Morbus Parkinson

Tiefe Hirnstimulation: Wenn das mentale Postamt nicht arbeitet

François Alesch, Neurochirurg am AKH in Wien, erklärte in seinem Vortrag am LKH Villach die Möglichkeiten der Operation für Parkinsonkranke und warum er selbst nicht mehr am wachen Patienten operiert.

© freshidea - Fotolia
 

Parkinsonpatienten eine bessere Lebensqualität geben, ihre Selbstständigkeit verbessern und ihnen dabei helfen, Beruf und soziales Umfeld zu erhalten – dies sind Ziele, die Neurologen und Neurochirurgen mit Therapien erreichen wollen. Zittern, ein verlangsamter Gang, steife Muskeln, auftretende Bewegungslosigkeit und verminderte Mimik sind einige der Anzeichen dieser Krankheit, an der in Österreich 30.000 Menschen leiden.

Bei ihnen sterben jene Zellen ab, die den Botenstoff Dopamin bilden, der für Bewegungsabläufe des Körpers essentiell ist. Warum diese Zellen sterben, ist noch weitgehend unbekannt, dafür wurden in den letzten Jahrzehnten die Möglichkeiten, Parkinsonpatienten zu behandeln, entscheidend weiterentwickelt. Eine dieser Möglichkeiten ist die „tiefe Hirnstimulation“, eine operative Methode, die François Alesch, Facharzt für Neurochirurgie am AKH Wien, am Dienstag im Landeskrankenhaus Villach vorstellte.

Das mentale Postamt

Am Beginn seines Vortrages stand ein Geburtstag. Vor 25 Jahren unterzog sich die erste Patientin in Wien der tiefen Hirnstimulation. Schon damals wusste man, wie Alesch erklärt, dass das Hirn im vereinfachten Sinn „wie ein Postamt funktioniert. Informationen werden von dort an die verschiedenen Teile des Körpers weitergeleitet.“ Wenn diese Weiterleitung gestört ist, kommt es zu Problemen. Der große Unterschied zu heute sei, „dass man zwar viel wusste, aber weder die bildgebenden noch die operativen Möglichkeiten hatte, Regionen des Hirns mit Strom zu stimulieren.“ Auch wurden in dieser Zeit große Fortschritte in der medikamentösen Behandlung von Parkinson erzielt, wodurch Operationen in den Hintergrund traten.

Ruth-Emily Eckrieder
François Alesch bei seinem Vortrag in VillachFoto © Ruth-Emily Eckrieder

Alesch spricht aber nicht davon, Medikamente mit der tiefen Hirnstimulation ersetzen zu wollen. Diese würden sehr gut funktionieren, gerade am Anfang. Es gibt den Begriff „Honeymoon“, auf deutsch Flitterwochen, für die erste Euphorie nach sprunghaften Verbesserungen, die durch Medikamente erreicht werden können. Diese Flitterwochen für das Hirn halten jedoch nicht an, wie Alesch sagt: „Mit der Zeit müssen viele Patienten immer mehr Medikamente nehmen, diese wirken nicht mehr den ganzen Tag über. Nebenwirkungen wie Überbewegungen und auch psychische Probleme nehmen zu“.

Die tiefe Hirnstimulation könne dagegen Symptome dauerhaft unterdrücken und stabile Ergebnisse liefern.
Bei der Operation werden Elektroden auf beiden Seiten des Gehirns eingesetzt. Auf einen Millimeter genau könne man laut Alesch den Punkt festmachen, an dem diese platziert werden, um den richtigen Schaltkreis des Hirns zu stimulieren.

"Das möchte ich auch machen"

Lange wurde die Operation nur am wachen Patienten durchgeführt. Der Grund war laut Alesch, dass man glaubte, man brauche die Reaktion des Patienten, um zu wissen, dass die Elektroden richtig sitzen. „Stundenlang mussten Patienten am OP-Tisch liegen“, erzählt Alesch: „Sie wurden während man an ihrem Hirn operierte gefragt, wie es ihnen geht und was sie fühlen“. Das Problem dabei: „Diese Personen waren verwirrt, hatten Angst, wussten gar nicht, was sie fühlen und wie es ihnen gehen soll. Außerdem wollten Patienten irgendwann nur mehr, dass der Eingriff vorbei ist. Die Antworten waren deshalb nicht so nützlich, wie gedacht“.


Das erste Mal eine tiefe Hirnstimulation unter Vollnarkose hatte Alesch in Paris gesehen und daraufhin beschlossen: „Das möchte ich auch machen“. Doch ein Jahr lang habe er überhaupt niemanden gefunden, der bereit war, die Operation bei Vollnarkose zu machen, „eben weil ich selbst früher so überzeugt von der Wachoperation erzählt habe. Ein selbst ernannter Angsthase erklärte sich dann aber dazu bereit, einfach weil er sich die Wachoperation nicht zugetraut hätte. Seitdem habe ich nie mehr am wachen Patienten operiert.“

 

Die Operation heilt Parkinson nicht, aber sie nimmt die Symptome. 

François Alesch

Die Vorteile der Operation unter Vollnarkose seien nicht nur die geringere Belastung für den Patienten, auch die Altersgrenze für die Operation sei gefallen und Vitalzeichen, wie ein hoher Blutdruck, besser kontrollierbar. Heilen kann die Operation Parkinson jedoch nicht, wie Alesch betont: „sie nimmt nur die Symptome“. Auch ist nicht jeder Patient für den Eingriff geeignet. Faktoren, wie psychische Vorerkrankungen, das Ansprechen auf Medikamente und mögliche Demenzerkrankungen spielen unter anderem eine Rolle. Dafür können, so Alesch, mit der Operation Ergebnisse erzielt werden, die das Leben von Parkinsonpatienten einschneidend zum Positiven verändern.

Und auch andere Disziplinen der Medizin entdecken das Verfahren für sich. So laufen gerade Tests dafür, die tiefe Hirnstimulation auch bei Depressionen, Epilepsieerkrankungen und Zwangsstörungen einzusetzen.

RUTH-EMILY ECKRIEDER

 

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