Sommergespräch aus dem AusseerlandIntendant Nikolaus Bachler: "Bergleute waren immer ganz wunderbare Menschen"

Je älter er wird, desto mehr spürt er seine Fohnsdorfer Wurzeln. Schlaf braucht Nikolaus Bachler dennoch nicht mehr. Mit dem Intendant der Bayerischen Staatsoper auf Sommerfrische in Altaussee.

„Engstirnig ist der Mensch und nicht die Steiermark“: Nikolaus Bachler will nie andere für Missglücktes verantwortlich machen © MARKUS JANS
 

Hobby? Der Umgangsjargon klingt in seinem Fall wie ein atonaler Riff in Mozarts Zauberflöte. „Ich wüsste gar nicht, wie ein Hobby aussehen könnte“, sagt Nikolaus Bachler. Seine Leidenschaft ist sein Beruf. Urlaub? Braucht der geschliffene Feingeist doch keinen. Seine Verschnaufpausen nennt er lieber „temporäre Verlagerung des Hausstandes“. Der Intendant der Bayerischen Staatsoper empfängt uns in seinem Haus in Altaussee, eine ehemalige Keusche, er trägt kurze Lederhose und Polohemd. Diese „Verlagerung“ unter Schatten spendenden Bäume im Garten gelingt fürwahr als Inszenierung einer „Sommerfrische“.
Nikolaus Bachler, Sohn eines unehelichen Buben eines reichen Fohnsdorfer Bauern, Reinhardt Seminarist, langjähriger Wiener Burgtheater Direktor, seit neun Jahren in München. Er will ursprünglich Chirurg werden, sein Skalpell führt nun tatsächlich ins Innere der Menschen. Zu Geist und Seele.
Herr Intendant Bachler, „ich bin sowieso cool“, meinten Sie vor Ihrer ersten Premiere in München. Sind Sie das noch immer beziehungsweise was unterscheidet Ihre Coolness von der eines 16-Jährigen?

NIKOLAUS BACHLER: Cool ist heute ein Modebegriff. Wenn man einen Beruf hat wie ich, meine ich damit eine gelassene Souveränität. Das hat sich nicht geändert. Einer muss den Überblick bewahren.
Verbindet Sie noch etwas mit Fohnsdorf, sind Sie manchmal dort?
Wenn ich in Österreich bin, halte ich mich in Altaussee auf. Aber mich verbindet sehr viel mit Fohnsdorf, und je älter ich werde, umso mehr spüre ich die Wurzeln. Fohnsdorf als Bergwerksort war ja ein interessanter Platz. Ist man jung, fühlt man sich schnell als Weltbürger, bedenkt gar nicht, wo man herkommt. Dabei waren Bergleute immer ganz wunderbare Menschen mit einem stark verwurzelten Miteinander. Und Kohle darf man ruhig als eines der ersten Globalisierungsopfer bezeichnen.
Was bleibt von der Prägung?
Die Kindheit nehmen wir ganz stark mit, sie prägt uns wahrscheinlich am intensivsten. Die Entseeltheit des heutigen Fohnsdorf würde ich umso stärker spüren, wenn ich hinfahre.
Haben Sie noch Ihr Ferienhaus in Kolumbien, von welchem mir ihr ehemaliger Reinhardt-Schüler Holger Schober erzählt hat?
Das Haus hatte ich lange, vor zehn Jahren habe ich mich davon getrennt. Es war mein „Ort vom Winde verweht“. Man soll ja nie aufhören, seinen Horizont zu erweitern.
Was ist heute Ihr Vom-Winde-verweht-Ort?
Es gibt eigentlich keinen, am ehesten ist er mein Innerstes. Mein „Paradies“ hat mit ganz persönlichen Idealen zu tun. Ideale wie Gerechtigkeit. Es ist sicher kein Ort des globalisierten Kapitalismus.
Als Gymnasiast in Judenburg spielten Sie in Lessings „Nathan der Weise“. Es geht um Religionen, Toleranz, Offenbarung, es gibt genug Parallelen zu heute. Wen haben Sie gespielt?
Nathan – wen sonst. Lessing ist ohnehin einer der aufklärerischen Autoren schlechthin. Man kann nichts Besseres über Religion und Gesellschaft finden, als in der Ringparabel steht. Ich empfehle jedem, sie immer wieder zu lesen.
Haben Sie ein Lieblingsdrama, eine Lieblingsoper?
Nein, das ist mein Beruf. Aber ich habe einen Lieblingsmaler – Francis Bacon, auf lange Zeit der interessanteste.
Zählen Sie zu jenen Intellektuellen, die Fußballfans sind? Ist auch Fußball große Oper und Inszenierung?
Ich bin kein Fan, obwohl ich manchmal ein Match in der Allianz Arena besuche. Nein, Kunst ist Kunst, eine Inszenierung hat mit einem Zirkus in der Öffentlichkeit nichts zu tun. Da bin ich radikal ablehnend und verteidige die Kunst, weil es ihre Banalisierung bedeutet.
Dennoch, im übertragenen Sinn, wem zeigen Sie eine Rote Karte, global betrachtet?
Diese Bilder funktionieren nicht – es gibt so viele Fehlentscheidungen, dass man gar nicht nachkommt. Beängstigend ist doch, dass wir Werte wie Demokratie, Mitgefühl oder Solidarität so gering schätzen und sie damit gefährden.
Schlafen Sie im Urlaub länger als sonst?
Nein, ich brauche wenig Schlaf, mache auch keinen Urlaub. Das hat wieder mit meiner Kindheit zu tun, da machte nie jemand Ferien. Ich mag das Wort „Sommerfrische“ lieber, interpretiere es als temporäre Verlagerung des Hausstandes. Man setzt sein Leben ja fort und führt nicht plötzlich ein anderes.
Sie leben in München in Schwabing, sind weltweit unterwegs. Fühlen Sie sich als – mit Verlaub, Fohnsdorfer Bauernbub bestätigt, „Provinz“ findet im Kopf statt?
Zum einen bedeutet mir Materialistisches kaum etwas, und es gibt in München teurere Pflaster als Schwabing. Als ich jung war und aus der Steiermark nach Wien gekommen bin, habe ich keinen Mangel empfunden. Ich habe die Kraft immer aus meiner Person bezogen. Engstirnig ist der Mensch und nicht die Steiermark.
Klingt nach gesundem Selbstbewusstsein ...
Von meiner Mutter habe ich ein wichtiges Prinzip mit auf meinen Lebensweg bekommen: Mache nie die Umstände und andere verantwortlich, wenn etwas nicht gelingt – sondern suche immer bei dir selber. Dazu ein schöner Satz von Goethe: „In deiner eigenen Brust sind deine Schicksalssterne“.
Aus einem Fohnsdorfer Acker stammt eine der wertvollsten Skulpturen der Hallstattzeit, der Kultwagen. Wie beurteilen Sie diesen „Schatz“?
Der Mensch ist ein Produkt seiner Geschichte, diese Dinge sind alle wichtig. Aber letztlich ist das Graben wichtiger als das Kultobjekt selbst. Weil Graben ist eine Tätigkeit, sie führt uns weiter. Man soll sich mit seiner Zukunft beschäftigen.
Digitalisierung, Smartphone – nicht gerade Ihr Lieblingsparkett. Ist heute der wahre König, wer auf diesen Zu-viel-Wahnsinn verzichtet?
Man kann nicht verzichten, aber man muss versuchen, Herr seiner selbst zu bleiben. Jede Entwicklung ist gut, liefert man sich ihr nicht bedingungslos aus. Die Menschen sind heute Sklaven der Technisierung, das führt zur Entmenschlichung.
Oktoberfest oder Weißwurstparty – trifft man dort einen Nikolaus Bachler oder wäre das ein Aversions-Aversions Konflikt?
Man trifft mich weder dort noch da, ich war nur mit meinen Mitarbeitern am Oktoberfest. Aber eher als Astralfigur (eine Art unsichtbare, okkulte Hülle für die Seele, Anm.).
Hitze, Überflutungen, et cetera. Welche Oper passt zu diesem Sommer – oder ist er eher ein Schüttbild von Nitsch?
Kunst ist nicht anwendbar und keine Bürgerinitiative, es gibt auch nicht das Stück zum Klimawandel. Aber mitten in die Murenabgänge sollte man vielleicht Herrn Trump stellen, damit er endlich etwas begreift.
„Schmerzvermeidung bedeutet Glücksverhinderung“, schreiben Sie selbst. Welche Wunde macht Sie derzeit glücklich?
Dieser Satz meint eher, man kann nirgendwo hingelangen, wenn man keine Risiken in Kauf nimmt. Selten sind Menschen bereit, auch die Gefahren zu akzeptieren, die sie eingehen. Angstfrei zu leben ist ein Ziel, aber das gibt es nicht geschenkt.

 

Ein Stück "gemeinsamen Weges"

Nikolaus Bachler, geb. 1951 in Fohnsdorf. Medizinstudent, Schauspieler, Kulturmanager. Leitende Funktionen in Berlin, Paris, Wien – unter anderem Direktor des Wiener Burgtheater (1999 bis 2008), dieses etablierte er als Ort für (kultur-)politische Auseinandersetzungen. Seit 2008 Intendant der Bayerischen Staatsoper („Opernhaus des Jahres“ 2014). Aktuelle Spielzeit „Zeig mir deine Wunde“, eine Einladung zu einem „Stück gemeinsamen Weges“.

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