InterviewEin Wegbereiter fernab aller Kulturtempel

40 Jahre lang leitete Herbert Nichols-Schweiger die Steirische Gesellschaft für Kulturpolitik. Eine Bilanz und ein kritischer Blick auf die aktuelle Lage.

„Das Amt des sogenannten Kulturpolitikers wird immer widersprüchlicher und realitätsferner“, sagt Herbert Nichols-Schweiger © Franz Brugner
 

Nach exakt 40 Jahren beenden Sie Ihre Tätigkeit als Leiter der Gesellschaft für Kulturpolitik. Das klingt nach geplantem Abschied.
HERBERT NICHOLS-SCHWEIGER: In meinem ganzen Leben war nichts geplant. Zufälle spielten immer wieder eine große Rolle. Wenn ich allerdings eine Tätigkeit oder Aufgabe übernahm, war mir stets klar, dass das von längerer Dauer sein wird. Aber, salopp formuliert: Ich hatte zuletzt sieben fette Jahre mit Kurt Flecker als Präsidenten, und ich hab mir gedacht, ehe da jetzt sieben magere Jahre folgen, höre ich lieber auf.


Wie wird es mit der Steirischen Gesellschaft für Kulturpolitik weitergehen?
Darüber weiß ich selbst sehr wenig. Es wird nächste Woche eine außerordentliche Generalversammlung geben, bei der neue personelle Entscheidungen getroffen werden.
Aber bestehen wird die Gesellschaft auch weiterhin?
Sie muss weiter bestehen. Es gibt noch etliche weitere wichtige Aufgaben und Notwendigkeiten im kulturellen und künstlerischen Bereich.

Zur Person

Herbert Nichols-Schweiger, geboren 1944 in Graz, war u. a. als Journalist und beim steirischen herbst tätig, ehe er als Sekretär zu Finanzland Christoph Klauser und danach zu Kulturlandesrat Kurt Flecker (beide SPÖ) wechselte. Er ist auch
Initiator und Leiter der Steirischen Kulturinitiave.


Etwas süffisant gefragt: Hearing wird es aber keines geben?
Das kann ich ausschließen.


Was konkret meinen Sie mit den erwähnten Notwendigkeiten?
Ich sehe die aktuelle Situation ganz nüchtern. Die große Mehrheit der Menschen hat, bedingt durch die Rasanz unserer Zeit, keinerlei Regenerationsmöglichkeiten mehr für ihren Kopf, für ihre Gefühle, es gibt keinen Spielraum, um intensiver nachzudenken über all das, was für ihr Leben wirklich wichtig ist. Das ist durch unser momentanes Schul- oder Ausbildungswesen auch nicht leist- oder machbar. Also bleibt eigentlich nur die Kultur und die Kunst als Sphäre, die neue Impulse oder Denkanstöße liefern kann.


Sie sind, im positivsten Sinn, ein Urgestein des steirischen Kulturgeschehens. Wie lautet Ihre aktuelle Einschätzung?
Faktum ist, dass die Chancen für die Kulturschaffenden enorm gestiegen sind. Sie können bei weitaus mehr unterschiedlichsten Projekten oder Veranstaltungen mitwirken und davon profitieren als vor dreißig oder vierzig Jahren. Ein eklatantes Zeichen dafür, dass es zumindest in diesem Bereich erheblich besser geworden ist. Und wer hätte vor zwanzig Jahren gedacht, dass es so viele Intendantinnen oder Kuratorinnen geben könnte?


In jedem Fall immer schlechter und kürzer werden die Kulturprogramme der Parteien. Sie wirken fast wie ein lästiges Anhängsel. Ähnlich verhält es sich mit dem Amt der Kulturpolitiker. Woran liegt es?
Das Amt des Kulturpolitikers wird immer widersprüchlicher und realitätsferner. Ein Hauptproblem – und das wissen einige Parteien auch ganz genau – ist die unzureichende Kenntnis, ein wirklich solides kulturelles Wissen, also die Qualifikation. Dabei wäre es schon ausreichend genug, würde man zumindest Spurenelemente von Gerechtigkeit als wesentliches Ziel von Kulturpolitik nehmen.


Was wäre gerecht?
Es würde schon genügen, dass man auf Bundesebene sagt, die Bundestheater, die Bundesmuseen sind das Einzige, was der Bund in Wien bezahlt. Und das übrige Kunstförderungsbudget, bei dem es sich ja um eine stattliche Summe handelt, wird auf die Länder aufgeteilt. Stattdessen setzt sich das nach unten fort, in den Ländern, in den Hauptstädten. Anderswo, also in den Regionen, muss mühsam um oft kleinste Subventionen geackert und gerackert werden. Obwohl das Interesse und die Anteilnahme der Bevölkerung an der Kunst in den Regionen um etliches größer sind. Diese Erfahrungen haben wir ja auch immer wieder gemacht.


Also heraus aus den Tempeln?
Aus der Stadt herauszugehen, neue Orte und Besucherschichten zu finden – das gehörte für mich auch immer zur kulturellen Gerechtigkeit.


Ein Hauptanliegen der GKP galt zuletzt immer der Fotografie. Lässt sich damit mehr bewirken?
Fotografie liefert ein perfektes Abbild von menschlicher und sozialer Wirklichkeit, sie ermöglicht auch völlig neue Sichtweisen und Erkenntnisse. Ich verweise da nur auf die USA. Da sind berühmte Fotografen von den Politikern ausgeschickt worden, um quasi Lageberichte aus den Provinzen zu liefern. Die Fotos sind dann nicht nur in irgendwelchen Regierungsbüros gelandet, sondern in Kunstausstellungen.


Ihr Kommentar zur derzeitigen Grazer Kulturpolitik?
Von heute zurückgedacht, also in die Vergangenheit, ist die kurzatmige Besetzungspolitik der SPÖ die Vorbereitung des aktuellen Desasters gewesen. Da wurden ja fast im Jahresrhythmus Kulturpolitiker gewechselt. Da kann derjenige, der das übernimmt, eigentlich auch machen, was er will. Offensichtlich hat da niemand auch nur eine Minute lang über Konsequenzen nachgedacht. Die all das betrieben oder verursacht haben, können das Wesen von Kunst und Kultur einfach nicht verstanden haben.


Worin besteht es für Sie?
Vor allem zuerst einmal schlicht darin, geistige Bedürfnisse zu befriedigen.

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