester spielte bereits zur Programmpräsentation, das neue Kulturzentrum wird schon seit Monaten mit hochkarätigem Musikprogramm bespielt, der Community-Chor und die Theatergruppe proben eifrig und in der Vorwoche wurden die Gewinner eines Projektwettbewerbs für die Gemeinde verkündet.
"Wir vergleichen uns nicht mit großen Städten", sagt Martins als Leiter der bisher kleinsten Kulturhauptstadt. "Wir zeigen, welche Rolle eine kleine Stadt für eine Entwicklung Europas spielen kann." Und so ist das Festivalprogramm im kommenden Jahr - zu einem neuen Tanzfestival in Kooperation mit den "Ballets C de la B" von Alain Platel gesellen sich auch Festivals für Rock, Pop, Jazz und Drumming - eher der kleinere Teil des Projekts. "Der Prozess ist wichtiger als das Ergebnis", betont Martins, während er durch die mittelalterlichen Gassen spaziert. In vielen der steinernen Straßenlokalen mit den typisch nordportugiesischen hohen Fenstern haben sich Projekte zu Medienkunst oder Softwaredesign eingenistet - und sollen nicht Projekt bleiben.
Immer wieder öffnet sich das Gassengewirr zu einem der zahlreichen Plätze. Die Bewohner von Guimaraes sitzen gerne draußen. Am Praca da Oliveira, dem "Olivenbaumplatz" herrscht den ganzen Tag buntes Treiben, zur Dämmerung ist er gesteckt voll. Es ist kein Zufall, dass der "Vinho Verde", der junge, frische Wein der Region offizieller Partner von Guimaraes 2012 ist. Und so will man das Jahr dann auch beschließen. "Wir machen eine End-of-the-world-Party", erklärt Martins. Schließlich wird in Maya-Tradition nicht von wenigen der Weltuntergang für Ende 2012 prophezeit. "Falls es doch weitergeht, bleiben wir für immer Kulturhauptstadt."
(S E R V I C E - http://www.guimaraes2012.pt)









