Las Vegas: Das Glück hat einen Vogel
Im Zockerparadies Las Vegas sitzt der Dollar nicht mehr so locker. Ein Grund, jetzt nach Gold zu schürfen.

Foto © www.flickr.com Lisa NorwoodLas Vegas
Ich bin wieder einmal falsch abgebogen. Das habe ich davon:
Kaum ist man ein paar Jahre nicht in der Stadt, kennt man sich
schon nicht mehr aus. Wo ich früher immer das Auto geparkt habe,
klafft ein Riesenloch von einer Baugrube, mein Lieblings-Steakhaus
ging in einem Mega-Casino auf, und wo ich zuletzt ein günstiges
Hotelzimmer fand, steht jetzt der Dogenpalast.
Größenwahn. Willkommen in Las Vegas, der Hochburg der Träume und Illusionen, dem Mekka der Imitate und Inszenierung, der Metropole der abgehobenen Phantasien und durchgeknallten Architektur, der Stadt der Zocker und kurzen Ehen. Willkommen in der Pseudo-Plastikwelt, in der im Kampf um die Gunst des Publikums offenbar die letzten Sicherungen durchgebrannt sind. Verkörperte
das bunt-bizarre Legoland lange bloß den amerikanischen Traum,
werden im Babylon der Geldgesellschaft längst andere Dimensionen
abgesteckt. Gigantonomie und notorischer Größenwahn
gelten als neuer Maßstab in der Hauptstadt der grenzenlosen
Unmöglichkeiten.
Disneyland. So ist vor allem der berühmte
Strip, die pulsierende und neonleuchtende Halsschlagader im
Glitzer-Paradies, zu einem überdimensionalen Disneyland gewachsen,
mit über 140.000 Gästebetten, verteilt auf kitschige Paläste,
Burgen und Casinos, für deren Begehung Laufschuhe und
Wanderkarten empfehlenswert sind. Mit der Hotel-Pyramide Luxor,
der Ritterfestung Excalibur, dem Treasure Island oder dem Venetien haben die Konzerne das Thema Erlebnis-Hotellerie neu
definiert. Die baulichen Eskapaden passierten freilich erst so
richtig, als man im Wüsten-Dorado daran ging, das Kopieren von
weltweiten Sehenswürdigkeiten zur Kunstform zu erheben. Was
für den Amerikaner den Vorteil hat, nie nach Ägypten, Venedig
oder Paris zu müssen. Eiffelturm, Sphinx und Canale Grande in
zwei Stunden – und zum Drüberstreuen noch schnell ein Cappuccino
am Comer See, kompakter und kranker geht es nicht.
Der neue Luxus. Elegant von den Pauschaltouristen
grenzen sich die neuen prunkvollen Luxus-Kästen ab,
die vom Herrscher von Las Vegas, Steve Wynn, hochgezogen
wurden. Der 65-jährige Schwarzenegger-Freund, der schon das
Mirage und Bellagio schuf, baute sich für drei Milliarden Dollar
mit dem "Wynn" sein eigenes Denkmal. Der 50-stöckige Glas-Palast ist das "Burj al Arab" von Las Vegas: mit 2176 Suiten, 18 Restaurants, Shops von Gucci bis Hermes, Kunstgalerie, Musicaltheater, Golfplatz und Ferrari-Händler. In direkter Nachbarschaft steht Wynns nächster Edel-Schuppen ("Encore") vor
dem Aufsperren, dahinter ist das erste Hotel von Donald Trump
bezugsbereit. Bis 2011 entstehen 40.000 neue Zimmer – für ein Volumen von 30 Milliarden Dollar.
Aufgekocht. Mit den neuen Luxus-Tempeln siedelte sich auch die internationale Koch-Elite in der Wüste an. Von Nobu über Ducasse bis Robuchon sind alle Edel-Garer dieser Welt vertreten, mit dem Steakhouse "Cut" hat kürzlich Wolfgang Puck sein sechstes Restaurant in Vegas gestartet. Die Stadt ist ein Paradies für betuchte Feinschmecker, daneben lässt sich beim "All-you-can-eat"-Buffet für 9.99 Dollar der Kalorienbedarf für eine Woche decken.
Einbruch. Im letzten Jahr strömten über 40 Millionen Touristen in die zurzeit am schnellsten wachsende Stadt der
USA, in die täglich 4000 Menschen zuwandern. Und doch hat jetzt auch Las Vegas die Konjunkturkrise erreicht und zaubert Sorgenfalten
in die Gesichter der Hotel-Betreiber und Casino-Entwickler.
Seit Jahresbeginn gehen die Einnahmen aus dem Glücksspiel
ebenso zurück wie die Besucherzahlen. Die Papiere der
Casino-Gesellschaften, die auch die Konkurrenz aus China spüren,
sind im Sinkflug, Hotels entlassen Mitarbeiter, Bauprojekte
werden aufgeschoben.
Schlechte Karten. Bei den Zockern sitzt das Geld
nicht mehr so locker wie früher. Statt vier spielen sie durchschnittlich nur noch zwei Stunden am Tag. Kaum noch 40 Prozent
der Einnahmen werden bei Black Jack & Co erwirtschaftet, den Großteil liefern schon die Kongresse, Restaurants, Shops,
Shows und Clubs ab. Jetzt sollen die Angebote für die Spaßgesellschaft weiter ausgebaut werden.
Schnäppchen-Zeit. Vorläufig aber ist einmal Schnäppchen-Zeit in Vegas. Um der Krise entgegenzuwirken, ist in den Hotels Ausverkauf angesagt: Unter der Woche lässt es sich
schon ab 50 Dollar pro Nacht in den besten Häusern
wohnen, die Shows verschleudern Karten oft zum halben
Preis. Und die sind vom Feinsten: Gerade erst haben Bette Midler und Elton John die Stadt verlassen, jetzt ist Cher da. Dazu laufen Renner wie Cirque du Soleil, Mamma Mia oder Stomp. Für die Touristen aus dem Euro-Raum ist die anhaltende Schwäche des Dollars in diesen Tagen ein weiterer Anreiz, um den Flieger Richtung Westküste und Nevada zu besteigen. Wir lernen: Las Vegas muss man nicht gesehen haben. Aber es wäre vielleicht auch ein Fehler, nie
dort gewesen zu sein.
Wissenswert
Reisezeit: Empfehlenswert sind das Frühjahr und der Herbst, in den Sommermonaten ist es zumeist brütend heiß.
Zeitdifferenz: Neun Stunden.
Anreise: Von Frankfurt Direktflug mit der LH-Tochter Condor. Oder über Los Angeles (1 Stunde Flugzeit nach Las Vegas). Von Los Angeles erreicht man das Zockerparadies mit dem Auto komfortabel in vier Stunden.
Angebote: Große Veranstalter wie TUI haben Las Vegas im Programm. Es lassen sich Pauschalreisen, Hotels aller Kategorien aber auch alle Shows buchen. Oft zahlt es sich aber aus, kurzfristig vor Ort sein Glück zu versuchen.
Ausflüge: Mit dem Auto zum Beispiel ins Death Valley (Zabriskie Point) oder mit dem Helikopter zum Grand Canyon.
















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