Künstlerhaus KlagenfurtFotoausstellung: Falten, die Geschichten erzählen

Michael Seyer porträtierte 20 ältere Damen und Herren. „90Plus!“ ist am 9. November im Künstlerhaus Klagenfurt zu sehen. Weitere Präsentationen sollen folgen.

Leopoldine Hermann, geboren 1924
Leopoldine Hermann, geboren 1924 © Michael Seyer
 

Ob Narben im Geiste, Falten auf dem Körper oder Furchen im Gesicht. Jedes Leben hinterlässt sichtbare und unsichtbare Spuren. In seinem Projekt „90Plus!“ begibt sich der 1967 in Graz geborene Fotograf Michael Seyer auf Spurensuche. Wie der Titel bereits verrät, rückte er dafür 20 Damen und Herren mit einem Lebensalter von 90 bis 103 Jahren ins Kameralicht. „Mich reizt es, Menschen kennenzulernen, die aus der Schnelllebigkeit des Alltages enthoben sind“, erklärt Seyer.

Für die Kooperation mit dem Senioren- und Pflegezentrum „Wie daham“ nahm sich der Fotograf viel Zeit, im Zentrum stand die Vita der abgebildeten Menschen: „Inwieweit decken sich ihre Träume von früher mit der bisherigen Lebensbilanz? Welche Erwartungen haben sie an die Zukunft?“ Feinsinnige Porträts, farbige Hand- und Fußabdrücke, Interviews und Filmausschnitte geben Einblick in die Lebensgeschichten.

Privat
Fotograf Michael Seyer © Privat

In einem sensiblen Aufnahmeprozess ist es Seyer gelungen, die individuellen Züge seiner Modelle einzufangen. „Die Menschen waren von Anfang an begeistert“, erzählt er. Viele von ihnen seien noch nie zuvor fotografiert worden und hätten es daher genossen, im Mittelpunkt zu stehen. Bei sogenannten Fotositzungen bat der Künstler sie, aus ihrem Leben zu erzählen. „Mir ging es dabei um das Erfahren einer persönlichen Geschichte.“ Seyer verzichtete auf eine Nachbearbeitung der analogen Aufnahmen. „Gesichter mit Emotionen sind ehrlich und brauchen das nicht.“ Nach den Fotos wurden Fuß- und Handabdrücke genommen, um die Personen in ihrer Einmaligkeit zu zeigen. Beim Bemalen der Fußsohlen fühlte sich mancher Teilnehmer an die Kindheit erinnert. „Es geht auch darum, erwachsen und Kind zugleich sein zu können“, kommentiert Seyer.

Aus der Summe an Geschichten ist ein reicher Erfahrungsschatz entstanden. Diesen möchte der Lichtbildner sichtbar machen: „Viele ältere Menschen sind wehmütig, dass ihre Weisheit heute nicht mehr gewürdigt wird.“ Die in der Ausstellung gezeigten Werke sollen der hochaltrigen Generation nun jene Aufmerksamkeit schenken, die ihr gebührt.

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