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Zuletzt aktualisiert: 21.06.2011 um 10:24 UhrKommentare

Unterwegs in den schottischen Highlands

Foto © APA

Karge Berge mit tiefen Tälern, dunklen Wäldern und schwarz funkelnden Seen im Landesinneren, windumtoste Inseln an den Küsten, dazu ein unberechenbares Wetter. Die Highlands im Norden Schottlands sind eine Wildnis von rauer Schönheit.

Im Süden der Highlands, im Gebiet der Cairngorm Mountains, ist die Landschaft geprägt von sattgrünen Tälern vor rauem Bergpanorama. Mit seinen 4.528 Quadratkilometern ist dieses Naturschutzgebiet Großbritanniens größter Nationalpark. Hier ragen einige der höchsten Berge der britischen Insel in den Himmel. Mit dem Bus sind es von Edinburgh knapp vier Stunden nach Kincraig, einem 500-Seelen-Dorf am Rande des Am Monadh Ruadh, des roten Gebirges, wie die Cairngorm Mountains auf Gälisch heißen.

Hinter dem Ort, in den dunkelgrünen Wäldern mit ihren schwarz-weiß gestreiften Birken und knorrigen Kiefern leben Auerhähne, Eichhörnchen und Rothirsche. Hier ist auch der Schottische Kreuzschnabel heimisch, eine ziegelrote Finkenart, die es nur in Schottland gibt. In den Mooren sind die Rufe der Schneehühner zu hören, in den zahlreichen Flüssen und Seen, den Lochs, jagen Otter und Fischadler. Doch nach Wildnis fühlt sich das alles trotzdem nicht an.

Statt Menschenleere ist hier das klassische Publikum eines Naherholungsgebiets anzutreffen: Jogger auf Waldpfaden, Familien, die vom Parkplatz zur nächsten Picknick-Gelegenheit wandern, und Herrchen, die ihre Hunde Gassi führen. Eine Idylle, das scheint die Cairngorm-Region zu sein. Doch eine ungezähmte Wildnis? Der Highland Wildlife Park nahe Kincraig verstärkt diesen Eindruck. Der Tierpark lockte mit einheimischen Tieren allein nicht genügend Besucher an, deshalb wurde er kurzerhand um Tiere aus der ganzen Welt erweitert, die in dem gleichen kühlen Klima wie in Schottland leben. Das Ergebnis: Eisbären, Sibirische Tiger und chinesische Bergziegen als neu eingebürgerte Highlander.

Mitten in Schottland erklingt so das Brüllen eines Amur-Tigers neben dem Röhren eines einheimischen Rothirschs über die Hügel des Parks. Seit es Eisbären und Co. gibt, strömen die Besucher herbei. Vorbei an Herden von Wildpferden, Bisons und Rothirschen begeben sie sich mit ihren Autos auf schottisch-exotische Safari.

Der Weg zu den Cairngorm Mountains führt querfeldein über ungezählte Schafweiden. Zu Tausenden grasen die Tiere auf den Wiesen vor den Bergen. Wer hier hindurch will, muss ein Gatter nach dem anderen öffnen und schließen und zahlreiche Steinmauern und Stacheldrahtzäune überwinden. Zicklein bleiben angesichts des Wanderers erschrocken stehen, Böcke mit gezwirbelten Hörnern beobachten ihn argwöhnisch.

Hinter den Schafweiden zeigt sich ein Berghang, bedeckt mit großen Felsbrocken. Je höher es geht, desto karger wird die Szenerie, und plötzlich machen die Warnhinweise des Fremdenverkehrsamtes vor der unwirtlichen Bergwelt der Highlands einen Sinn. Nur den eigenen Atem im Ohr, geht es bergauf. Ein paar verkrüppelte Kiefern krallen sich in den Berg, danach verwandelt sich die Landschaft in eine Art arktische Wildnis.

In diesem Hochland-Nirwana wächst kein Baum und kein Strauch mehr. Adler und andere Raubvögel ziehen über den Gipfeln ihre Kreise. Die kahlen Berge scheinen sich wie aufgetürmte Wellen bis zum Horizont zu rollen. Nur das Heidekraut gedeiht hier und lässt die Hänge lila schimmern. "Meilen und Meilen lavendelfarbener Einsamkeit", schrieb Virginia Woolf in ihr Notizbuch, als sie 1938 in den Highlands unterwegs war.

"Ich habe nie Einsameres durchschritten", schrieb der deutsche Schriftsteller Theodor Fontane über seine Reise von Perth nach Inverness 1858. Tatsächlich blieb keine Region in Großbritannien so lange unbekannt und unzugänglich wie die Highlands. "Noch um 1700 wusste man in London über die Highlands nicht mehr als über Abessinien oder Japan", schreibt der Landeskenner Peter Sager in seinem Reisebuch "Schottland".

Nicht nur war die Gegend unbekannt, Reisende im 17. Jahrhundert fürchteten auch die gefährlichen Schluchten, die sie durchqueren mussten - und die unberechenbaren Bewohner der Highlands. Ganz im Sinne der archaischen Natur, in der sie lebten, lieferten sich die Clans zahlreiche Fehden untereinander - und natürlich mit ihrem Lieblingsfeind, den Engländern.

Trotz der Zeit, die zwischen einem Reisenden aus dem 17. Jahrhundert und dem heutigen, mit Funktionskleidung ausgerüsteten Wanderer, liegt - es begleitet auch ihn ein Gefühl der Einsamkeit. Das kommt nicht von ungefähr. Auch wenn die Highlands schon immer dünn besiedelt waren, so menschenleer wie heute waren sie nicht immer. Die verwitterten Steinruinen ehemaliger Häuser zeugen von einem dunklen Kapitel schottischer Geschichte.

Ab Mitte des 18. Jahrhunderts vertrieben die Großgrundbesitzer die Pächter und Kleinbauern aus den Highlands, um die Flächen für die rentable Schafzucht nutzen zu können. Ganze Dörfer wurden so aufgelöst, ihre Bewohner gezwungen, nach Nordamerika oder Australien auszuwandern. Die Häuserruinen, die überall in den Highlands zu finden sind, sind düstere Mahnmale dieser systematischen Entvölkerungspolitik, der sogenannten Clearances.

Die Suche nach Arbeit, die Abwanderung der jungen Leute nach Edinburgh und Glasgow haben ihr übriges getan: Heute leben rund 80 Prozent der Bevölkerung in den Städten der Lowlands, im Süden Schottlands. Die Highlands, sie waren und bleiben ein karges, unwirtliches Land - und eines von bestechend wilder Schönheit.

Quelle: APA

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