DAS NEUE GRAZ

Eine Art Liebeserklärung



Thomas Bernhard, dieser grandiose Derwisch des Ungeliebten, hat Graz angeblich nie gemocht. Es ist ihm, vermuten wir, zu wenig Lebenszeit geblieben, um die steirische Kapitale in seine Arme zu schließen. Denn Bernhard, so können wir bei ihm nachlesen, mag jene Städte, die sich ihm nicht aufdrängen, nicht an den Hals werfen. Jene Städte also, die im Selbstbewusstsein groß sind – und dennoch in der Anmutung klein.

Bernhard, behaupten wir, hätte Graz geliebt, wenn er es so erlebt hätte, wie es jetzt ist. Und jetzt sind wir bei diesem Magazin, das in Ihren Händen liegt. Didi Hubmann und sein Team haben versucht, die DNA dieser Stadt herauszuschälen. Die DNA einer Stadt, die schwer fassbar ist, aber unfassbar vielfältig. Wie tickt das moderne Graz, das nicht klein ist, aber auch nicht groß und das sich nicht entscheiden wollte, ob man zum Norden oder Süden gehört? Wie genau ist diese Zwischengröße definiert? Ist es nicht die Stärke dieser Stadt, dass sie ein Zwischending ist aus nah und fern, Provinz und Metropole, Gemütlichkeit und Intellektualität? Aber hallo, Herr Bernhard, wir haben hier beides: den steirischen herbst und das Aufsteirern! Und halten beides aus!

Wie misst sich der Puls dieser Stadt? Welche Schwingung hat sie, welche Ebenen, Schichten, welche Gründe – und auch Untergründe? Wie alt ist diese Stadt, wie jung? Wie innovativ, wie charmant retro? Aus all diesen Fragen entstehen Reibungsflächen, die wir im Heft lustvoll aufgreifen. Kurz: Wir reiben uns an dieser Stadt, aus Verbundenheit; wir decken Unfertiges ebenso auf wie das vollendet Schöne. Wir schauen hin, wo das Neue, Kreative wuchert, aber wir blenden das Hemmende nicht aus. Wie hat es doch Michael Ostrowski, Sohn der Stadt, so schön gesagt im Doppelinterview mit dem querköpfigen Kunstsammler und Hotelier Helmut Marko: „Graz ist schön, weil es auch schiach sein darf.“
Vielleicht ist das der Leitsatz dieses Magazins. Eine Stadt ist im Grunde wie ein Mensch. Man muss seine schönen Seiten lieben – und seine weniger anmutigen Seiten hinnehmen. Die schönen überwiegen, und wie!
Der Mensch und seine Stadt, das ist eine Beziehung. Mit allen Auf und Abs. Mit allen Sonnen- und Schattenseiten. Aber am Ende des Tages – und auch am Ende dieses Magazins – steht folgender Befund, der eine Art Liebeserklärung ist:
In Graz muss man schon gewesen sein,
Herr Bernhard.

Ihr
Hubert Patterer, Chefredakteur
E-Mail:redaktion@kleinezeitung.at




DAS KERNTEAM DIESER STADTAUSGABE



Der Stadtdirektor: Didi Hubmann.
Stadtplaner & Designer: Erich Repe, Robert Szekely.
Das Auge der Stadt: Jürgen Fuchs.
Service-Direktorin: Barbara Loidolt-Dolezel



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Warum lieben wir Graz?



AUFWÄRMRUNDE. Michael Ostrowski sorgt als Künstler für Wirbel, Helmut Marko als Hotelier. Eine kritische Liebeserklärung.



Warum haben wir uns ausgerechnet hier getroffen, meine Herren? Über den Dächern von Graz, mitten im Lendviertel? Sie beide lieben diese Gegend und wirbeln sie gehörig auf!

Warum lieben wir Graz?
MICHAEL OSTROWSKI: Ich habe hier im Hotel schon mal gewohnt, und für einen Auftritt beim Lendwirbel war ich öfter da, wir haben in dem Haus geprobt.
Kennen Sie den Lendwirbel, Herr Marko?
HELMUT MARKO: Ja, natürlich – der Lendwirbel hat nur ein paar Prozent vom Budget des Designmonats, aber er ist viel kreativer und besser.
OSTROWSKI: Der Lendwirbel war auch ein Grund, warum die Stadt so lebenswert geblieben ist in den letzten Jahren. Ich habe in der Zeillergasse gewohnt, sechs Jahre lang, und das Theater am Bahnhof ist auch hier ums Eck gewesen. Das war etwas völlig anderes. Ich finde es schön, wie sich diese Gegend entwickelt hat. Und in diesem Gebäude, bevor es noch ein Hotel geworden ist, war ich proben. Als ich beim „Schlagergarten Gloria“ moderiert habe, da hat man hier ein Zimmer im Hotel als Gage angeboten. Aber es war so, ich bin hergekommen und habe gleich gesagt, Ich weiß nicht, ob ich heute überhaupt hier schlafen werde. So ist es dann auch gekommen. Und wenn du es genau wissen willst: Schlafen gehen hat sich nicht ausgezahlt.

Wie viel Zweifel braucht Graz?



PORTRÄT. Wer seine Heimat liebt, darf zu ihr auch ehrlich auch. Künstler Nikolaus Habjan über sein Graz.



Anders, einfach anders ist er. Aber wer ist dieser in Graz geborene Nikolaus Habjan? Wie hat ihn die Stadt geprägt? Wie konnte er als Puppenspieler, Regisseur und Kunstpfeifer eine internationale Karriere starten? Welches kreative Biotop hatte er, dass selbst das deutsche Feuilleton ihn heute feiert und erklärt, er mische die Hochkultur Österreichs auf? Was man von ihm weiß: Seine Klappmaulpuppen sind seine Spielpartner. Mit ihnen arbeitete er auch das Schicksal von Friedrich Zawrel auf, der am Spiegelgrund war – in jener „Kinderfachabteilung“ des Deutschen Reiches, in der Euthanasiemorde an kranken und behinderten Kindern begangen wurden. Er inszenierte einen „Faust“, der Kinder fasziniert, weil er das Stück auf das 14-jährige Gretchen fokussiert. Bei seiner Regie zu „Nathan der Weise“ dürfen seine Puppen mit Schauspielern interagieren – Elfriede Jelinek lässt von Habjan und ihrer Alter-Ego-Puppe sogar den Nestroy-Preis abholen. Hier erzählt Habjan, wie es dazu gekommen ist – und welche Rolle Graz dabei spielt:

 
Angefangen hat alles mit der Oper „Die Zauberflöte“, da war ich vier Jahre alt. Meine Kindergartentante Gabi hat zu meiner Mutter gesagt: Sie sollten mit Ihrem Sohn in die Oper gehen, er ist da irgendwie fixiert. Ich hatte im Fernsehen eine Kinder-Zauberflöte gesehen. Das war dann so, wie nur Kinder sich begeis­tern können und nur mehr das eine wollen. Für mich gab es nur Zauberflöte, Zauberflöte, Oper, Oper. Ich durfte dann mit meiner Mutter in die Oper. Zwei Damen sind neben mir gesessen, und weil ich meiner Mutter etwas zuflüsterte, haben sie sich aufgeregt. Worauf ich dann zu meiner Mutter gesagt habe: In Salzburg kommt die Königin der Nacht, aber von der anderen Seite.


Protokolliert von Didi Hubmann

Eine Stadt mit Ausblick?



KARRIERE. Berlin? Langweilig! USA? Kein Vergleich. Drei internationale Studierende erklären sich – und Graz.






Regen? Der Himmel trägt dunkle Hämatome, die Wolkendecke droht an diesem Herbstnachmittag Graz und seine Bewohner zu erdrücken. Fast möchte man in Deckung gehen. Drei ausländische Studierende, die seit einiger Zeit in Graz leben, begeben sich dennoch auf Spurensuche. Was hält die Stadt im Innersten zusammen? Wie weit sind ihre Aussichten?

Text: Julian Melichar, Foto: Elisa Wüntscher

Was macht Graz sehenswert?



EINBLICKE. Graz erfindet sich neu – und wir zeigen die schönsten und modernsten Plätze der steirischen Landeshauptstadt.



Und es hat zoom gemacht. Liebe auf den ersten Blick hat Graz schon oft erlebt. Die bunte Masse an Liebesschlössern an der Erzherzog-Johann-Brücke einmal unberücksichtigt. Vielmehr geht es um die Menschen, die Graz besuchen und sich sofort in diese Stadt verlieben – in die kleinen Altstadtgassen, die Renaissance-Innenhöfe, die modernen architektonischen Schmuckstücke, die offenen Plätze mit den gemütlichen Sitzgärten. Und, überhaupt: Weltweit gehört Graz zu jenen zehn Städten, die das geringste Stresslevel haben.
Text: Michael Saria, Foto: Elisa Wüntscher

Gute Gründe für Gründer?



PIONIERE. Die Brüder Jürgen und Martin Pansy, Wegbereiter der Grazer Start-up-Szene, über Stärken, Schwächen und Perspektiven des Standorts.



Meilenstein: Als im August des Jahres 1999 die erste Kurznachricht über das damals völlig neue Internet-Portal sms.at verschickt wurde, ahnte niemand, was sich daraus entwickeln sollte. Damals war der Begriff „Start-up“ bestenfalls Insidern geläufig. Fast über Nacht wurde sms.at um die Jahrtausendwende zu einer der meistfrequentierten Seiten im Netz. sms.at wurde zu Europas erstem profitablen Internetportal für Handynutzer. Und zu einer der bekanntesten Marken des Landes. Zehn Jahre später, im Jahr 2009, wurde die Marke von 1,5 Milliarden SMS, die über das Portal gesendet wurden, geknackt. Eine Erfolgsgeschichte made in Graz. Der erste Mitarbeiter des Portals war – noch während seiner Studienzeit – Jürgen Pansy. Er wurde Miteigentümer, verkaufte das Unternehmen 2008 an die italienische Buon­giorno-Gruppe, um es 2012, gemeinsam mit seinem Bruder Martin, via Management-Buy-out wieder zurückzukaufen. sms.at wurde in den – von den Grazer „Pansy-Brüdern“ – 2014 neu aufgebauten Company-Builder „Up to Eleven“ eingebracht.
Zu den Investoren zählen neben den Pansys auch René Berger sowie der Chef des Formel-1-Teams von Mercedes, Toto Wolff. Im August 2015 wurde sms.at dann neuerlich verkauft. Die Marke wird dennoch immer mit dem Namen Pansy verknüpft bleiben. sms.at war das erste Start-up, das von Graz aus zum Höhenflug ansetzte.
Jürgen und Martin Pansy sind – nicht zuletzt aufgrund ihres reichen Erfahrungsschatzes mit Gründungen und Beteiligungen – so etwas wie die Fixsterne der Grazer Start-up-Szene. Sie kennen aus eigener Erfahrung die Rolle der Gründer ebenso wie jene der Finanzierer, der Verkäufer oder der Vermittler von Kapital und Know-how. „Das haben wir alles schon durchgemacht“, schmunzelt Jürgen Pansy.
Ihr Anspruch: Up to Eleven soll die führende Start-up-Schmiede für die Digitalwirtschaft im Süden Österreichs werden. Jährlich ein bis zwei neue Beteiligungen an hoffnungsvollen Jungunternehmen streben die Pansys mit ihrem jüngsten Vehikel dafür an, ohne sich aber als reiner Finanzinvestor zu sehen. „Wir entwickeln Unternehmen“, lassen die beiden unisono wissen. „Und nicht nur Apps“, wie die Mobilspezialisten launig ergänzen. „In zehn Jahren wird nämlich möglicherweise keiner mehr eine App verwenden.“
Text: Manfred Neuper, Markus Zottler, Fotos: Jürgen Fuchs

Wer macht Graz zur Autostadt?



VOLLGAS. Magna Steyr fährt unter Günther Apfalter wieder auf Rekordkurs. 2019 könnten in Graz erneut 250.000 Autos gebaut werden.



Die Automobilindus­trie befindet sich in einem radikalen Umbruch. Die Hersteller stehen vor gewaltigen Herausforderungen, dem technologischen und strukturellen Wandel könnten allein in Europa Zehntausende Arbeitsplätze zum Opfer fallen.
Diese Sorgen hat man bei Magna Steyr in Graz nicht. Im Gegenteil: Der Auftragsfertiger ist gerade dabei aufzubauen und stellt 3000 neue Mitarbeiter ein. Die werden zusätzlich benötigt, um die Jobs zu stemmen, die vier renommierte Autobauer in die Steiermark vergeben haben. Und sind die Vorzeichen richtig gedeutet, werden die Grazer Spezialisten ab 2019 mehr Autos denn je bauen und vermutlich die Rekordzahl von 2006 übertreffen. Diese lag bei 250.000 Stück und war dem grandiosen Markterfolg des BMW X3 zu verdanken.
Unter Günther Apfalter, der als Europa-Chef auch seit zehn Jahren an der Spitze von Magna Steyr steht, werden die Fertigungskapazitäten in Graz künftig wieder bis unter das Dach ausgeschöpft. Es sind insgesamt sechs Modelle von vier Her­stellern, die für ein volles Haus sorgen: Wird BMW neben dem bereits laufenden Job (5er-Limousine) ab dem nächsten Jahr auch den Sportwagen Z4 montieren, läuft heuer noch der Jaguar-SUV E-Pace und ab Frühjahr 2018 der Elektroflitzer I-Pace vom Band. 2019 kommt der – offiziell noch nicht bestätigte – Toyota-Sportwagen Supra dazu, der zusammen mit dem Dauerbrenner Mercedes G (von dem Magna heuer 23.500 Stück fertigt!) das Kraut fett macht.

Text: Gerhard Nöhrer

Was kann eine Minute?



ARBEITSMODELL. In Graz definiert sich ein Unternehmen über den offenen Zugang. Zu Geld. Zum Mitei­nander. Zur Stadt. Hinter den Kulissen eines Büros der anderen Art.



In einer Minute erklärt sich der Trick, aber zunächst hören wir lediglich: „Es kann schon einmal vorkommen, dass plötzlich jemand aufschreit. Oder sogar ein Schuss fällt.“ Sorgen macht sich Sabine, 25-jährige Grafikerin aus Klagenfurt deshalb aber keine.
Warum – dafür müssen Sie sich etwas mehr als eine Minute Zeit nehmen.
Wir könnten jetzt über Verkehrsmodelle reden, über Mobilitätserhebungen und Technik. Themen, die hier in dem Planungsbüro in der Elisabethinergasse Alltag sind, immerhin ist der Firmenname „Verkehrplus“ Programm. Stattdessen wollen wir mehr wissen. Zum Beispiel, wie man hier sein Gehalt in einem Rahmen bestimmen und sich die Arbeit zur Freizeit planen kann. Ohne Lotto-Sechser.

Text: Robert Preis, Fotos: Jürgen Fuchs

Hotelier oder Hühnerbauer?



PORTRÄT. Nach Hotelprojekten in Graz und Wien startet Florian Weitzer eine Geflügelfarm – um seine Häuser zu beliefern.




Es gibt für diesen Mann kein Entweder-oder – es gibt nur Sowohl-als-auch. Es gibt Ideen, die umgesetzt werden. Das ist die Welt des Florian Weitzer (44), der – so viel sei verraten – dann und wann doch zum Weder-noch greift. Er will nämlich weder Hotelier noch Bauer gerufen werden. Entrepreneur würde er durchgehen lassen. Aber im Glaskubus-Zimmer „Loft-Cube“ am Dach des Grazer Hotels Daniel neben dem Hauptbahnhof macht er klar, was er ist: „Ich bin einer, der gerne gestaltet.“
Deshalb hat er etwa dem einstigen „Grand Hotel Wiesler“ die fünf Sterne und den Luxus abmontiert und daraus das entkategorisierte, urban-flippige „Wiesler“ mit Vinyl am Zimmer und frei stehender Erker-Badewanne gemacht.

Text: Bernd Hecke, Foto: Jürgen Fuchs

Wie baut man eine Stadt neu?



ARCHITEKTUR. Graz wächst und wächst. Wie Stadtplaner und innovative Architekten wie Markus Pernthaler versuchen, das Bevölkerungswachstum für eine neue, urbane Qualität zu nutzen.



Sie ist breit geworden, die Stadt. Sehr breit. Graz hat ordentlich Speck angesetzt über die vergangenen Jahrzehnte – und alle haben zugeschaut. Zugeschaut, wie die Randbezirke in und der Speckgürtel um die steirische Landeshauptstadt gewachsen sind, frei von jeder ernst zu nehmenden Raumplanung. „Das Ausufern der Ränder hat zu jenen Problemen geführt, mit denen heute viele Städte kämpfen“, sagt Architekt Markus Pernthaler. Allen voran: Grünlandvernichtung und Verkehrschaos.
Die Antwort auf diese Probleme: Anstatt in die Breite will Stadtplanungschef Bernhard Inninger Graz künftig in die Höhe treiben, um das rasante Bevölkerungswachstum zu bewältigen. 2001 hatte Graz noch 226.000 Einwohner, 16 Jahre später sind es schon mehr als 286.000. Und die Prognose für 2034 lautet: 329.000 Einwohner.
Hoch und dicht soll es also werden, das neue Graz, und die historische Altstadt ergänzen. Wie das in der Praxis gehen kann, zeigt Architekt Pernthaler gerade beim Projekt „Smart City – Waagner-Biro“ vor. Er ist einer der wenigen Architekten, die sich nicht nur auf ein einzelnes Gebäude konzentrieren, sondern auch den Raum zwischen den Häusern mitdenken. In diesen Zwischenräumen spielt sich das soziale Leben einer Stadt ab – und sie werden zentral für das Waagner-Biro-Projekt sein, wo gerade aus rund dreizehn Hektar altem Industriegebiet direkt hinter dem Hauptbahnhof ein neuer Stadtteil wird. Am Ende werden dort rund 3000 Menschen wohnen und 1500 arbeiten.


Waagner-Biro
Die ersten Wohnungen in „Smart City – Waagner-Biro“ sollen 2018 übergeben werden. Wenn alles nach Plan läuft, ist der neue Stadtteil direkt hinter dem Grazer Hauptbahnhof 2024 fertig. Dann können hier, auf der alten, gut 13 Hektar großen Industriefläche, mehr als 3000 Menschen wohnen und rund 1500 arbeiten.
Das Herzstück des neuen Viertels ist bereits eröffnet: der 60 Meter hohe Science Tower, der neben der ­Helmut-List-Halle steht (Bild).
Insgesamt werden rund 350 Millionen Euro investiert.
Text: Gerald Winter-Pölsler, Fotos: Jürgen Fuchs

Warum belebt ein Rundgangerl das Stadtviertel?



GRÄTZELSZENE. Schräge Ideen, große Wirkung: Maria Reiner bringt mit ­kleinen Projekten Menschen in ihrem Viertel zusammen.




Einmal die Woche heißt es „Tanzen unter Pflanzen“. Dann schallen ab 8 Uhr in der Früh die Discobeats durch den Park. „Muckis für alle“ verspricht hingegen Peter Stark, selbst Footballspieler und Bodybuilder, in seinem Trainingsprogramm. Und donnerstags werden die Tischtennisschläger ausgepackt: Rundgangerl stehen auf dem Programm. Das sind nur drei von vielen schrägen Ideen, die eines gemeinsam haben: Sie sind für alle frei, kostenlos und ohne Vorkenntnisse zugänglich. Und sie finden unter freiem Himmel statt, mitten im Grazer Volksgarten, einem der wenigen Grünflächen in den Innenstadtbezirken Lend und Gries. Dort finden sich mit Abstand die höchsten Migrantenanteile der Stadt.

Text: Gerald Winter-Pölsler, Foto: Jürgen Fuchs

Kann Graz die ganz große Geste?



ESSAY. Graz kämpfte stets mit seinem Schatten dasein und schaffte es doch ans Licht.




Schwer Holz vor der Hütte hat diese Traditionsbäckerei in Graz. 1896 ließ Franz Tax den Hof-Tischlermeis­ter Anton Irschick die aufwendig geschnitzte Fassade am Haus in der Hofgasse 6 anbringen. Stolz und monarchisch prangt der Doppelkopfadler über dem Portal, hier kann die Familie Edegger-Tax echte „Kaisersemmerln“ backen. Schon 1888 war man „k. u. k. Hofbäcker“. Auch wenn der Uhrturm über der Stadt thront und auf ein spektakuläres Kunsthaus schaut, das sich im Kulturhauptstadtjahr 2003 als blaue Blase am „anderen Murufer“ aufgetan hat, ist das Bäcker-Portal eines der meistfotografierten Motive. Hier tummeln sich Japaner mit Kameras und Handys, wie man sie sonst nur in Wien, Salzburg oder vor dem Goldenen Dachl und dem Swarovski-Laden in Innsbruck sieht. Hinter dieser Holzfassade steckt die Geschichte einer Stadt, die in Österreich oft kleinere Brötchen backen musste.
Salzburg hat Wolfgang Amadeus Mozart, Wien auch, und den Kaiser, die Kaiserin und Königin, die Philharmoniker, das Burgtheater, die Staatsoper, den „Heldenplatz“ – und just dieser hat in der dramatischen Bearbeitung von Thomas Bernhard dieser Stadt jene Sätze beschert, die seither in fast allen reisejournalistischen Texten immer und immer wieder auftauchen: „In Graz leben nur Alte und Dumme hat der Professor immer gesagt in Graz ist nur der Stumpfsinn zuhause ich verstehe nicht, dass es Leute gibt die von Graz begeistert sind“. Noch öfter wiederverwertet ist der Satz, den Bernhard Frau Zittel in den Mund gelegt hat: „In Graz muss man nicht gewesen sein.“

Text: Bernd Hecke, Foto: Jürgen Fuchs

Wer trifft hier ins Schwarze?



TESTSPIEL. Ist die Sportstadt Graz reif für die höchsten Ligen – und wann sind die Sturm-Frauen mit den Männern auf Augenhöhe? Eine argumentative Trefferauswahl mit Champions-League-Heldinnen und -Helden.




Tatsache: Sie sind alle drei in einem Verein, alle drei sind Champions-­League-Helden – und haben doch noch fast nichts miteinander zu tun. Die Sturm-Stars Franco Foda, Irina Wurzinger und Emily Canci­enne über Frauen, Männer und die (Kick-)Sportstadt Graz.


Herr Foda, Sie kennen die Sportstadt Graz am längsten, seit 20 Jahren. Was hat sich getan, in der Breite, in der Spitze – steht Graz heute besser da als 1997?
Franco FODA: In den letzten Jahren ist in Graz extrem viel passiert, im Breiten- wie im Spitzensport. So wie sich ganz Österreich im Bereich der Jugendförderung im Fußball extrem gut entwickelt hat. Die Nachwuchsakademien haben Österreich sogar zu einer der führenden Nationen in Europa gemacht. Es kommt nicht von ungefähr, dass so viele Legionäre in den Topligen spielen.
Text: Bernd Hecke, Fotos: Gernot Eder

Wie kann man hier Wurzeln schlagen?



VIELFALT. Seit mehr als 15 Jahren ist der gebürtige Mazedonier Ivo Zaricin Fixpunkt in der Grazer Szene: Er veranstaltet Hip-Hop-Partys. Und für viele Besucher sind diese Abende auch eine Form von Heimat. Porträt eines Rastlosen, der weiß, wie nachhaltig Gastfreundschaft sein kann.




Aller Anfang ist bekanntlich nicht immer leicht, aber manchmal ist gleich von Beginn an der Flow drinnen, und das ist gut so. Als der neunjährige Ivo Zaricin und die Stadt Graz im Jahr 1989 zum ersten Mal aufeinandertrafen, hat das schon ziemlich gut gepasst. Und diese Begegnung war nicht zufällig, sie war nicht aus der Not heraus geboren, sondern mehr eine Einladung. Denn vor Graz, da gab es in Ivos Leben nur Mazedonien. Es waren Urlauber aus Graz, die der Familie eine neue Perspektive eröffneten. „Kommt rauf, es gibt Arbeit“, und genau so war es dann auch. Ivos Vater, Dreher und Fräser von Beruf, heuerte bei einer Firma in der Annenstraße an. Während man heute beim Thema Annenstraße irgendwo zwischen Ratlosigkeit und x-tem Neustart hängen bleibt, wirft einem dieser Ivo Zaricin ein Bild hin, über das man zuerst herzlich lacht und sich dann denkt: irgendwie schon visionär. „Die Annenstraße war für mich als Kind damals eine wunderschöne Straße, wie San Francisco.“

Text: Susanne Rakowitz, Fotos: Jürgen Fuchs

Warum trifft Graz der Schlag?



ANALYSE. Wie der steirische Herbst die Stadt nach 50 Jahren noch elektrisiert und wo die nächsten Stromschläge warten.




Dem Himmel sei Dank für die Dichter. Für Elfriede Jelinek zum Beispiel. Die hat dem steirischen Herbst zu seinem 50er einen Text überlassen, der dieser Tage an seinen Originalschauplätzen live verfilmt wird. Es ist ein würdiges Zentralprojekt für den 50. steirischen herbst, ­gelandet hat diesen Coup Veronica Kaup-Hasler. Sie krönt damit das zwölfte und letzte Jahr ihrer Intendanz, die schwerpunktmäßig der Erkundung zeitgenössischer Theaterformate gewidmet war. Kaup-Hasler selbst hat ihre Intendanz unter das Prinzip der Rahmensprengung gestellt, „wir müssen Dinge tun, die *so* niemand anders kann“, ein Anspruch, der dem einstigen Avantgarde- und heutigem Zeiterkundungs­festival gut ansteht. Immerhin ist der Anspruch auf Zeitgenossenschaft der am schwierigsten zu verteidigende. Da wundert es also nicht, dass der steirische herbst, gegründet 1968, schon seit 1972 mit schöner Regelmäßigkeit totgesagt wird. Und trotzdem ist er noch immer vital, so sehr, dass ihm Jelinek jüngst sogar eine eigene kleine Würdigung angedeihen ließ: „Die Steiermark ist schon lange da“, heißt es darin, „und jedes Jahr wieder trifft sie der Schlag. Er reißt sie aus sich heraus, es stimmt, es ist wieder Herbst geworden.“ Eine Anspielung an die Skandalträchtigkeit der frühen Festivaljahre, aber auch an hohe Erwartungen.
Text: Ute Baumhackl

Was würden Sie in Graz ändern?



SICHTWEISE. Die international erfolgreiche Theaterdirektorin Anna Badora kam aus Düsseldorf nach Graz und lebt jetzt in Wien. Eine Außensicht mit Innenerfahrung.




Thematisch geht‘s los: Frau Badora, wann haben Sie zum ersten Mal von Graz gehört?
ANNA BADORA: Als damalige Intendantin in Düsseldorf realisierte ich im Rahmen der Kulturhauptstadt 2003 eine Kooperation zwischen Schauspielhaus Graz und Düsseldorfer Schauspielhaus. Natürlich hatte ich auch als Regie-Studentin am Max-Reinhardt-Seminar bereits einige Abstecher nach Graz unternommen.
Hat die Stadt Ihren Vorstellungen entsprochen oder gab es Überraschungen?
Die Altstadt ist ein architektonisches Juwel. Die Spuren der Kulturhauptstadt sind noch überall positiv zu sehen. Die Menschen sind anfangs schwer zu knacken, danach aber umso herzlicher. Sie sind so ganz und gar nicht stromlinienförmig, was ich positiv meine.
Interview: Frido Hütter
Cover
Michael Ostrowski
Nikolaus Habjan
Studenten
Sehenswert
Start-up-Szene
Magna Steyr
Arbeitsmodell
Florian Weitzer
Smart City
Maria Reiner
Essay
Sport Graz
Ivo Zaricin
Elfriede Jelinek
Anna Badora
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