Angehörige berichten"Er ist nicht mehr der, den ich kannte"

Wie leben mit Alzheimer? Ehefrau und Tochter eines Betroffenen erzählen von der Demut des Augenblicks.

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Die Diagnose ihres Mannes bekam Irmgard K. zugeraunt: "Es wird ja wohl Alzheimer sein", sagte der Arzt zu ihr, quasi im Hinausgehen. Ein Wort, das alles veränderte. Eine Erklärung, für das, was die Ehefrau schon früher bemerkte: "Er war nicht mehr der, den ich kannte."

Begonnen hatte es mit Unkonzentriertheit und dem Nachlassen des Orientierungssinns: "Wir wollten in den Süden, aber mein Mann fuhr zur Autobahnauffahrt Richtung Westen", erinnert sich K. Als die Diagnose feststand, war ihr Mann 62 - und Ehefrau und Tochter wollten es nicht wahrhaben. "Ich habe nur von Horrorszenarien gelesen", sagt Tochter Claudia, "und verzweifelt eine andere Erklärung gesucht. Denn bei Alzheimer, da gibt es einfach nichts mehr." Seither versuchen Ehefrau und Tochter aber, für den Partner und Vater aus dem Nichts ein Leben zu machen.

Das enge Umfeld weiß es, und der Rest hat sich eh verabschiedet.

Irmgard K., Angehörige

Es ist jetzt so

Dazu mussten sie selbst akzeptieren: Es ist jetzt so. Und dann den noch schwierigeren Schritt gehen und anderen davon erzählen. "Es gab viele peinliche Situationen", sagt sich Claudia, in denen der Papa, der früher so stark, so autoritär war, aus fremden Gläsern trank oder seinen Platz am Tisch nicht mehr fand. "Das enge Umfeld weiß es", sagt Ehefrau Irmgard, "und der Rest hat sich eh verabschiedet."

Auch Psychiaterin Brigitte Fuchs-Nieder weiß, dass die Diagnose Alzheimer oft mit sozialer Vereinsamung einhergeht. "Die Krankheit macht Angst, Angst, es könnte einen selbst treffen", sagt sie.

Für Ehefrau Irmgard war es aber nie eine Frage, ob sie ihren Mann zu Hause pflegt. "Er war immer für uns da, das möchte ich ihm jetzt zurückgeben." Natürlich gebe es den Gedanken "ich kann nicht mehr" - und deshalb sei es für Angehörige auch so wichtig, sich Auszeiten zu gönnen, wie Fuchs-Nieder unterstreicht: "Es ist unglaublich, was da geleistet wird."

Verlust der Würde

Heute kann Irmgard K. ihren Mann keine zehn Minuten alleine lassen. Denn heute findet er, der früher beruflich ständig unterwegs war, sich kaum im eigenen Haus zurecht. Er kann nicht mehr essen, weiß nicht, wie man sich auf einen Stuhl setzt, aus einem Glas trinkt oder die Schuhe anzieht. "Der Mensch verliert alle Würde", sagt Irmgard K., "die Krankheit ist furchtbar." So sei ihr letzter Gedanke vor dem Schlafengehen oft: Vielleicht ist es morgen ja besser.

"Der Mensch bleibt trotzdem da, in manchen Momenten ist er ganz klar, man weiß aber nicht wann", erinnert Psychiaterin Fuchs-Nieder. Daher dürfe man Betroffene nicht zu Kleinkindern machen. Auch wenn Irmgard K. ihren Mann betreuen muss wie ein Kind.

"Man weiß nie, was der Tag bringt", beschreibt Tochter Claudia eine der größten Herausforderungen. Denn wenn der Vater nicht will, dann will er nicht. Und er kann böse werden. Und depressiv. "Ab und zu merkt er, was mit ihm passiert", sagt Tochter Claudia. Und das sind die schlimmsten Phasen, sagt Irmgard, die traurigen. Denn emotional, so pflichtet auch die Psychiaterin bei, sind Alzheimer-Betroffene immer erreichbar.

Das Schlimmste ist, dass ich den Partner verliere, mit dem ich 40 Jahre verheiratet war.

Irmgard K., Angehörige

Gemeinsam lachen

Und dennoch können sie und ihre Tochter noch gemeinsam lachen. Wenn sich der Papa beim Spazierengehen lieber zu anderen Leuten gesellt oder von fremden Tellern isst. "Es gibt auch schöne Momente", sagt Irmgard K. und erinnert sich an den Geburtstag ihres Mannes, als er ihren Neffen freudestrahlend und mit seinem Namen begrüßte. "Man wird demütig", fügt sie an.

Und dann sagt Irmgard K., quasi im Hinausgehen, noch: "Das Schlimmste ist, dass ich den Partner verliere, mit dem ich 40 Jahre verheiratet war."

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Danke für Ihr Verständnis.

Aurelia22
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Es ist sehr schwer...

für die Angehörigen. Mein Vater hatte Demenz, er ging Barfuß in den Schnee in Unterhosen z.b: er tank seine Urinflasche leer. Niemand von uns hat es geschafft sie ihn wegzunehmen. er war sehr stark. Es war eine sehr harte Zeit, zu sehen zu müssen und nicht helfen können war der größte Schmerz. Er kannte niemand mehr, sprach nur mehr mit seinen Kriegskameraden. Wickeln und füttern wie ein Baby und die Gesellschaft meidet einen wie die Pest.

Antworten

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