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Zuletzt aktualisiert: 19.05.2010 um 11:09 UhrKommentare

Reisekrankheit kann jeden treffen

Foto © APA

"Mama, mir ist schlecht", tönt es vom Rücksitz. Jetzt ist Eile angesagt - schnell auf den nächsten Parkplatz. Die meisten Eltern kennen solche Situationen. Immerhin quälen sich vor allem Kinder zwischen dem zweiten und zwölften Lebensjahr mit der Reisekrankheit.

Ursachen

Reisekrankheit, in der Fachsprache Kinetose genannt, kann bei längeren Fahrten im Auto, im Bus oder im Zug, aber auch bei Schiffsreisen und sogar im Flugzeug auftreten. Die Ursache ist immer dieselbe: Das Gehirn erhält widersprüchliche Informationen. "Im Wesentlichen werden über drei Kanäle Signale an das Gehirn geleitet: über die Augen, über das Gleichgewichtssystem im Innenohr und über taktile Sinnesorgane in Muskeln und Sehnen", erklärt Prof. Michael Strupp, Schwindelexperte von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. "Wenn das Gehirn diese Botschaften nicht ein Einklang bringen kann, ist das der Auslöser für die Kinetose."

Ein Beispiel: Ein Beifahrer im Auto schaut auf die Karte und liest. Die Augen melden "Stabilität". Die taktilen Sinnesorgane und das Gleichgewichtssystem hingegen melden "Bewegung". Diese Widersprüche führen zu Unruhe im Gehirn, auch das vegetative Nervensystem, das unbewusst unsere Organe steuert, reagiert verwirrt.

"Die Symptome reichen von Unwohlsein, kaltem Schweiß oder Hitze, verstärktem Gähnen, Kopfschmerzen, Schwindel, Kreislaufbeschwerden und Übelkeit bis hin zum Erbrechen und sogar Depressionen", zählt der Reisemediziner Ulrich Klinsing auf. Im Akutfall hilft nur eins: Möglichst auf die ersten Anzeichen reagieren, eine ausgiebige Pause einlegen, für frische Luft und Bewegung sorgen. Doch bis das Unwohlsein abgeklungen ist, kann es dauern - Strupp zufolge manchmal sogar mehrere Stunden. Auf der Fahrt in den Urlaub wird die Reisekrankheit eines Familienmitgliedes so zur Nervenprobe für alle.

Vorbeugung und Ablenkung

Damit es so weit gar nicht erst kommt, ist Vorbeugen angesagt. "Schon am Abend vor der Abfahrt sollte man nur noch leichte Kost zu sich nehmen", empfiehlt Ursula Sellerberg, Sprecherin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände in Berlin. "Auch während der Reise sind fett- und ballaststoffreiche Mahlzeiten genau wie Durcheinanderessen tabu." Und schließlich darf die Kleidung nicht auf den Magen drücken.

Dann gilt es, dafür zu sorgen, dass das Gehirn möglichst stimmige Informationen erhält. "Wer für Reisekrankheit anfällig ist, sollte möglichst ständig aus dem Fenster schauen und den Horizont suchen", rät Klinsing. Kinder lassen sich gut durch Spiele wie Kennzeichenraten oder auch Hörbücher ablenken. Gespräche über Reisekrankheit sollten auf alle Fälle vermieden werden - schon die Angst davor kann Übelkeit hervorrufen.

Pausen machen

Regelmäßige Pausen sind ein Muss. Die braucht auch der Fahrer - vor allem für seine Konzentrationsfähigkeit. Denn er selbst ist meist nicht betroffen ist, da er ständig hinaus schaut. "Außerdem sollte immer gut gelüftet werden", ergänzt Sellerberg. Intensive Gerüche - nach Benzin, Essen oder auch Toiletten - können die Übelkeit beschleunigen. Beifahrer dürfen gerne schlafen. Vor allem mit Kindern sind Nachtfahrten eine Überlegung wert.

"Reisekrankheit ist sowohl ein qualitatives als auch ein quantitatives Problem: Je größer die Widersprüche zwischen den Signalen im Gehirn sind, umso stärker reagiert der Körper", sagt Strupp. Länger andauernde Kurvenfahrten lassen sich möglicherweise durch eine andere Route vermeiden. "Außerdem sollte der Fahrer sein Fahrverhalten anpassen", regt Klinsing an. "Plötzliche Spurwechsel oder rasante Beschleunigungen beispielsweise müssen nicht sein."

Medikamente

Bei besonders empfindlichen Reisenden sind vorbeugende Medikamente das beste Mittel. "Es gibt rezeptfreie Kaugummis, Tabletten und Zäpfchen, die sehr schnell wirken", erläutert Sellerberg. Ihre Inhaltsstoffe wirken auf die Brechreizrezeptoren im Gehirn. "Diese Mittel sollten allerdings nur Beifahrer nehmen: Sie machen müde." Daneben gibt es beispielsweise verschreibungspflichtige Pflaster mit dem Wirkstoff Scopolamin. Sie müssen mehrere Stunden vor Reiseantritt hinter dem Ohr aufgeklebt werden und eignen sich besonders gut für mehrtägige Reisen.

Auch pflanzliche Präparate sind einen Versuch wert. "Hoch dosierter Ingwer reduziert den Brechreiz", erläutert Klinsing. Unter den homöopathischen Mitteln ist Belladonna das Mittel der Wahl. Weitere Möglichkeiten sind Akupunktur oder Akupressur.

Der günstigste Sitzplatz

Im Auto gehört der empfindlichste Reisende auf den vorderen Beifahrersitz. Im Zug ideal ist ein Fensterplatz in Fahrtrichtung. Im Bus gilt: Je weiter vorne umso besser. Der Sitzplatz sollte nicht über einer Achse liegen und freie Sicht durch die Frontscheibe erlauben. Im Flugzeug sind die ruhigsten Plätze am Mittelgang oder über den Tragflächen. Auf dem Schiff am besten ist eine Kabine in der Mitte des Schiffes unmittelbar über dem Wasserspiegel.

Quelle: APA

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