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Zuletzt aktualisiert: 05.07.2011 um 12:02 UhrKommentare

Eine Reise durch die wilden Cevennen

Foto © APA

Die Cevennen zählen zu den letzten wilden Gegenden Europas. Hügel und Flüsse prägen die Region in Südfrankreich, die früher von Esskastanien und Seidenzucht lebte. Im 18. Jahrhundert leisteten die Hugenotten hier erbitterten Widerstand gegen den Absolutismus.

Die Cevennen bieten herrliche Natur und sind alles andere als überlaufen. Die Region im Hinterland von Montpellier ist geprägt von waldigen Hügeln, einem windigen Hochplateau und tiefen Schluchten, durch die sich Flüsse schlängeln. Ein Teil der Cevennen ist als Nationalpark geschützt.

In Florac, dem Hauptort des Parks, geht das Leben einen gemütlichen Gang. Platanen bilden ein grünes Schattendach über den Cafés. In einem kleinen Laden gibt es Kastanienhonig zu kaufen, eine Spezialität der Region. Am Fluss Tarn liegen Campingplätze. Hinter Florac erhebt sich die massive Felswand der Hochebene Causse Méjean, von der Unesco vor kurzem zum Welterbe erklärt.

"Hier treffen drei ganz verschiedene Landschaften und Gesteinsarten aufeinander", erklärt eine junge Frau im Haus des Nationalparks. Das Hochplateau sei aus Kalkstein, die Gegend östlich von Florac von Granit geprägt, und in der Hügellandschaft weiter südlich herrsche Schiefer vor. Sie empfiehlt, die Hochebene hinaufzuwandern, auf einem der zahlreichen markierten Wege im Park.

Was es mit den vielen Kastanienbäumen auf sich hat, erfahren wir in Saint-Jean-du-Gard. Esskastanien waren lange Zeit das wichtigste Lebensmittel in den felsigen Cevennen, Getreideanbau war hier kaum möglich. Maronen wurden frisch gegessen, gekocht, gegrillt, getrocknet, zu Mehl verarbeitet. Kein Wunder, dass der Kastanienbaum schlicht "Brotbaum" genannt wurde. Ein kleines Museum zeigt all die Werkzeuge, mit denen die Kastanien geerntet und verarbeitet wurden.

Ein besonders strenger Winter Anfang des 18. Jahrhunderts vernichtete einen großen Teil der Bäume. Die Cevennen-Bewohner pflanzten Maulbeerbäume anstelle der Kastanien, um im großen Stil in die Zucht von Seidenraupen einzusteigen. Mitte des Jahrhunderts gab es bereits etwa 400.000 Maulbeerbäume in der Region, deren Blätter die Raupen fressen.

Ihre Verwandlung in Schmetterlinge erlebten die Seidenraupen allerdings nicht mehr. Kaum hatten sie sich in ihren daumendicken Kokon eingesponnen, wurden sie in heißes Wasser geworfen. Junge Frauen wickelten die je etwa eineinhalb Kilometer langen Fäden zu Zöpfen auf, die für die Seidenmanufakturen in Lyon und Nîmes bestimmt waren.

Bei einer Autofahrt durch die Cevennen kommt man nicht besonders schnell voran. Das liegt nicht nur an den kurvenreichen Straßen, sondern auch an den hübschen Dörfchen, die man gerne alle anschauen würde. Oft bestehen sie nur aus ein paar trutzigen, schiefergedeckten Steinhäusern. Es duftet nach Lavendel, dessen lila Blüten von Zitronenfaltern umflattert werden.

Häufig finden sich auch winzige Friedhöfe mit längst verwitterten Grabsteinen. Sie sind Zeugen einer Zeit, in der die Hugenotten, wie die Protestanten in Frankreich genannt wurden, in dieser Region von den Schergen des Königs Ludwig XIV. verfolgt wurden. In den verwinkelten Gemäuern von Mas Soubeyran erzählt uns Marie die Geschichte der protestantischen Widerstandskämpfer des 17. und 18. Jahrhunderts.

"Eigentlich waren die Religionskriege in Frankreich mit dem Toleranzedikt von Nantes beendet gewesen. Aber Ludwig XIV. erfand immer neue Regeln, um den Protestanten das Leben schwer zu machen", erklärt Marie. Protestanten durften weder als Hebamme noch als Arzt arbeiten - Anfang und Ende des Lebens sollten ausschließlich von Katholiken betreut werden. Da Protestanten auch von katholischen Friedhöfen verbannt worden waren, bestatteten sie ihre Toten auf dem eigenen Land.

Schließlich wurde das Edikt von Nantes 1681 komplett gestrichen, damit wurde es illegal, in Frankreich Protestant zu sein. Viele Hugenotten flohen aus Frankreich in die Schweiz, nach Deutschland, Amerika oder Südafrika. Doch in den Cevennen leisteten die Protestanten erbitterten Widerstand. Zwischen 1.000 und 3.000 religiöse Rebellen konnten etwa zwei Jahre lang gegen 25.000 Soldaten des Königs standhalten.

"Die Cevennen sind heute die einzige Region in Frankreich, die überwiegend protestantisch ist", sagt Marie, die selbst der protestantischen Kirche angehört. "Wir haben eine stark ausgeprägte Identität", meint sie stolz. Nach unserem Ausflug in ein relativ unbekanntes Kapitel der französischen Geschichte sehen wir die waldige Hügellandschaft mit anderen Augen.

Quelle: APA

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