Salzburger Festspiele Intendant Markus Hinterhäuser über ärgerliche Klischees und den neuen Jedermann

Fünf Wochen vor dem Auftakt der Salzburger Festspiele spricht Intendant Markus Hinterhäuser im ausführlichen Interview über Ricardo Muti, die "Aida", den neuen Jedermann und Klischees.

Intendant und Pianist: Markus Hinterhäuser © ORF
 

In knapp fünf Wochen beginnen die Salzburger Festspiele - nach zwei Jahren des Interregnums nun mit Markus Hinterhäuser als heimkehrendem Intendanten. Im Gespräch mit der Austria Presseagentur erzählt er von Freiheit und Ernsthaftigkeit des Programmierens, vom kurzfristigen "Jedermann" und von der Chance, in Werken der Vergangenheit "unsere Welt zu lesen".

Sie haben viele Jahre Salzburger Festspielerfahrung. Ist der Wunsch, Veränderung herbeizuführen, dadurch größer oder kleiner?
MARKUS HINTERHÄUSER: Das ist eine differenzierte Sache. Es gibt in Salzburg bestimmte Parameter, bei denen man gut beraten ist, sie nicht infrage zu stellen. Gleichzeitig ist da ein bemerkenswerter Freiraum für die Intendanz, eine erkennbare künstlerische Handschrift zu zeigen. Dieser vermeintliche Antagonismus ist sehr reizvoll. Denn bei allen - zum Teil ziemlich ärgerlichen - Klischees, sind doch die Salzburger Festspiele nicht zufällig die einzige Institution, die etwa das Gesamtwerk von Luigi Nono aufgeführt hat.

Ein Teil Ihrer künstlerischen Handschrift heuer ist, dass gleich mehrere unorthodoxe Opernregisseure engagiert sind - aus anderen Kunstsparten. Was erhoffen Sie sich davon?
MARKUS HINTERHÄUSER: Ich folge keinen Strategien, eher einer Analyse, die natürlich auch subjektiv ist, meiner Erfahrung und etwas, dass ich intuitive Intelligenz nennen würde. Es sind zwei Regisseure aus der Bildenden Kunst - aber das ist kein Rezept, mit dem ich Antworten auf allgemeine Fragen der Oper geben will. Nein, das hat sich ergeben, aufgrund dieser beiden Persönlichkeiten und dieser beiden Stücke. Ich hätte Shirin Neshat nicht gebeten, den "Rosenkavalier" zu inszenieren.

Riccardo Muti ist bekannt für eine klare Haltung zur Regie. Haben Sie ihn oder Neshat zuerst gefragt?
MARKUS HINTERHÄUSER: Ich habe Muti gefragt, ob er die "Aida" machen will. Zwei Dinge wollte er außer Streit stellen: Erstens, dass es Kammermusik ist. Zweitens, keine Pyramiden und Elefanten auf der Bühne. Dann habe ich mit Neshat Kontakt aufgenommen. Ich kenne ihr Werk seit vielen Jahren und es hat eine große Anziehungskraft auf mich. Und da ist vieles, was man auch in der "Aida" lesen kann. Als ich mich dann wieder mit Muti zusammengesetzt habe, zeigte ich ihm einen Stapel an Publikationen Neshats. Er erfasst das ganz schnell. Nach wenigen Minuten sagte er: "Danke, das ist Aida."

Anna Netrebko singt die Titelrolle in "Aida" Foto © ORF

Mit William Kentridge, dem südafrikanischen Universalkünstler, haben Sie schon 2014 bei den Wiener Festwochen zusammengearbeitet.
MARKUS HINTERHÄUSER: Seit dieser "Winterreise" haben wir eine enge Beziehung. Bei einem meiner Besuche bei ihm in Johannesburg habe ich eine Inszenierung des "Woyzeck" von ihm gesehen. Das war einer der eindrucksvollsten und erschütterndsten Theaterabende, die ich je erlebt habe. Und so weit ist ja der Weg vom "Woyzeck" zum "Wozzeck" nicht. Insbesondere wenn man bedenkt, dass er in der Oper zuletzt die "Lulu" gemacht hat.

Welche Chancen für die Oper sehen Sie durch diese genreübergreifenden Persönlichkeiten?
MARKUS HINTERHÄUSER: Ich hoffe, dass das eine Vitalität hervorbringt, auch was das Publikum betrifft. Da kann es durchaus sein, dass Menschen kommen, die sich für Oper interessieren und solche, die sich eher für Bildende Kunst interessieren. Wenn dann aus dieser Heterogenität eine Homogenität wird, weil in dieser Vorstellung wirklich etwas Tragfähiges passiert, dann hat es funktioniert.

Eröffnet wird das Opernprogramm mit Mozart unter Teodor Currentzis. Wie wichtig ist es für die Festspiele, Mozart neu zu beforschen und Maßstäbe zu setzen?
MARKUS HINTERHÄUSER: Den Anspruch zu haben, das Geheimnis Mozart zu decodieren, wäre ganz schön vermessen. Aber es ist sehr wichtig, sich in Salzburg mit Mozart auf einem denkbar hohen Niveau auseinanderzusetzen, in einer vitalen, klugen, vielleicht auch polarisierenden Weise. Es war für mich klar, dass ich diese letzte Oper Mozarts in die Felsenreitschule setzen will, die doch eine ganz andere Anmutung hat. Dieser Ort mit Peter Sellars, der zu jenen Menschen gehört, die mir gezeigt haben, was Musiktheater sein kann und sein muss, und mit Currentzis - da bin ich sehr optimistisch.

Eines der "ärgerlichen Klischees", über die Sie gesprochen haben, ist wohl der Ruf Salzburgs als sommerlicher Fluchtpunkt für Privilegierte. Gleichzeitig gibt es derzeit wieder vermehrt den Anspruch an Kulturschaffende, sich politisch zu positionieren. Wie bewältigen Sie diesen Spagat?
MARKUS HINTERHÄUSER: Es ist für mich kein Spagat. Wir verkaufen mehr als 200.000 Karten, da weigere ich mich, Besucher über einen Kamm zu scheren. Es gibt eine Haltung, die Festspiele einzunehmen haben, um nicht anachronistisch zu sein. Denn es stimmt, dass wir hauptsächlich Werke aus der Vergangenheit spielen. Aber wenn diese Werke stark sind und stark umgesetzt werden, dann sind sie sehr, sehr gültig und geben uns ganz spezifisch die Möglichkeit, unsere Welt zu lesen. Die Phänomenologie und die Mechanik der Macht haben sich nicht wesentlich verändert. Man braucht keine Angst haben, dass einem durch diese Werke etwas vorenthalten wird.

Der neue 'Jedermann' Tobias Moretti und die neue 'Buhlschaft', Stefanie Reinsperger Foto © APA

Nun gibt es doch einen neuen "Jedermann". Warum?
MARKUS HINTERHÄUSER: Das war so nicht geplant. Wir hatten vor, die Inszenierung von Crouch und Mertes zu behalten bis 2020 und haben die allerallergrößte Mühe aufgebracht, um das zu ermöglichen. Wir haben sehr großzügige sechs Wochen Probenzeit anberaumt. Es sollte keine schnelle Wiederaufnahme sein, sondern wir wollten den nicht weniger als neun wirklich großartigen neu besetzten Schauspielern den nötigen Raum geben. Damit haben wir bei den beiden Regisseuren allerdings auf Granit gebissen. Möglicherweise ist das auch eine kulturelle Frage: im angelsächsischen Raum ist es ja üblich, dass Stücke über 16 Jahre völlig unverändert mit wechselnden Besetzungen gespielt werden - und das wird dann als großer Erfolg gesehen. Das ist aber nicht, was wir machen.

Die Entscheidung ist im April gefallen. Das ist logistisch, finanziell und auch künstlerisch ziemlich knapp ...
MARKUS HINTERHÄUSER: ... allerdings! Aber wir bekommen das hin. Das war auch einer Gründe, warum wir Michael Sturminger für die Regie gefragt haben: Wir konnten uns sehr gut vorstellen, dass er jemand ist, der den Domplatz fassen kann, der dieses Stück anpacken kann - und das auch mit einer gewissen Schnelligkeit.

Sie waren zuletzt drei Jahre Wiener Festwochen-Intendant. Was bringen Sie von Wien nach Salzburg mit?
MARKUS HINTERHÄUSER: Das ist recht offensichtlich (lacht): William Kentridge und Simon Stone. Romeo Castellucci für 2018.

Zur Person

Der österreichische Pianist und Intendant Markus Hinterhäuser ist seit Oktober 2016 Intendant der Salzburger Festspiele, wo er zuvor bereits als Konzertchef sowie 2011 als interimistischer Leiter tätig war.

2014 bis 2016 hatte er die künstlerische Verantwortung für die Wiener Festwochen inne. Als Pianist ist er viel beschäftigter Kammermusiker und Proponent der Musik des 20. Jahrhunderts. Bei der heurigen Festspielausgabe tritt er unter anderem als Pianist gemeinsam mit Igor Levit und dem Cuarteto Casals auf.

 

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