KonzertPiano-Rückkehrer Josef Bulva im Musikverein

Er hat das Auf und Ab des Lebens nicht nur am Klavier erfahren. Nun ist der große Pianist Josef Bulva wieder an seinem geliebten Flügel zu hören - auf einer DVD, vor allem aber live im Wiener Musikverein. Am 28. März spielt der 74-Jährige ein Konzert für die Wohltätigkeitsgala "life goes on" zugunsten von Menschen mit Schicksalsschlägen. Und damit kennt sich Bulva aus.

© josefbulva.com
 

Das Leben des großen Pianisten teilt sich in verschiedene Kapitel - die sich voneinander denkbar unterscheiden. Geboren am 9. Jänner 1943 im tschechischen Brünn, wuchs er bereits als Kind in die Klassikwelt hinein, besuchte er doch ab 1950 die Musikschule in seinem Wohnort Napajedla und stieg bald zum umjubelten "Wunderkind" auf - auch wenn er selbst für sich die Bezeichnung im APA-Gespräch heute ablehnt. "Ich war kein musikalisches Wunderkind. Ich war ein mathematisches Wunderkind" - eine Eigenschaft, die im späteren Lauf noch von Bedeutung werden sollte.

Mit einem Staatsstipendium besuchte der junge Josef jedenfalls ab dem Alter von zwölf Jahren die Konservatorien von Kromeriz, Brünn und Bratislava, wo er mit 17 Jahren in die Akademie der Künste aufgenommen wurde. Bereits mit 21 Jahren wurde er zum "Staatssolisten der CSSR" ernannt, konnte konzertieren, arbeitete mit zeitgenössischen Komponisten zusammen. Der einträgliche Karriereweg war mithin geebnet, könnte man meinen.

Doch dann kam es zum ersten großen Unfall. 1971 brach sich der junge Pianostar am Berg dutzende Knochen, was ihn für ein Jahr ins Krankenhaus zwingt. Doch Bulva kämpft sich zurück - ins Leben und an den Flügel. Allerdings ist in der erzwungenen Auszeit ein Entschluss gereift, und so steht die nächste große Wende im Weg des Künstlers unmittelbar bevor: Seine erste Auslandstournee 1972 nutzt Bulva zur Emigration nach Luxemburg, dessen Staatsbürgerschaft er annimmt, auch wenn er vornehmlich in München lebt, wo er alsbald zum Teil der legendären Schickeria wird. "Ich war Staatskünstler und bin ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, in die Welt gegangen", erinnert sich Bulva: "Ich habe die künstlerische Überzeugung gehabt, dass ich mich in der Tschechoslowakei nicht weiterentwickeln kann." In der CSSR bringt ihm der Schritt eine Anklage wegen Hochverrats ein. Ungeachtet dessen feiert Bulva am Flügel Erfolge im Westen.

Doch nichts scheint von Dauer im Lebensweg des kultivierten Josef Bulva, der akustisch mit seinem baritonal-weichen, tschechisch grundierten Deutsch Erinnerungen an das untergegangene K.-und-k.-Reich wachwerden lässt. 1996 stürzt er 53-jährig bei einem Besuch in seiner alten Heimat auf eisiger Straße - und fällt unglücklich auf die Scherben einer Bierflache, die ihm die Sehnen der linken Hand durchtrennen. Die Karriere als Musiker scheint unwiederbringlich beendet. "Wenn ich es selbst verursacht hätte, hätte ich es vielleicht leichter verkraftet", hadert Bulva noch heute mit dem Schicksalsschlag.

Dennoch lässt sich der Pragmatiker und Lebemann nicht dauerhaft unterkriegen. So zieht der Mittfünfziger ins Steuerparadies Monaco und wird Börsenspekulant. "Das war damals eine ganz rationale Entscheidung", sieht Bulva den von außen betrachtet fundamentalen Wandel pragmatisch, zog damals doch seine Mutter zu ihm nach Luxemburg: "Ich hatte die tiefe menschliche Pflicht, die Existenz meiner alten Mutter zu sichern. Ansonsten hätte ich auch den Exitus gemacht." Diese nüchterne Haltung zu Fragen des Lebensendes hat sich der heute 74-Jährige erhalten, möchte er doch dereinst keinesfalls dahinsiechen: "Ich werde sicherlich mein Leben selbst beenden."

Doch in den steuerschonenden, sonnenbeschienen Gefilden des Mittelmeeres gilt eine andere Regel: "Geld kann man nur verlässlich mit Geld machen." So virtuos der gelernte Pianist dort auf der Klaviatur der Aktien- und Finanzmärkte spielt, die Seele darbt nach anderem als monetärer Befriedigung. "Irgendwann kam der Gedanke: Du könntest Brahms' Klavierkonzert spielen und schiebst hier am Computer Geld hin und her!" Die Verletzungen stehen dem Gedanken an eine Rückkehr auf die Bühne jedoch entgegen. "Jahrelang stand mein Finger 45 Grad ab", zeigt der Musiker gestisch seinen damaligen körperlichen Zustand.

Dann, viele Jahre nach seinem Unfall, lernt Bulva einen Schweizer Chirurgen kennen, der sich die komplexe Operationsprozedur zutraut. Und das Unerwartete gelingt: Bulvas Motorik wird durch ärztliche Hilfe und viel hartes Training wiederhergestellt. "Als ich zu spielen begonnen habe, hatte ich Tränen in meinen Augen", erinnert sich der Doyen des tschechischen Klavierspiels an den entscheidenden Moment.

Was folgte, war hartes Training. "Ich wollte nie den Bonus, dass ich ein Krüppel bin. Es geht nicht, dass man auf die Bühne tritt und auf Mitleid hofft", stellt der Ausnahmeinstrumentalist klar. Er kauft bei Steinway einen Flügel, mit dem er in Symbiose wächst. Er kultiviert dabei den steten Einsatz des dritten Pedals, mit dem sich Akkorde verlängern lassen und das letztlich die Individualität in den Klang bringt. "Es macht das Spiel wesentlich schwerer", so Bulva: "Aber man hat mehr Gestaltungsspielraum."

Das RCA-Label nimmt den reifen Jungpianisten unter Vertrag und veröffentlicht mit ihm "Josef Bulva spielt Beethoven" sowie "Josef Bulva spielt Chopin" - Aufnahmen, die sein eher analytisches Spiel unterstreichen, das von Schmelz und Schmus um ihrer selbst willen nichts wissen will. Zuletzt erschien eine DVD unter dem lakonischen Titel "The Sound of 582310". Was eher nach dem alten Leben des Zahlenspielers Bulva klingt, ist die Typennummer seines Instruments, dem er damit huldigt.

Live können sich Musikfreunde von der Spielfreude des Tastendandys nun am 28. März persönlich überzeugen. Dann stellt Bulva im Brahms-Saal des Musikvereins ein Programm vor, dass von Bohuslav Martinu über Beethoven bis zu Franz Liszt reicht. Denn seine Lebenslust hat das Schicksal dem leid- und freudgeprüften Josef Bulva nicht ausgetrieben. So ist seine Lebenserfahrung nicht zuletzt eine, die weiß, dass nichts von Dauer ist und man stets auf das Ungeplante gefasst sein muss: "Wir sind gewöhnt, zum Altar zu gehen und zu sagen: Bis das der Tod uns scheidet. Und dann ist die Realität eine andere."

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

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