Kärnten

Sie geben dem Alltag von Autisten Struktur

Am 2. April ist Welt-Autismus-Tag. In Kärnten betreut die Diakonie de La Tour Erwachsene, die „Sonnenblau-Praxis“ steht betroffenen Kindern offen.

Sylvia Röckel leitet die Tagesstätte in Treffen © Daniel Raunig
 

Er ist ein Computer-Spezialist, kann Muster in Quellcodes in Sekundenschnelle lesen. Aber wenn kein Plan in der Dusche hängt, auf dem aufgezeichnet ist, welche Körperteile zu waschen sind, vergisst er darauf. So beschreibt Sylvia Röckel einen Menschen mit Asperger-Syndrom. Röckel ist die Leiterin der neuen Tagesstruktur für Menschen im Autismus-Spektrum in Waiern der Diakonie de La Tour. Die Weltgesundheitsorganisation klassifiziert Autismus als eine „tief greifende Entwicklungsstörung, die sich schon im frühen Kindesalter bemerkbar macht“. Röckel: „Speziell Asperger-Autisten hören aber nicht gern, dass es eine Störung ist, sie bevorzugen neuro-atypisch.“ Nicht-Autisten sind „neuro-typisch“.

Damit wird schnell klar, dass es Vorteile und Nachteile hat, Asperger zu haben. Ein Vorteil: „Sie haben eine enorm hohe Detailwahrnehmung“, sagt Röckel. Das macht sie für Computerfirmen wie „Auticon“ in Deutschland zu begehrten Mitarbeitern. „Aber wenn Sie diesen Menschen dann fragen, ob er ein Brett vor dem Kopf hat, kann es sein, dass er in den Spiegel nachschauen geht, ob da ein Brett vor seinem Kopf ist“, sagt Röckel. Sarkasmus, Zweideutigkeiten und Wortbilder sind ihnen fremd.

Breites Spektrum

Schwerer beeinträchtigt sind die Klienten, mit denen Röckel in der Diakonie arbeitet: „Der ganze Tag wird durchstrukturiert. Die Sitzplätze am Esstisch sind mit Fotos markiert, die Menschen finden sonst ihren Platz nicht.“ – Und zwar täglich aufs Neue.

Die Vorlage zum Tisch decken - sonst landet das Besteck irgendwo Foto © Daniel Raunig

Auch ohne Sprache muss der Ablauf funktionieren: Zeigt Röckel auf die Schuhe des Klienten, weiß er, dass er nun spazieren gehen wird. Drei Einrichtungen für Erwachsene im Autismus-Spektrum beherbergt die Diakonie, eine in Waiern, eine in Treffen und das Haus Köraus, das in Waiern als Wohnhaus dient. Röckel: „Im Köraus begleiten wir in zwei Wohngruppen 16 erwachsene Menschen, die zum größten Teil autistische Symptome zeigen und häufig auch nicht über aktive Sprache verfügen.“ Die Zauberformel in der Begleitung lautet: Klarheit und Struktur, Orientierung und Halt in einer chaotischen Wahrnehmung. 

Unterschiedliche Universen

Röckel taucht jeden Tag ein in diese unterschiedlichen Universen – was übrigens auch Spaß machen kann: „Wenn ein Klient fasziniert ist von Seifenblasen – das ist etwas, das wir verloren haben.“ Röckel hält eine Beratungsstelle in Kärnten für dringend nötig, sie nennt eine Schätzung, dass auf 100 Menschen fünf bis maximal zehn mit der Diagnose Autismus kämen.

Und kann der Computer-Spezialist den Duschplan irgendwann auch abhängen? Röckel: „Manchmal werden die Abläufe zur Routine, dann ja. Manchmal muss der Plan für immer da hängen.

Interview mit Christin Einsiedler, sie führt mit Silke Saurer die „Sonnenblau“-Praxis für Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störungen in Klagenfurt:

Christin Einsiedler (links) und Silke Saurer Foto © Privat

1. Woran erkennt man, dass (s)ein Kind autistisch ist?
CHRISTIN EINSIEDLER: Beim frühkindlichen Autismus geht man davon aus, dass das Kind von Anfang an auffällig ist. Viele Eltern berichten, dass die Kinder bereits als Säuglinge nicht gerne aufgenommen werden, keinen Blickkontakt aufnehmen. Frühkindlicher Autismus ist außerdem mit einer Sprachentwicklungsverzögerung verbunden. Autistische Störungen können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein, daher verwendet man den Begriff „Autismus-Spektrum-Störung“.

2. Wie können Sie Kindern und Eltern helfen?
EINSIEDLER: Gerade beim Autismus braucht es eine spezifische Förderung und die Eltern haben meist schon einen langen Weg hinter sich und sind froh, eine adäquate Förderung für ihr Kind zu erhalten. Kommunikation und soziale Interaktion können bis zu einem gewissen Grad auch gelernt werden. Wichtig ist die kontinuierliche Förderung. Nimmt man Rücksicht auf ihre spezielle Form der Wahrnehmung, können autistische Kinder viel erreichen, werden selbstständiger. Je intensiver und kontinuierlicher die Förderung, desto besser sind die Prognosen für später. Wir bieten auch Intensiv-Förderwochen für Familien an, denen es nicht möglich ist, wöchentliche Förderung und Beratung in Klagenfurt in Anspruch zu nehmen, wenn etwa ihr Wohnort zu weit entfernt ist.

3. Wie begrüßen Sie ein Kind mit einer Autismus-Spektrum-Störung in Ihrer Praxis?
EINSIEDLER: Ich verwende eine klare Sprache, keine Füllwörter und schaue, dass das Kind mich ansieht, fordere den Blickkontakt ein, indem ich sage, „Schau mich an.“ Small-Talk gibt es keinen.

MICHAELA PRAPROTNIG