InterviewOpernchef Dorny: "Der Status quo kann heute keine Antwort sein"

"Wir können Oper nicht als etwas Elitäres akzeptieren", lautet das Motto von Serge Dorny, der seit 2003 mit seinem Opernhaus in Lyon ganz eigene Wege geht.

Serge Dorny, Opernintendant in Lyon © Oper Lyon
 

Seit Jahren wird der Belgier Serge Dorny zum engsten Favoritenkreis gezählt, wenn immer es gilt, einen der Topjobs der Opernszene zu besetzen. Seit 2003 führt der 55-Jährige die Oper von Lyon, wo er derzeit mit dem "Festival Memoires" die Rekonstruktion dreier legendärer Inszenierungen feiert. Die APA sprach aus diesem Anlass mit Dorny über Oper als Mausoleum und Wechselpläne nach Wien.

Ein Vorwurf an den Opernbetrieb allgemein ist seine Musealität. Geben Sie mit einem Festival rekonstruierter Regiearbeiten den Kritikern nicht Futter?

Serge Dorny: Natürlich ist das Theater etwas Ephemeres. Man liebt etwas, das man kein zweites Mal sehen wird. Es gibt im Theater aber "Kathedralen der Erkenntnis", die als Referenz für andere Interpretationen dienen. Das sind die Fundamente, auf denen wir die Zukunft bauen. Nach 40 Jahren einmal auf diese Ecksteine zurückzublicken, das war die Idee. Das Interessante ist die Legende, die um diese Produktion entstanden ist. Wird die Erschütterung noch die gleiche sein? Ist das, was wir heute machen, wirklich innovativ? Sind des Kaisers neue Kleider wirklich so neu?

Was eint die drei von Ihnen versammelten Inszenierungen von Ruth Berghaus, Heiner Müller und Klaus Michael Grüber?

Dorny: Es gibt verschiedene Regiestile, die direkt auf ihre Zeit reagieren, wenn etwa Martin Kusej in der "Entführung aus Serail" über den IS sprechen lässt. Diese Arbeiten sind sehr zeitgebunden und vielleicht 15 Jahre später nicht mehr aktuell. Unsere Produktionen reagieren hingegen nicht direkt auf ihre Zeit, es sind keine narrativen Inszenierungen, sondern eher symbolische. Sie sind abstrakt und dadurch ästhetisch zeitlos. War früher die Musik die Hauptsache und das Regieführen ein Accessoire, wird nun die Institution Theater selbst befragt.

Wird diese Festival-Rückschau in Lyon zur jährlichen Dauereinrichtung?

Dorny: Wenn man Innovatives macht, kann man so etwas nicht wiederholen. Ich möchte keinen Retrostil, aber die Erinnerung an die Erinnerung fand ich interessant. Wir vergessen in unserer Zeit der Spannung oftmals die Geschichte. Man kann die Zukunft nur auf der Vergangenheit bauen - nicht sie reproduzieren.

Spart man als Opernhaus Kosten, wenn man eine alte Inszenierung rekonstruiert?

Dorny: Das sind für uns neue Arbeiten gewesen, zu denen das archäologische Element hinzukommt. Es gab nichts mehr - alle Bühnenbilder, Requisiten und Kostüme mussten neu gemacht werden. Immerhin teilen wir uns bei "Tristan und Isolde" die Kosten mit Linz, wo die Inszenierung 2018 zu sehen sein wird.

Apropos Kosten: Sie haben seit Ihrem Amtsantritt Abonnenten verloren - und freuen sich darüber?

Dorny: Ich habe sie nicht verloren - das ist ein perfides Wort. Als ich herkam, hatten wir bei einer Auslastung von 87 Prozent 85 Prozent Abonnenten. Das bedeutet, dass immer dieselben Menschen in der Oper waren. Ich arbeite aber mit öffentlichen Geldern, die von allen Steuerzahlen kommen. Insofern muss ein Haus für die Vielfalt der heutigen Gesellschaft stehen. Heute haben wir 23 Prozent Abonnenten und eine Durchschnittsauslastung zwischen 90 und 95 Prozent. Wir ziehen also in Summe mehr und verschiedenere Leute an. Solch ein breiteres Publikum macht verschiedene Sachen möglich, weshalb wir ein innovatives Haus sein können. 52 Prozent unseres Publikum ist jünger als 45 Jahre und 25 Prozent jünger als 26 Jahre. Unsere Besucher sind also ein Spiegel der Stadt. Es ist wichtig, nicht nur Aficionados oder Fundamentalisten zu haben.

Wäre dieses Erfolgsrezept überall umsetzbar?

Dorny: Jede Stadt hat ihre Geschichte, ihre Stärken und Schwächen. Klar ist nur: Der Status quo kann heute keine Antwort sein. Wenn ich den Status quo akzeptiere, arbeite ich in einem Mausoleum. Dann ist die Frage nur, wann der letzte Vorhang fällt. Ich will aber glauben, dass Kultur einen wichtigen Platz in unserer Gesellschaft hat. Das Zusammenleben ist schwer, weshalb die Kultur hier eine Rolle zu spielen hat. Wir können Oper nicht als etwas Elitäres akzeptieren. Oper muss wieder politisch werden.

Möchten Sie Ihr Konzept auch einmal in einer anderen Stadt umsetzen - beispielsweise am Theater an der Wien, wo heuer die Intendanz ausgeschrieben wird?

Dorny: Ich habe meinen Beruf immer als Projekt verstanden. Ich mache nichts endlos. Was die Zukunft bringt, werden wir sehen. Ich habe da überhaupt keinen Druck.

Zur Person

Serge Dorny, geboren im flämischen Wevelgem am 4. Februar 1962. Nach Stationen als Dramaturg an der Oper La Monnaie in Brüssel unter Gerard Mortier und als Leiter des Flandern-Festivals, wurde er 1996 Generaldirektor des London Philharmonic Orchestra, bevor er 2003 die Oper National de Lyon übernahm. 2014 sollte er neuer Intendant der Dresdner Semperoper werden, wurde vom Kunstministerium jedoch kurz vor Amtsantritt wegen Unstimmigkeiten gekündigt. Dorny erstritt sich vor Gericht eine Entschädigung von 1,5 Mio. Euro

Das Opernhaus von Lyon Foto © Oper Lyon

www.opera-lyon.com

 

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