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Zuletzt aktualisiert: 03.10.2011 um 15:35 UhrKommentare

Was man von Lateinamerika wissen sollte

Sebastian Schoepp gewährt in "Das Ende der Einsamkeit" Einblick in den Werdegang der lateinamerikanischen Staaten. Eine Buchempfehlung, die sich als Vorbereitung für eine Südamerikareise bestens eignet.

Blick auf die boomende Hauptstadt Panamas

Foto © Martin PonticelliBlick auf die boomende Hauptstadt Panamas

Bis Ende des 20. Jahrhunderts stand Lateinamerika für Chaos, Staatsstreiche, Krisen und Pleiten. Die Bilder von Putschen, Massakern, Diktatoren, Elendsvierteln und Drogenbossen prägten die öffentliche Wahrnehmung. Doch fast unbemerkt vom Rest der Welt hat Lateinamerika in den letzten Jahren eine rasante Entwicklung hingelegt. In den meisten Ländern haben sich Demokratien stabilisiert, die Diktatoren wurden abgeurteilt und die Volkswirtschaften saniert. Lateinamerika ist im Aufwind.

Der deutsche Journalist Sebastian Schoepp zeichnet in "Das Ende der Einsamkeit - Was die Welt von Lateinamerika lernen kann" ein Bild von der gegenwärtigen Lage Südamerikas und geht dabei auf die Geschichte der einzelnen Länder ein, die von den spanischen Eroberern und ihren Nachfahren geprägt ist.

Von Machos und Hidalgos

So ist die Entwicklung Lateinamerikas die längste Zeit am iberischen Klassenmodell gescheitert. Unter der Figur des Hidalgo, der zur Zeit der Eroberungen Lateinamerika prägte, haben die südamerikanischen Länder jahrhundertelang gelitten. Der Hidalgo nahm sich mit Gewalt, was er brauchte - mit der Hand zu arbeiten verbot ihm sein Ehrenkodex. Di einzige Führungsfigur, die der Hidalgo akzeptierte, war jemand, der sich noch wagemutiger, gieriger und brutaler aufführte als er selbst: der Cuadillo, der "kleine Anführer". Mit dem Erbe des Hidalguismus, der Grundeigentum zum Fetisch kultiviert, Produktivität lähmt und mächtige Anführer trotz ihrer Grausamkeit schätzt, hat Lateinamerika bis in unsere Tage zu kämpfen.

Ein Kapitel des Buches behandelt südamerikanische Eigenheiten. Dabei zitiert Schoepp den mexikanischen Schriftsteller Jorge Volpi, der durch seine Erfahrungen mit Lateinamerikanern im Exil in Madrid zu Beginn der Nuller Jahre auf folgende Gemeinsamkeiten kommt: "Die Faszination für blutige Diktaturen und besiegte Guerillas, das Gezeter um Fußball, die verehrungswürdige Korruption unserer Politiker, der Geiz der Millionäre, die Koketterie der Frauen, der Surrealismus als Lebensprinzip, die Krise und die Krise der Krise, die Liebe zur Sonne und zu Rum mit Coca Cola, die Gastfreudschaft Fremden gegenüber, die rituelle Gewalt und die zur Tugend erhobene Faulheit." Die schwere Immobilenkrise 2008 beendete die Auswanderung nach Spanien schlagartig. Viele Südamerikaner gingen wieder zurück in ihre Heimatländer.

Die Rolle, welche die USA in Lateinamerika gespielt hat und spielt, wird ebenfalls ausführlich beleuchtet und mit Beispielen belegt. Die Vereinigten Staaten haben sich schon seit jeher um Einflussnahme bemüht. So besetzten sie zum Beispiel mehrmals Haiti, um Machthaber zu vertreiben oder zu installieren. Dabei haben sie die Kriterien für ihre Einflussnahme stets allein festgelegt. In Haiti, Ecuador oder Mexiko werden die USA deshalb mit Furcht betrachtet, selbst wenn sie bei einer humanitären Katastrophe Hilfsgüter bringen.
Erschwerend kommt hinzu, dass das grundsätzliche gegenseitige Unverständnis groß ist: Nordamerika funktioniert nach dem Prinzip des Handelns: Wo Probleme entstehen, müssen sie sofort behoben werden. In Südamerika fügt man sich leichter in das scheinbar Unabwendbare und verharrt in der passiven Rolle.

Übertreiben ist ein Muss

Der Staatspräsident von Venezuela, Hugo Chavez, ist der erste Staatschef seit Fidel Castro, der sich konsequent in kantiger Abgrenzungsrhetorik zu den USA übt und dadurch bei den südamerikanischen Staaten auf große Akzeptanz stößt. In diesem Zusammenhang muss man wissen, dass sobreactuar, übertreiben, ein Wesenszug ist, der zu vielen lateinamerikanischen Machopolitkern gehört. So ist die Beliebtheit des brasilianischen Präsidenten Lula auf seine Emotionalität im Diskurs zurückzuführen. Er berherrscht die Mischung aus Triumphgeste, Begeisterungsfähigkeit, Zielstrebigkeit, Jovalität und Sentimentalität.

Sebastian Schoepp nimmt den Leser mit durch die Straßenschluchten von Panama-Stadt, die Koka-Felder Boliviens, die ehemaligen Kriegsgebiete Kolumbiens, die Bananenplantagen Costa Ricas, das Wahlkampfgetümmel Nicaraguas, ... Er zeichnet ein buntes Bild Lateinamerikas, weckt das Verständnis für diese Länder und macht auf die Eigenheiten Südamerikas und seiner Bewohner aufmerksam. Ein tolles Buch, dessen Lektüre zur Vorbereitung auf eine Südamerikareise wärmstens zu empfehlen ist.


Der Autor

Sebastian Schoepp ist seit 2005 außenpolitischer Redakteur der Süddeutschen Zeitung und als solcher für Spanien und Lateinamerika zuständig. Außerdem ist er Dozent für Journalistik an der Univerisität Barcelona. Er arbeitete für die nicaraguanische Zeitung La Prensa und andere spanischsprachige Publikationen.

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