Offene Gärten in London

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Von außen sieht das Reihenhaus im Norden Londons ziemlich unspektakulär aus. Rote Ziegel, braune Holzverkleidung, alternde Fenster. Ein praktischer Bau aus den fünfziger Jahren.
Auch der ordentlich-langweilige Vorgarten ist unverdächtig. Deshalb ist es fast ein bisschen wie im Märchen vom "Geheimen Zaubergarten", durch die Garagentür hinters Haus zu gehen. Plötzlich öffnet sich der Blick auf einen riesigen Park voller alter Bäume, überquellender Blumenbeete, rauschender Brunnen - und eine englische Tee- Gesellschaft wie aus dem Bilderbuch.
Jeden Sommer öffnen in London und anderen Städten in England und Wales hunderte Privatleute ihre Gärten für die Öffentlichkeit. Oft servieren Mr. uns Mrs. Smith - die sprichwörtlichen Leute von nebenan also - auch Tee und Kuchen. Der Erlös aus ein paar Pfund Eintritt und der Verpflegung geht an einen guten Zweck. Tausende Besucher machen jedes Jahr bei dem Programm des National Gardens Scheme (NGS) mit, das es seit 1927 gibt. Allein in den vergangenen zehn Jahren kamen dabei 25 Millionen Pfund (29,5 Mill. Euro) für Hilfsorganisationen zusammen.
"Ich finde es toll, dass man mal hinter diese langen Reihen von Häusern sehen kann", sagt eine Deutsche, die seit Jahren in London lebt und bislang jeden Sommer neue Gärten erkundet hat. "Viele Leute können sich in London keinen Garten leisten. Da ist es toll, wenn man die von anderen angucken kann."
Der Besuch in fremden Gärten ist in England eine alte Tradition, der schon bei Jane Austen gehuldigt wird. Und bis heute sind an einem Sonntagnachmittag in einem Garten wie dem in Nord-London Besucher zwischen Null und über Neunzig anzutreffen. Leuten Einblick in sein Heim zu geben, passt dabei eigentlich so gar nicht in das Bild der typisch englischen Mentalität.
"Die Engländer wollen am liebsten alle in ihrer eigenen kleinen Box mit ihrer eigenen privaten Grünfläche leben", schreibt die Anthropologin Kate Fox in ihrem Buch "Watching the English". Dass für viele tatsächlich gilt "My Home is my Castle" - "Mein Zuhause ist meine Festung" - zeigt sich beim Gang durch eine Reihenhaussiedlung mit den säuberlich hinter Holzwänden oder Mauern verborgenen Grundstücken. "Es ist extrem unwahrscheinlich, dass ein Tourist jemals einen normalen, typisch englischen Privatgarten zu sehen bekommt", meint Fox.
Dabei gibt es viel zu verpassen. Der Garten in der Nähe des Nord- Londoner Stadtteils Highgate etwa erstreckt sich über mehrere Grundstücke. Es gibt Beete mit verschiedenen Farb-Themen, schattige Ecken mit Bänken und Tischen, ein Gewächshaus und sogar einen Rosengang. Und natürlich säuberlich gepflegten englischen Rasen. "Das macht alles der Herr des Hauses, ganz alleine", berichtet eine der Freiwilligen, die beim Kuchenbuffet mithilft.
"Nehmen Sie Milch und Zucker zum Tee?", fragt die nette Dame. Gerne erklärt sie auch, was sich hinter dem Gebäck mit Sahne und Marmelade verbirgt, die auf der Blümchentischdecke stehen: "Das sind Scones, ein traditionelles Gebäck bei uns." Selbst gebacken natürlich. Sogar die Marmelade ist aus Eigenherstellung. Fast fühlt es sich an, als ob man bei den Nachbarn eingeladen wäre.










