KonzertkritikRiccardo Muti brachte Italianità ins Neujahrskonzert

Wenn das Jahr wird, wie Riccardo Muti sein Neujahrskonzert anlegte, dann sollte 2018 Schwung und einiges an Dynamik bereithalten.

Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2018
Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2018 © ORF (Roman Zach-Kiesling)
 

Das Neujahrskonzert ist vieles, bevor es noch ein Konzert sein darf: Tourismuswerbung, Quotenhit, Megaevent und – nicht zuletzt – Leistungsschau des Wiener Stadtgartenamts, seit San Remo nicht mehr liefert. Die wenigen aber, die Karten zum analogen, also lebensechten Ereignis ergattern konnten, werden Zeugen ernsthafter Auseinandersetzung mit der nur scheinbar leichten Muse des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Nicht einmal das überbordende Blütendekor, diesmal ziemlich lila, weil Lila nach dem Diktat der Modeindustrie die Farbe des neuen Jahres werden soll, stört beim Zuhören. Wären da nicht die Huster aus aller Herren Länder, nichts könnte die Freude an der Bordmusik auf Habsburgs Titanic stören.

Riccardo Muti, der das legendäre Konzert bereits zum fünften Mal dirigierte, ließ sich ein Programm voller Bezüge zu seiner Heimat zusammenstellen. In den Mittelpunkt rückt er das Beste, was die Wiener Tanzmanie hervorgebracht hat: die Strauß-Dynastie. Der Mode, weit in die umliegenden musikalischen Felder auszuschweifen, verweigert sich Muti. Stattdessen konzentriert er sich auf Johann Strauß in beiderlei Gestalt und fügt einiges von Josef hinzu, dem früh verstorbenen jüngeren Bruder des Donauwalzer-Komponisten.

Noch immer lassen sich Stücke finden, die ins Neujahrskonzert passen, ohne dort je gespielt worden zu sein. Ein besonderes Fundstück ist Alphons Czibulkas Huldigung an die Braut von Kronprinz Rudolf, Stephanie. Die ihr gewidmete zarte, an Offenbach erinnernde Gavotte des Militärkapellmeisters aus der heutigen Slowakei rettete zwar die Ehe der Unglücklichen nicht, mag aber als starkes Argument für den Erhalt der Militärmusik in Österreich dienen. Die im Vergleich zu den schwelgerischen Strauß-Kantilenen karstige „Boccaccio“-Ouvertüre des Dalmatiners Franz von Suppé schien in ihrer derben Schmissigkeit besonders zu gefallen.

Jeder Dirigent, dem das Neujahrskonzert anvertraut wird, bringt seine Sicht auf diese besondere Musik mit. Der multikulturelle Succus einer an Altersstarre zugrunde gehenden politischen Epoche enthält so viele kulturelle Einsprengsel, dass jeder Gast andere Schattierungen zutage treten lässt.

Fünftes Neujahrskonzert für Stardirigent Riccardo Muti

 

Muti liest die Kantilenen der Strauß-Familie als Fortschreibung oder Variation des frühen Verdi, von Donizetti und Rossini. Er lässt die sicht- und hörbar gut gelaunten Philharmoniker weit ausschwingende Melodiebögen singen und legt einen rhythmischen Raster darunter, der genauso gut auch als Unterlage für große Arien aus seiner Heimat dienen könnte.

Die Schnittstelle zwischen Italianità und Wiens Musiktradition bilden die beiden Medleys, die Strauß senior und junior aus italienischen Opern destillierten: aus Rossinis „Wilhelm Tell“ und aus Verdis „Ein Maskenball“. Greatest Hits erreichten in dieser Form Wien lang vor dem Original und brachten den Nachkomponisten Geld, ohne sie doch einen eigenen Einfall zu kosten.

Karten für 2019

Anmeldung für Karten für die Voraufführung (30.12., 11 Uhr), das Silvesterkonzert (31.12., 19.30 Uhr) und das Neujahrskonzert 2019 (1.1., 11.15 Uhr) von heute bis 28. Februar. Verlosung ausschließlich über die Website der Wiener Philharmoniker.
wienerphilharmoniker.at


Muti kennt das Orchester, die Stadt und ihre Musik. Souverän und gelassen geht er an die heikle Wiener Mischung aus Lockerheit und Präzision heran. Streckenweise lässt er die Musiker alleine spielen, setzt nur ab und zu einen rhythmischen Impuls. Dann wieder zeichnet er Linien in ovalen Tanzbewegungen vor, wischt lässig mit der Hand über das imaginäre Bild und lässt im Detail viel Atemluft. Seine Liebe zu starken Temposchwankungen wäre zwar für Tänzer eine Tortur, die Konzertbesucher aber freuen die Dehnungen und Stauchungen durch den Maestro.

Ganz ohne imperiale Gesten führt Muti durch das Programm. Nur wenn es ans Herdendirigieren im Radetzkymarsch geht, greift er zur geballten Faust. Helfen tut’s auch nicht viel. Am Ende stützt sich der mittlerweile ergraute Neapolitaner lässig auf die Reling und schaut ins Publikum, als wollte er sagen: Eh schon wissen, was jetzt kommt. Den Neujahrsgruß des Orchesters dirigiert er, als wäre auch dieser noch ein großes Werk.
Bis zum sechsten Mal!

Lese- und CD/DVD-Tipps

175 Jahre alt wurden die Wiener Philharmoniker im vergangenen März.  Christian Merlin erstellte dazu in einem Doppelband eine akribische Historie des Orchesters, samt dunklen Kapiteln in der Nazizeit und Biografien aller 851 Mitglieder bisher.
Die Wiener Philharmoniker. Amalthea, 640 Seiten, 108 Euro.

Kenntnisreich und in charmantem Plauderton erzählt der ehemalige Chefdramaturg der Staatsoper von den Besonderheiten der „Philis“.
Christoph Wagner-Trenkwitz. Das Orchester, das niemals schläft. Amalthea, 208 Seiten, 25 Euro.

Der Autor, bis 2014 Vorstand und bis 2016 Geiger der Philharmoniker, beleuchtet die vielfältigen Beziehungen des Orchesters zu den Salzburger Festspielen, der zweiten Heimat des Klangkörpers.
Clemens Hellsberg. Eine glückhafte Symbiose. Residenz, 238 Seiten, 24 Euro.

Der Live-Mitschnitt des Neujahrskonzerts ist ab Donnerstag als Doppel-CD und digital erhältlich. Die DVD- und Blu-Ray-Ausgaben erscheinen am 26. Jänner, die Version auf Vinyl sowie das Digital Long-Form Video ab 16. Februar (jeweils Sony).

Kommentieren

Bei der Erstellung von Kommentaren haben Nutzer rechtliche Bestimmungen (z. B. Privat-, Strafrecht), die Netiquette und Forenregeln einzuhalten. Was wir in diesem Forum nicht dulden: Beschimpfungen, Verspottungen, Belästigungen, Ehrbeleidigungen, Verhetzung, Diskriminierung in jedweder Form, Rassismus, Aufrufe zu Gewalt oder gar Selbstjustiz. Beiträge, die diesen Bestimmungen zuwiderlaufen, werden bei Kenntnis gelöscht, Nutzer im Wiederholungsfall gesperrt. Zudem behalten wir uns die stundenweise oder völlige Schließung von Foren vor. Wir weisen Sie darauf hin, dass wir auch keine Links zu anderen Websites akzeptieren.
Als Nutzer stimmen Sie der Speicherung der von Ihnen angegebenen Daten (Stamm-, Verkehrsdaten, etc.) ausdrücklich zu. Die angegebenen Daten werden an staatliche Stellen (z. B. Polizei, Gericht) bei Untersuchung von vom Nutzer verbreiteten Materialien, oder sonst vorgenommenen ungesetzlichen Aktivitäten, weitergegeben. Weiters werden angegebene Daten (Name und Adresse) an sonstige Dritte bei Verletzung von Rechten oder sofern deren Rechtsverletzung nachvollziehbar behauptet wird (zB gem. § 18 Abs. 4 ECG), weitergegeben. Mit der Erstellung von Kommentaren stimmen Sie dem ausdrücklich zu und verzichten auf die Geltendmachung von jeglichen Ansprüchen. Siehe dazu auch unsere Forenregeln/Betriebsbedingungen in den AGB.