Ratgeber"Benzos": So süchtig machen Beruhigungsmittel

140.000 Österreicher sind süchtig nach Bezodiazepinen: Die Beruhigungsmittel dürfen nur sehr vorsichtig eingesetzt werden.

Benzodiazepine
Benzodiazepine © dante1969 - stock.adobe.com
 

Die Rolling Stones besangen sie als „Mother's Little Helper“, sie beruhigen, helfen beim Schlafen - und sind zu einem stillen Suchtproblem geworden: 140.000 Österreicher sind abhängig von Benzodiazepinen.

1. 140.000 Österreicher sind nach Schätzungen abhängig von Benzodiazepinen: Was sind das für Medikamente?

„Benzos“, wie sie auch genannt werden, sind eine Gruppe von Medikamenten, die eine ähnliche Wirkung haben: Sie wirken beruhigend, angstlösend, muskelentspannend und helfen beim Schlafen. Deshalb werden sie auch mit dem Begriff „Tranquilizer“, also Beruhigungsmittel, zusammengefasst. „Eines der großen Probleme mit diesen Medikamenten ist, dass sie nur die Symptome mildern, aber nichts an der Ursache der Ängste oder Schlafstörungen ändern“, sagt Hans Haltmayer, Beauftragter der Stadt Wien für Sucht- und Drogenfragen. Aus dieser rein oberflächlichen Wirkung entsteht auch das zweite Problem: Benzos machen sehr schnell abhängig.

Nehme ich "Benzos"?

Beispiele für Medikamente, die zu den Benzodiazepinen zählen: Xanor, Lexotanil, Psychopax, Rohypnol, Halcion, Gewacalm.

Der Ratgeber „Empfehlung zur ärztlichen Verordnung von Benzodiazepinen“ wurde von Ärzten und Experten der Wiener Suchthilfe entwickelt. Das Ziel: eine Orientierungshilfe für den fachgerechten Einsatz von Benzodiazepinen zu bieten.

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2. Wer ist vor allem von einer solchen Abhängigkeit betroffen?

Laut Haltmayer gibt es zwei Gruppen von Abhängigen: Einerseits jene, die die Beruhigungsmittel in der immer gleichen Dosis zu sich nehmen und ohne sie nicht mehr funktionieren. „Diese Menschen wirken im Alltag sehr ruhig und angepasst“, sagt Haltmayer. „Doch im Moment, in dem sie die Medikamente absetzen, bekommen sie schwere Schlafstörungen, extreme innere Unruhe und Angst bis hin zur Panik.“ Besonders oft sind es Frauen und ältere Menschen, die aufgrund von Schlafstörungen oder Angstzuständen Benzodiazepine einnehmen - und dann nicht mehr ohne sie können. Die zweite, viel kleinere Gruppe sind Menschen mit einer Hochdosis-Abhängigkeit, die auch oft von anderen Suchtmitteln abhängig sind und eine immer höhere Dosis brauchen.

Die Patienten sind wie in Watte gepackt, sie spüren sich und andere emotional wenig.

Hans Haltmayer, Sucht-Experte

3. Wie kann man verhindern, dass Menschen in eine solche Abhängigkeit schlittern?

„Eigentlich sollten Benzodiazepine vor allem in der Notfallmedizin und bei epileptischen und psychiatrischen Notfällen eingesetzt werden“, sagt Haltmayer. Sie sind zum Beispiel dazu da, um Menschen vor einer Operation oder bei akuten Panikattacken zu beruhigen. Das Wichtigste sei, Benzos immer nur für einen sehr kurzen Zeitraum (maximal acht Wochen!) einzusetzen - und nur für die richtigen Beschwerdebilder. Denn eigentlich sind Benzos nicht dafür vorgesehen, Schlafstörungen oder Angstzustände zu behandeln.

Wann droht die Abhängigkeit?

8 Wochen: Länger sollten Benzodiazepine nicht verordnet und eingenommen werden, denn sonst besteht Suchtgefahr.

4. Warum werden Benzos dann so falsch eingesetzt?

Das liegt an Patienten, die rasch Linderung fordern, und an Ärzten, die die Suchtgefahren nicht kennen oder ihren Patienten auf einfachem Wege helfen wollen. „Hinter Schlaf- oder Angststörungen stecken oft psychische Erkrankungen wie eine Depression, für die es ein umfangreiches Therapiekonzept braucht“, sagt Haltmayer. Die Beruhigungspille, die auch noch gut wirkt, ist da die viel einfachere Alternative - doch mit gravierenden Folgen. Denn Benzos machen nicht nur schnell abhängig, sie haben auch massive Nebenwirkungen. „Die Patienten sind wie in Watte gepackt, sie spüren sich und andere emotional wenig und die Interaktion mit anderen ist beeinträchtigt“, sagt Haltmayer. Auch leidet das Kurzzeitgedächtnis stark unter den Medikamenten.

5. Wie kann der Entzug funktionieren?

Es gibt die Möglichkeit des stationären Entzugs im Krankenhaus, der drei bis sechs Wochen dauert - und laut Haltmayer mit einer hohen Rückfallgefahr verbunden ist. Oder man reduziert die Dosis sehr langsam immer weiter, was Monate bis Jahre dauern kann.

Kommentare (3)

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selbstdenker70
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2
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...

Wer jemals, in einer akuten Stresssituatione oder bei einer starken Panikattack, eine genommen hat, versteht warum man davon süchtig wird...

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susanne hutter
0
7
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benzo ab hängigkeit

ich war vor ca. 20 jahren wegen schwerer panikattacken und Angststörungen in einem wiener Krankenhaus, und wurde 5 Wochen lang mit benzos und anderen Antidepressiva behandelt. nach 5 Wochen wurde ich entlassen, mit einem haufen Rezepten im Gepäck.
also nahm ich weiter diese Tabletten (es war anxiolyt) sowie die ebenfalls verordneten Antidepressiva. ich war damit glaubte ich, gut versorgt, ans aufhören dachte weder ich noch der mir die Tabletten verschriebene Arzt.
als ich selbst einen versuch unternahm, zu reduzieren, bekam ich einen extremen angstanfall und musste den psychiatrischen Notdienst in Anspruch nehmen, der dort anwesende Arzt hat die Situation richtig eingeschätzt und mich zum entzug an die baumgartner höhe verwiesen. nach sechs Wochen, die ein Horrer waren,m it Halluzinationen etc. konnte ich mit einigen anderen Antidepressiva die entzugsklinik verlassen. ich bin dem Arzt, der mich durch den entzug begleitete, meinleben lang dankbar, und bin heute nach fast 25 jahren clean und ohne Tabletten.

das Fazit ist, daß der Arzt, der seinerzeit die benzos uneingeschränkt verordnet hat, meinte, nachde ich ihm vom entzug erzählte, daß dies halt immer wieder vorkommen kann.
vorkommen sollte jedoch nicht, daß man als Arzt die süchtigmachenden Tabletten Wochen, ja monatelang verordnet hat.

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büffel
0
8
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Ärzten kritisch gegenübertreten....

Ich war selbst massiv abhängig von Rivotril in hoher Dosierung, danach Valium in "überschaubarem Rahmen".
Begonnen hat dies mit einer schweren psychischen Erkrankung, welche u.a. mit eben Rivotril stabilisiert wurde.
Doch anstatt dieses nach einigen Wochen abzusetzen und verstärkt auf Psychotherapie zu setzen, verschrieb mir mein damaliger Psychiater (in Wien), ein oft erwähnter "Experte" in solchen Belangen, immer mehr von diesen Weichmachern bzw. stimmte ohne zu zögern zu, wenn ich mal selbst die Dosis von mir aus erhöhte.
Am Ende war ich auf 1.5Streifen/d(!!), wobei ich die wahre Dosierung verschwieg.
Ein Rettungseinsatz war die Folge, da mein Kreislauf verständlicherweise nicht mehr mitspielte. Ich schlief über Jahre 16-20 Stunden pro Tag.

Um ein bißchen abzukürzen:
Heute lebe ich auch Jahre nach einem Entzug benzofrei. Verlaßt Euch nicht darauf, was Ihr von den Ärzten gesagt und verschrieben bekommt, sondern hinterfragt immer kritisch!

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